Alte Musik 2013 Alles im Fluss

Historische Räume für historische Musik: der Reichssaal in Regensburg.
Historische Räume für historische Musik: der Reichssaal in Regensburg. | Foto: Tage Alter Musik Regensburg

Es klingt paradox, aber Alte Musik ist jünger denn je. Das gilt für viele engagierte Ensembles ebenso wie für Aufführungen von Dortmund bis Stuttgart und Regensburg bis Herne. So war 2013 kein Jahr der großen Feuerwerke, aber eines der steten, generationsübergreifenden Veränderungen.

Der Begriff „Alte Musik“ ist eine Hilfskonstruktion, die mehrere Bedeutungen hat und deshalb leicht Verwirrung stiften kann. Der deutsche Wikipedia-Artikel etwa fasst darunter noch immer „europäische Musikstile aus verschiedenen Epochen vor etwa 1750“, während der englische Eintrag sich auf das New Grove Dictionary of Music und Musicians beruft, nach dem der Terminus „Early Music“ mittlerweile für jede Art von Musik verwendet wird, „für die ein historisch adäquater Aufführungsstil auf der Basis erhaltener Partituren, theoretischer Quellen, Instrumente und anderer Zeitzeugnisse rekonstruiert werden muss“.

Alte Musik als Denkanstoß

Wohlgemerkt: nicht „kann“, sondern „muss“. Auf Interpreten und Dirigenten, für die dieser Imperativ zur Selbstverständlichkeit geworden ist, bezieht sich das Schlagwort „Alte-Musik-Szene“ inzwischen auch im deutschen Fachjargon. Es bezeichnet, unabhängig von Epochengrenzen, die zumal in Deutschland höchst vielfarbige und heterogene Szene der „historisch informierten Aufführungspraxis“, und die ist längst im frühen 20. Jahrhundert angekommen. Je mehr sich die Erkenntnis durchsetzte, dass es nicht darum geht, das Klangbild entschwundener Epochen zu konservieren, sondern darum, die Wirkung von Musik mit den Mitteln zu verstärken, die der Komponist dafür vorsah, desto weiträumiger verbreiteten sich die Impulse der Alte-Musik-Bewegung, die dann – scheinbar paradox – zu einer tiefgreifenden Erneuerung von Spiel- und Hörgewohnheiten auch im etablierten Musikbetrieb führten.

Wagner in Dortmund

Der konzertante Parsifal, mit dem der Dirigent Thomas Hengelbrock und sein Balthasar-Neumann-Ensemble im Januar im Konzerthaus Dortmund für einen frühen Höhepunkt des Wagner-Jahres 2013 sorgten, darf also durchaus als Ereignis im Themenspektrum der Alten Musik gewertet werden. Hengelbrock, einst als Violinist Mitgründer des Freiburger Barockorchesters, passionierter Opernliebhaber und ruheloser Forschergeist, näherte sich dem sogenannten Bühnenweihfestspiel, das als Gipfel der Wagnerschen Instrumentations-Magie gilt, doch von Nebeln diffuser Kunstreligion und ideologischer Verzerrung umwabert ist, mit dem originalen oder nachgebauten Instrumentarium der Entstehungszeit. Gestützt auf die Probennotate des Wagner-Assistenten Heinrich Porges, der die verblüffend präzisen Klangvorstellungen und Sänger-Anweisungen des Meisters überlieferte, befreiten das Balthasar-Neumann-Ensemble und eine handverlesene Solistenriege die Musik von den Ablagerungen der letzten 130 Jahre. Ans Licht kamen berückende Farben, fein nuancierte Seelenzustände, eine neue Tiefe und zugleich Schlichtheit, die das Werk plötzlich ganz gegenwartsnah erscheinen ließ.

Grenzklänge

In Dortmund und unter Hengelbrocks Leitung hatte Cecilia Bartoli 2010 als Bellinis Norma debütiert, in der ersten historisch informierten Version einer der wichtigsten Belcanto-Opern. In einer Doppelrolle als Intendantin und Primadonna der Salzburger Pfingstfestspiele nahm die Sängerin jenes Experiment nun wieder auf, diesmal szenisch, mit Giovanni Antoninis „Giardino Armonico“ und mit noch triumphalerem Erfolg. Dass der Pfingstableger der weltberühmten Festspiele sich seit 1998 dem barocken Repertoire widmet und unter Bartolis Ägide der Alten Musik im erweiterten Sinne, kann als symptomatisch betrachtet werden: Es gibt, von Spezialveranstaltungen für zeitgenössische Musik abgesehen, kaum mehr ein Festival ohne eine kräftige Beimischung oder Ergänzung aus der „alten“ Sparte.
Masken vor dem Salzburger Festspielhaus Masken vor dem Salzburger Festspielhaus | Foto: Salzburger Pfingstfestspiele / Luigi Caputo

Regensburger Traditionen

Für echte Fans aber wird die Entscheidung an Pfingsten immer wieder zugunsten der Tage Alter Musik Regensburg ausfallen, des einzigen Festivals im deutschsprachigen Raum, das ausschließlich mit Konzerten in historischer Aufführungspraxis einen Bogen über rund tausend Jahre Musikgeschichte spannt, „vom Mittelalter bis zur Romantik“. 2014 feiert es sein 30-jähriges Bestehen mit zahlreichen Glanzlichtern, weshalb das Programm 2013 etwas weniger spektakulär geriet. Aber zwischen der Eröffnung mit Beethovens 1. Sinfonie und Mozarts Requiem („Concerto Köln“) und dem Finale mit Haydn samt Zeitgenossen („Les Agrémens“ aus Belgien) waren auch diesmal Inspiration, Entdeckerfreude und Diskussionsstoff garantiert.

Osteuropa im Fokus

Ein Charakteristikum der Alte-Musik-Szene, die internationale Vernetzung und Kooperation, lässt sich in Regensburg seit jeher trefflich beobachten: Dieselben Musiker spielen in Ensembles aus verschiedenen Ländern Europas; aus den USA, Kanada oder Australien kommen Gruppen, die sich in europäischen Stiltraditionen souverän bewegen. Der osteuropäische Raum aber, der sich aus naheliegenden Gründen dem Trend erst später anschließen konnte, ist für viele Hörer noch immer Terra incognita. Umso verdienstvoller war das Projekt des Festivals „Tage Alter Musik in Herne“, 2013 die „Klanglandschaften Osteuropas“ in den Fokus seiner 38. Ausgabe zu stellen und hochspannende Begegnungen mit Musikern aus Rumänien und Serbien, Russland und Lettland, Polen, Ungarn und Tschechien zu ermöglichen.

Die Ära Rilling

Das prominenteste dieser Ensembles, das Prager „Collegium 1704“ um den Cembalisten, Hornisten und Dirigenten Vaclav Luks, hatte zuvor schon beim Musikfest Stuttgart gastiert, an dem Ort also, wo sich 2013 ein wahrhaft historischer, wenngleich überfälliger Generationswechsel ereignete: Der 24. August war der Tag der „Stabübergabe“ von Helmuth Rilling, dem jetzt 80-jährigen Gründer und jahrzehntelangen Leiter der Internationalen Bachakademie, der Gächinger Kantorei und des Bach-Collegiums Stuttgart, an Hans-Christoph Rademann, Jahrgang 1965, aus Dresden. Und obwohl der Nachfolger, der bis auf weiteres auch noch den von ihm gegründeten Dresdner Kammerchor sowie den RIAS-Kammerchor leitet, sich nicht als Revoluzzer gebärdet, macht er keinen Hehl daraus, dass er mit der „historischen“ Aufführungspraxis groß geworden ist und die Stuttgarter Bachpflege behutsam in diesem Sinne umgestalten will. Helmuth Rilling aber war, was das betraf, der letzte Mohikaner: Zu Zeiten von Karajan und Karl Richter noch Pionier eines schlankeren Bach-Klangs, verweigerte er sich später mit staunenswertem Beharrungsvermögen den Einsichten und Anregungen der Alte-Musik-Bewegung. Seine Fangemeinde ist noch immer groß. Was Rademann bei den konservativen Schwaben riskieren kann, muss sich zeigen.
Hans-Christoph Rademann Hans-Christoph Rademann | Foto: Bach-Collegium Stuttgart / Holger Schneider

Jubiläen

Zwei Wegbereiter der Alten Musik aus der zweiten Generation feierten 2013 ihren 60. Geburtstag: Konrad Junghänel, vom früh gefeierten Lautenisten und „Cantus Cölln“-Ensembleleiter zum gefragten Dirigenten avanciert, und Thomas Albert, Barockgeiger und Initiator der „Akademie für Alte Musik Bremen“, der ersten deutschen Ausbildungsstätte ihrer Art, sowie Gründer und Intendant des Festivals „Musikfest Bremen“, dessen Schwerpunkt ebenfalls in der Alten Musik liegt. Gedenken durfte man außerdem einer Gruppe, die nur noch als Legende existiert: Das Barockorchester „Musica Antiqua Köln“ wäre, wenn es sich nicht nach dem krankheitsbedingten Ende der Violinkarriere seines Leiters Reinhard Goebel aufgelöst hätte, 40 Jahre alt geworden. Und schließlich: Concerto, das führende deutschsprachige Magazin für Alte Musik und Historische Aufführungspraxis, konnte sein 30-jähriges Bestehen und seine 250. Ausgabe zelebrieren.

Kritische Stimmen

Darin übrigens beklagt der Wiener Barockexperte Bernhard Trebuch den mangelnden künstlerischen Wagemut heutiger Alte-Musik-Protagonisten, den Hang zur Nachahmung und zu „prima vista“-Interpretationen – eine Warnung, die man im Auge behalten sollte. Hört man dann allerdings Aufnahmen wie die Neueinspielung von Bachs Brandenburgischen Konzerten durch die „Hofkapelle München“ unter Leitung des Barockgeigers Rüdiger Lotter, die im November 2013 erschienen ist, sorgt man sich nicht mehr um Risikofreude, Originalität und Können der nachwachsenden deutschen Aufführungspraktiker: Wer diesem Repertoire noch so viele neue, erstaunliche Facetten abgewinnt, muss eine glänzende Zukunft vor sich haben.

Blick nach vorn

Eine Zukunft haben offenbar auch die Händel-Festspiele Halle, die im Juni 2013 wegen akuter Bedrohung durch Hochwasser abgesagt wurden. In hochdramatischen Debatten wurde damals das endgültige Aus des Festivals prophezeit, aber das Programm für 2014 wirkt so verheißungsvoll, als sei nichts geschehen. Zum Glück, denn mag die deutsche Festival-Landschaft für Alte Musik noch so reich bestückt sein: Die vielen hochqualifizierten Instrumentalisten und Sänger, deren Existenzbedingungen auf dem freien Markt immer schwieriger werden, könnten auf keine dieser Veranstaltungen verzichten.