Zeitenwende um 1600 Zeitenwende in der Musik

​Um 1600 wurde die musikalische Landschaft Europas, von Italien ausgehend, durch tiefgreifende Veränderungen geprägt und die Vokalpolyphonie als führender Musikstil abgelöst. Mit dem stile nuovo entwickelte sich bei den Komponisten und Hörern ein grundlegend neues Musikverständnis, verbunden mit der Entstehung zahlreicher neuer musikalischer Gattungen und Formen.

Im Jahr 1607 wurde am Hof der Adelsfamilie Gonzaga im norditalienischen Mantua die Oper Orfeo von Claudio Monteverdi uraufgeführt. Im Prolog des Stückes tritt die allegorische Figur der Musica auf und kündigt eine Geschichte an, die nicht nur vom Schicksal des Sängers Orpheus handelt, sondern auch von der mächtigen Kraft der Musik, der es gelingt, die Unterwelt zu besänftigen und Einfluss auf die Seele des Menschen zu nehmen. Wörtlich heißt es:

"Ich bin die Musik, die mit süßen Tönen
jedes gequälte Herz zu beruhigen weiß,
und mal von edlem Zorn und mal von Liebe
die eisigsten Gemüter entflammen kann."

Der zitierte Abschnitt darf als paradigmatisch für den tief greifenden Umbruch in der Musik gelten, der sich in den Jahrzehnten vor und nach 1600 ereignete. Von Italien ausgehend, vollzog sich bald in ganz Europa in rasanter Geschwindigkeit ein radikaler Wandel des musikalischen Stils, der sowohl neue kompositorische Techniken und Formen als auch generell eine neue Auffassung über die Funktion der Musik einschloss.

Alter und neuer Stil

Im 15. und 16. Jahrhundert galt die frankoflämische Vokalpolyphonie als führender Musikstil in vielen europäischen Regionen. Es entstand eine Vielzahl von Messen und Motetten in kunstvoller Mehrstimmigkeit, meist unter Anwendung gelehrter kontrapunktischer Strukturen. Im Mittelpunkt stand weniger das vertonte Wort, sondern die Komplexität der Musik.

In der Zeit um 1600 wurde dieses Prinzip praktisch umgekehrt. Statt fünf- oder sechsstimmiger Vokalmusik mit raffinierter Satzweise erklangen plötzlich Solostimmen und wurden dabei lediglich von einer durchgängigen instrumentalen Bassstimme, dem Basso continuo, begleitet. Die Textverständlichkeit wurde zu einem wichtigen Kriterium, wie der römische Komponist Ludovico Viadana 1602 im Vorwort zu seinen Cento concerti ecclesiastici betonte: "Ich habe mich bemüht, die Worte so unter die Noten zu setzen, dass sie gut deklamiert werden und darüber hinaus vollständig und mit zusammenhängendem Sinn von den Zuhörern verstanden werden können."

Außerdem achteten die Komponisten in ihren Werken vielfach auf gut hörbare Melodien sowie nachvollziehbare Rhythmen und Harmonien. Auch Instrumente erhielten durch ihre obligate, konzertierende Stimmführung eine neue Bedeutung und Ausdruckskraft. Sowohl die menschlichen als auch die instrumentalen Stimmen vermittelten dem Hörer durch charakteristische Affekte eine Verdeutlichung des Textes bzw. des Gesamtausdrucks.

Dem italienischen Ursprungsland entsprechend, wurde die neue Art des Komponierens und Musizierens "stile nuovo" oder auch "seconda pratica" – jeweils in Abgrenzung zum "stile antico" bzw. der "prima pratica" – genannt. Den Unterschied zwischen alter und neuer Kunst brachte wiederum Claudio Monteverdi auf den Punkt, in dessen Scherzi musicali von 1607 zu lesen ist:

"Prima pratica bezeichnet die Kompositionsart, welche die Vollkommenheit der Harmonie ["armonia" = die alten Tonsatzregeln] anstrebt, die hier nicht Dienerin, sondern Herrin der Rede ["oratione" = die Sprachbezogenheit der Musik] ist. Seconda pratica benennt dagegen jene Kompositionsart, die sich auf die Vollkommenheit der Melodie konzentriert und die Rede zur Herrin über die Harmonie bestimmt."

Neue Gattungen und Formen

Geradezu zwangsläufig ging mit der Herausbildung dieser kompositorischen Prinzipien die Entwicklung neuer musikalischer Gattungen und Formen einher, um den Strukturen des "stile nuovo" besser gerecht werden zu können.

Die stürmischste Entwicklung nahm dabei zweifellos die Oper, in der sich Text, Musik, Handlung, Tanz und Bühnenbild in vorher nicht gekanntem Maße zu einer Einheit verbanden. Von einem kleinen Kreis antikenbegeisterter Aristokraten Ende des 16. Jahrhunderts in Florenz angeregt, wurde von Mäzenen, Musikern und Geschäftsleuten sehr schnell erkannt, welch hohes Potenzial im Musiktheater verborgen war. Fürsten und Herzöge sahen Opernaufführungen als hervorragendes Mittel der höfischen Repräsentation an und veranstalteten prächtige und großzügig ausgestattete Aufführungen. Gleichzeitig öffneten in Venedig und anderen Städten kommerziell betriebene Opernhäuser. Unter der Führung eines Impresarios, der die künstlerische und ökonomische Verantwortung trug, entstanden kleine Opernunternehmen, die von der Gunst und den finanziellen Möglichkeiten des Publikums abhängig waren.

Als beliebte Form des außerliturgischen Musizierens in der Kirche bildete sich ebenfalls um 1600 das Oratorium heraus – benannt nach den Betsälen verschiedener geistlicher Bruderschaften, in denen regelmäßig Andachten mit hohem Musikanteil veranstaltet wurden. Die Komponisten von Opern, Oratorien, aber auch von geistlichen Konzerten und weltlichen Kantaten reihten in ihren Werken vor allem Rezitative, Arien und Liedformen aneinander und schufen somit die formale Basis für das vokale Musizieren während der gesamten Barockepoche.

Das Bestreben, Instrumenten einen eigenständigen Wert zuzuerkennen, äußerte sich durch das Experimentieren mit verschiedensten Besetzungen und Formen. Das Spektrum reicht von solistischer Violinmusik über verschiedene kammermusikalische Gattungen (begleitete Solosonate, Triosonate, Quartettsonate) bis hin zum Concerto grosso.

Von Italien nach Deutschland

Die Kunde vom "stile nuovo" drang rasch auch in die deutschen Lande vor. Über ein gut funktionierendes Netzwerk von Druckern, Verlegern und Händlern waren italienische Notenausgaben schon bald nach ihrem Erscheinen auch nördlich der Alpen erhältlich; darüber hinaus reisten viele Musiker selbst nach Italien, um die Neuerungen vor Ort studieren zu können. So hielt sich Heinrich Schütz zweimal für längere Zeit in Venedig auf, begegnete dort Giovanni Gabrieli und vermutlich auch Claudio Monteverdi und übernahm zahlreiche Anregungen in sein kompositorisches Werk. Noch 1647, im Vorwort der Symphoniae Sacrae II, betonte Schütz die "italienische Manier", nach der er sich bei der Komposition gerichtet habe, und erwähnt dabei des "scharfsinnigen Herrn Claudii Monteverdens Meynung", wonach die Musik im neuen Stil "nunmehr zu ihrer entlichen Vollkommenheit gelanget seyn soll".

Aber auch zahlreiche andere Komponisten aus dem deutschsprachigen Raum unternahmen Bildungsreisen in den Süden, so beispielsweise Johann Jakob Froberger, der bei Girolamo Frescobaldi lernte, und Christoph Bernhard, der Unterweisungen von Giacomo Carissimi erhielt. Noch ein knappes Jahrhundert später hielt sich schließlich der junge Georg Friedrich Händel in Rom auf und musizierte dort an der Seite von Arcangelo Corelli und Domenico Scarlatti.

Im Laufe des 17. Jahrhunderts etablierte sich der neue Stil in ganz Europa und setzte damit auch eine neue Einstellung zur Musik durch. Im Mittelpunkt vieler Kompositionen stand nicht mehr eine gelehrte Abstraktion, sondern – übermittelt durch den verständlichen Text, die nachvollziehbaren Strukturen und die musikalischen Affekte – der Mensch mit seinen unterschiedlichen Seelenzuständen.