Alte-Musik-Szene Ensembles und Solisten

Ausgehend von den Anfängen in Köln hat sich die Alte Musik in Deutschland in den letzten Dekaden zu einem wichtigen Genre im bundesweiten Konzertleben entwickelt. Dabei prägen insbesondere freie Ensembles und Solisten die Szene – viele von ihnen spielen auf internationalem Niveau.

Die Geschichte der historischen Aufführungspraxis in Deutschland begann in Köln beim damaligen NWDR (Nordwestdeutscher Rundfunk). Am 18. September 1954, drei Jahre bevor Nikolaus Harnoncourt mit seinem Concentus Musicus an die Öffentlichkeit trat, spielte die Cappella Coloniensis ihr Debütkonzert im Großen Sendesaal des heutigen WDR. Auf dem Programm stand die Kantate Schwingt freudig euch empor (BWV 36) und die Ouvertüre der Orchestersuite Nr. 1 C-Dur (BWV 1066) von Johann Sebastian Bach. Anwesend waren Bundespräsident Theodor Heuss und Wirtschaftsminister Ludwig Ehrhardt. Am Rande sei vermerkt, dass schon in den 1930er-Jahren im Umkreis des Industriellen Hans Eberhard Hoesch in Hagen-Kabel erste Konzertversuche mit historischen Instrumenten unternommen wurden – zum Teil von denselben Personen, die später in Köln nach dem Zweiten Weltkrieg wieder damit anfingen.

Zentren der Alten Musik in Deutschland

Köln ist bis heute ein Zentrum der Alten Musik in Deutschland, obwohl inzwischen vieles ohne den WDR als ortsansässige Landesrundfunkanstalt stattfindet. Die Cappella Coloniensis machte bis in die 1970er-Jahre hinein weltweit Furore mit Konzertreisen bis nach Hongkong und São Paulo. Bis 2004 vom WDR getragen und mittlerweile in freier Trägerschaft, setzte das Orchestermit der Aufführung und Einspielung von Opernwerken des 19. Jahrhunderts noch einmal Maßstäbe, zuletzt 2005 mit Wagners Oper Der fliegende Holländer erstmals auf historischen Instrumenten und in der Urfassung von 1841. Zuvor hatte aber längst ein anderes Ensemble der Cappella Coloniensis den Rang abgelaufen: Musica Antiqua Köln unter Reinhard Goebel, die bis 2006 existierte. Goebel war es, der seit den 1970er- und 1980er-Jahren den Interpretationsstil von Alter Musik in Deutschland prägte: die zupackende, in der Artikulation geschärfte, nicht auf weichen Schönklang, sondern auf eine klangliche Diversifizierung achtende und in der Tempowahl bisweilen extreme Spielweise.

Die Alte Musik ist im heutigen Musikleben zu einem Erfolgsmodell geworden und hat Wurzeln geschlagen weit über Köln hinaus. Neben Köln gibt es weitere regionale Ballungszentren wie Berlin, Freiburg, München, Stuttgart oder Hamburg. Das Deutsche Musikinformationszentrum des Deutschen Musikrates zählt aktuell 190 Ensembleeinträge zu Alter Musik, wobei diese Liste keineswegs vollständig sein dürfte, denn die Szene ist ständig in Bewegung. Spezifisch ist für diese Szene nämlich, dass es in Deutschland – anders als zum Beispiel in Frankreich – keine institutionelle Verankerung der Alten Musik in Form von staatlichen oder städtischen Kulturorchestern oder Musiktheatereinrichtungen mit Fokus Alte Musik gibt. Die Alte Musik gehört zur sogenannten freien Musikszene. Das eröffnet Chancen im Hinblick auf künstlerische Freiheit und Innovationsfähigkeit, birgt aber große Risiken finanzieller Art für die ausübenden Musiker.

Drei Universalorchester der Alten Musik

Im Orchesterbereich gibt es in Deutschland heute drei Alte-Musik-Formationen, die eine internationale Bedeutung erreicht haben: Concerto Köln, Akademie für Alte Musik in Berlin und das Freiburger Barockorchester. Ihren Weltrang haben sich diese Orchester vor allem durch international produzierte und präsentierte Opernprojekte in Zusammenarbeit mit Dirigentenstars der Alten Musik wie René Jacobs, Ivor Bolton oder Marcus Creed erarbeitet. Überhaupt ist die Alte Musik trotz nationaler Ausprägungen eine europäische Szene. So profitieren beispielsweise die deutschen Ensembles von der viel stärkeren Präsenz der Barockoper auf französischen Festivals: Während Barockopern nämlich hierzulande vor allem bei den Händel-Festspielen in Halle und Göttingen systematisch erarbeitet werden, prägen sie in Frankreich landauf, landab die Festivalprogramme und stellen zum Teil einen Ersatz für den regulären Opernbetrieb dar.

Die drei genannten Klangkörper sind so etwas wie die deutschen Universalorchester der Alten Musik. Jemand nannte Concerto Köln einmal die Berliner Philharmoniker des Originalklangs. Daneben gibt es eine Reihe spezialisierter Orchester wie das Balthasar-Neumann-Ensemble von Thomas Hengelbrock, die Berliner Lauttencompagney von Wolfang Katschner oder Cantus Cölln von Konrad Junghänel. Spezialisiert heißt in der Alten Musik, wenn auch Werke des 17. Jahrhunderts einen wichtigen Repertoirepfeiler des Ensembles bilden und nicht nur die des Hochbarocks. Denn jenseits von Bach und Vivaldi ist trotz des großen Booms der letzten 30 Jahre die Alte Musik Sache eines speziell interessierten Publikums geblieben, genauso wie die zeitgenössische Musik jenseits von Strawinsky und Strauss.

Die Ensembles der Stuttgarter Bachakademie hingegen bilden zur historischen Aufführungspraxis einen interpretatorischen Gegenpol genauso wie die schon zu DDR-Zeiten entstandenen Ensembles in Leipzig und Dresden. Diese und noch einige andere Ensembles spielen Alte Musik auf modernen Instrumenten, ohne deswegen einen symphonischen Breitwandklang anzustreben, wie er zu Zeiten von Herbert von Karajan oder Karl Richter üblich war.

Keine ausgeprägte Solistenszene

Anders als im klassischen Kammermusikbereich gibt es in der Alten Musik keine ausgeprägte Solistenszene. Wegen der besonderen Struktur der Szene können Solisten nicht in dem Maß wie im Klassikmarkt von Agenturen in bestehende Ensembles vermittelt werden – mit Ausnahme der Gesangssolisten. Vermehrt gründen Alte-Musik-Solisten selbst Ensembles, wie die Blockflötistin Dorothee Oberlinger das Ensemble 1700, die Gambistin Hille Perl das Ensemble Los Otros oder die Oboistin und Schalmei-Spielerin Katharina Bäuml die Capella de la Torre, die alle zur jüngeren Generation zählen. Aus der mittleren Generation wären zu nennen der Flötist Michael Schneider mit La Stagione Frankfurt, der seit Jahrzehnten in Köln wirkende englische Zinkenist Roland Wilson mit Musica Fiata oder das Trompeten Consort um Friedemann Immer.

Etwas anders verhält es sich mit den Tastenmusikern, Cembalisten und Organisten, die in der Alte-Musik-Szene immer Ensembleleiter per se sind (und darin ihren historischen Vorbildern nacheifern). Die bekanntesten Cembalo- und Fortepiano-Spieler, die ohne eigenes Ensemble als Solisten Erfolge feiern, sind in Deutschland Christine Schornsheim, die heute in München wirkt, und der Kölner Andreas Staier, die übrigens zusammen auch im Duo auftreten.

Die mittelalterliche Musik ist in Deutschland im Vergleich etwa zu Frankreich nur durch wenige Ensembles vertreten. Es gibt zwar die beiden Tübinger Gruppen Ensemble Officium mit einem Schwerpunkt auf dem Choralgesang und das Ensemble Ordo Virtutum mit einem Interesse an mittelalterlichem Musiktheater, aber viele der profilierten Solisten mit Spezialgebiet Mittelalter arbeiten im Ausland, zum Beispiel im Umkreis von Benjamin Bagby, der weltweit die Maßstäbe in der Rekonstruktion mittelalterlicher Musik gesetzt hat und seinen Wirkungsschwerpunkt 2001 von Köln nach Paris verlegt hat. Ein Trend der letzten Jahre sind Grenzgänge zwischen Weltmusik und Mittelalter. Auf den seriösen Folkfestivals gastieren "Mittelalter-Gruppen" mittlerweile genauso wie auf den etablierten Alte-Musik-Festivals in Deutschland in Herne oder Regensburg.

Sparten – und Ländergrenzen durchlässig

Was die Alte-Musik-Szene in Deutschland, die – wahrscheinlich wie keine andere – europäisch ausgerichtet ist, auszeichnet, ist die enorme Flexibilität in künstlerischer und ökonomischer Hinsicht. Es ist selbstverständlich, dass die deutschen Instrumentalisten in französischen Formationen wie Les Musiciens du Louvre oder in Ton Koopmans Amsterdam Baroque Orchestrea spielen, dort Konzertmeisterpositionen innehatten wie die Geiger Anton Steck und Florian Deuter und umgekehrt Hiro Kurosaki, ein Wiener Geiger japanischer Herkunft, die leitende Funktion genauso bei der Cappella Coloniensis ausübt wie bei Les Arts Florissants in Paris.

Längst sind für die Alte Musik die Grenzen zum 19. Jahrhundert gefallen oder tun sich das Freiburger Barockorchester mit Avantgardekomponisten (Benjamin Schweitzer, Rebecca Saunders) und Concerto Köln mit Jazzmusikern (Uri Caine) zusammen, dirigieren einstige Puristen wie Reinhard Goebel Kulturorchester, die auf modernen Instrumenten spielen oder wieder andere setzen auf interkulturelle Begegnungen. Stand also die Alte Musik – zu Recht oder Unrecht – in den 1970er- und 1980er-Jahre noch im Ruf einem reinem Spezialistentum zu frönen, so bildet sie heute eine Grundfarbe des Konzertlebens.