Konzertreihen und Festivals Nicht nur für Liebhaber und Spezialisten

Neben Schallplatte und Radio spielten Konzerte bei der Popularisierung der Alten Musik in den vergangenen Jahrzehnten eine entscheidende Rolle. Heute gibt es in Deutschland eine fast unüberschaubar große Anzahl an Alte-Musik-Festivals und -Konzertreihen.

Heutzutage ist nicht nur die Zahl der deutschen Alte-Musik-Veranstaltungen gewaltig, sondern auch ihre Bandbreite. Es gibt Festivals ausschließlich mit historischen Instrumenten und andere auch mit modernen, manche Festivals haben Themen, andere nicht. Die Vertreter des Alte-Musik-Lagers trifft man auch längst nicht nur bei Spezialfestivals der Szene an. Vielmehr lässt es sich kaum ein herkömmliches Klassikfestival mehr nehmen, sich mit Könnern der historisch informierten Aufführungspraxis zu schmücken. Meist handelt es sich dabei nur um ein Beiwerk, doch ein paar Klassikfestivals sind ohne die Alte Musik kaum denkbar.

Zuvorderst gilt dies für die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci, die seit 1991 von der lokalen (Musik-)Geschichte ausgehend Brücken in frühere Zeiten und zu anderen Orten schlagen. Weitere Klassikfestivals, bei denen die historische Aufführungspraxis eine repräsentative Rolle spielt, sind die Brühler Schlosskonzerte inklusive Haydn-Festival im und um Schloss Augustusburg, die Schwetzinger Festspiele sowie das Festival Rheinvokal.

Säulenheilige Händel und Bach

Die deutschen Festivals mit der längsten Aufführungstradition von Alter Musik in historischer Manier sind den beiden bekanntesten deutschen Barockmusikern Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel gewidmet. Insbesondere die Händel-Festspiele Göttingen, deren Ursprünge bis in die 1920er-Jahre zurückreichen und die sich als das weltweit älteste Festival für Alte Musik bezeichnen, sowie die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gegründete Bachwoche Ansbach luden schon in den 1970er-Jahren Alte-Musik-Spezialisten ein. Nach dem Ende der DDR holten die seit 1952 existierenden Händel-Festspiele Halle in dieser Hinsicht stark auf und das seit 1999 jährlich stattfindende Bachfest Leipzig tut ihnen dies bei der Musik des berühmten Thomaskantors gleich. Insgesamt gibt es hierzulande inzwischen fast ein Dutzend Veranstaltungsreihen im Namen von Händel und Bach. Der Reigen beginnt in jedem Frühjahr bei den Thüringer Bachwochen und reicht bis in den Herbst zu kleineren Konzertreihen, unter anderem in Weimar und Köthen.

Mitteldeutsche Vielfalt

Auffallend ist die Konzentration dieser Festivals in Mitteldeutschland und dieser Eindruck verstärkt sich noch, wenn man weitere Angebote dieser Region in den Blick nimmt: das dreigeteilte Schütz-Musikfest an den Gedenkstätten Bad Köstritz, Dresden und Weißenfels, die Magdeburger Telemann-Festtage, die Fasch-Festtage Zerbst und das Festival Güldener Herbst sind davon die bedeutendsten. Hier spiegelt sich die reiche Musikgeschichte dieser Städte ebenso wider wie die Möglichkeit, mit relativ geringen finanziellen Mitteln Veranstaltungsreihen mit überregionaler Ausstrahlung zu organisieren. Die Alte Musik vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert gibt auch kleinen Kommunen die Chance, ihren Bürgern ein ebenso hochwertiges wie breit gefächertes musikalisches Angebot zu unterbreiten. Während fast alle Festivals, die in den 1980er-Jahren in Metropolen wie München, Frankfurt, Stuttgart oder Heidelberg mit großen Ambitionen gestartet wurden, längst wieder verschwunden sind, blüht die Alte Musik auf dem Lande. Ideenreichen und engagierten Veranstaltern ist es gelungen, beispielsweise mit dem Fränkischen Sommer oder den Uckermärkischen Musikwochen, ganze Landstriche auf die Festivallandkarte zu bringen. An entgegengesetzten Rändern der Republik eifern ihnen das Musikfest Erzgebirge und die Tage Alter Musik im Saarland nach.

Die Barockmusik dominiert das Geschehen fast aller Veranstaltungen mit Alter Musik; Liebhaber noch älterer Klänge kommen jedoch bei zwei Spezialfestivals auf ihre Kosten. Für die Fans mittelalterlicher Musik ist das Festival Montalbâne in Freyburg an der Unstrut seit 1991 unverzichtbares Reiseziel; Ähnliches strebt das Wittenberger Renaissance Musikfestival für die darauf folgende Epoche an. Ein Spezialfestival ganz anderer Art sind die Stockstädter Musiktage, die seit Jahrzehnten um Christi Himmelfahrt herum zum Mekka der Blockflötenspieler werden. Internationale Ausstrahlung besitzen auch die Tage Alter Musik Regensburg an Pfingsten, die zahllose Deutschland- und Europadebüts von Ensembles bieten, sowie die traditionsreichen Tage Alter Musik in Herne im November, die stets ein Motto haben und ihre Konzerte mit Instrumenten-Messe und Fachsymposium ergänzen. Weitere Aushängeschilder der deutschen Alte-Musik-Szene sind das Festival Knechtsteden und die Zeitfenster-Biennale in Berlin, die immer wieder mit ihren Programmideen und Themenschwerpunkten überzeugen.

Konzerte übers Jahr verteilt

Festivals sind die Kristallisationspunkte der deutschen Alte-Musik-Aktivitäten, doch darüber hinaus gibt es diverse Konzertreihen mit Angeboten, die über das Jahr verteilt sind. Manche von diesen werden von Ensembles veranstaltet, wobei sich insbesondere die bekanntesten deutschen Barockorchester hervortun. Die Akademie für Alte Musik Berlin, das Freiburger Barockorchester und Concerto Köln haben in ihren Heimatstädten (und teils darüber hinaus) solche Reihen installiert. Auch andere Veranstaltungsserien sind um einheimische Spezialisten auf historischen Instrumenten herum organisiert, speziell das Forum Alte Musik Köln. Es gibt jedoch auch thematisch ausgerichtete Reihen wie die des Vereins Heinrich Schütz in Dresden sowie solche, die großartige historische Gebäude bespielen, etwa Le Nuove Musiche in der Schlossanlage Schleißheim bei München oder die Konzerte der Kirchengemeinde St.Aurelius im ehemaligen Kloster Hirsau im Schwarzwald.

Mehrere deutsche Konzertreihen der Originalklangszene sind an Instrumentensammlungen angeschlossen, so Alte Musik live im Staatlichen Institut für Musikforschung Berlin, die Schlosskonzerte Bad Krozingen und die bereits seit 1956 existierende Musica Antiqua im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg. Hier ist das Studio Franken des Bayerischen Rundfunks Mitveranstalter. Reihen anderer ARD-Sender, speziell NDR – Das Alte Werk sowie die WDR-3-Angebote Alte Musik in NRW und die Funkhaus-Konzerte Alte Musik runden das deutsche Veranstaltungsangebot mit Alter Musik ab.