Sammlungen und Bibliotheken Quellenlage und Bibliotheksbestände

Nichts ist für die historische Aufführungspraxis von Musik so wichtig wie der Blick ins Original. Die Mühsal, mit der in den Anfängen der Alten Musik das Auffinden und Erschließen des Repertoires verbunden war, ist heute weitestgehend einem gut sortierten Bibliotheksnetz gewichen.

Die Bundesrepublik Deutschland ist von einem dichten Netz hervorragend sortierter und hoch professionell geführter öffentlicher Bibliotheken überzogen, in denen die Musikalien des 18. Jahrhunderts fast ohne nennenswerte Verluste verwahrt werden. Ein Großteil dieser Institutionen arbeitet bereits mit Online-Katalogen. Bestellungen von Kopien, Mikrofilmen sowie CD-ROMs werden erfahrungsgemäß in wenigen Tagen ausgeführt und gegen Rechnung zugestellt.

Gedruckte Musikalien sind über das internationale Quellenlexikon RISM (Répertoire International de Sources Musicales) zu lokalisieren, handschriftliche Quellen über die Enzyklopädie Die Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG).

Höfische Musikalien des 18. Jahrhunderts

Im Wesentlichen ist es so, dass die Kompositionen, die für die höfische Musikpflege des Spätbarock und der Klassik komponiert wurden, an ihrem Ursprungsort verblieben oder in eine nahe gelegene größere Bibliothek überstellt wurden. Dennoch finden wir zum Beispiel die Mehrzahl der Instrumentalwerke Georg PhilippTelemanns in Darmstadt, allerdings fast ausnahmslos in Abschriften von der Hand des dortigen Hofkapellmeisters Christoph Graupner. Telemanns Autografe hingegen "wanderten" in die heutige Staatsbibliothek Berlin, die zudem auch über die weltweit reichsten Bestände an Bachiana verfügt: Durch geschickte Sammel-Politik ist hier fast der gesamte erhaltene Werkbestand Johann Sebastian Bachs, seiner Söhne und auch des riesigen Umfelds zusammengekommen.

Über Dresden muss man kein Wort verlieren: Die Kunst-Politik der Wettiner Fürsten hielt gleichsam als Privat-Besitz ohnehin alles unveräußerlich "an Ort und Stelle". Nahezu verlustfrei überstand der ausgelagerte Kunst-Besitz der Stadt das alliierte Bombardement im Februar 1945.

Die Musikalien des Mannheimer Hofs hingegen sind in München zu finden. Als Kurfürst Karl-Theodor am Silvestertag des Jahres 1777 die Nachfolge des dort soeben erloschenen Hauses Wittelsbach antrat, nahm er nicht nur sein berühmtes Orchester mit, sondern auch Kunstschätze: die Gemälde-Galerie und die Noten-Bibliothek. So genannter "Streu-Besitz" dieser "goldenen Jahre" Mannheims findet sich allerdings auch in Stuttgart, vor allem aber im nahe gelegenen Darmstadt.

Private Bibliotheken

Das vor allem handschriftliche Repertoire der zur gleichen Zeit ebenso berühmten Kapelle von Öttingen-Wallerstein hingegen wurde in jüngster Zeit in die Staats-und Universitäts-Bibliothek Augsburg umgezogen – das im Wesentlichen gedruckte Material der Fürsten von Bentheim-Tecklenburg in die Universitäts-Bibliothek Münster. Im Zusammenhang mit diesen vergleichsweise kleinen, immer noch privaten Sammlungen – zu denen auch die Musiksammlung der Grafen Schönborn in Wiesentheid/Bayern, ganz besonders aber die Sammlung des Hauses André in Offenbach/Main gehören – ist zu erwähnen, dass ihre Materialien auch heute noch nur mit besonderer Erlaubnis der Fürsten kommuniziert werden und keineswegs billig sind.

Erwähnenswert ist auch, dass alle bayrischen Bibliotheken und ihre Bestände in hervorragenden Katalogen aus dem Henle-Verlag zugänglich gemacht wurden, dass vollständige Kataloge auch für Telemann und Bach publiziert wurden, dass es einen Katalog der Musikalien der Berliner Sing-Akademie gibt – überhaupt die Musik des 18. Jahrhunderts in Deutschland vorbildlich erschlossen ist.

Manuskripte des 17. Jahrhunderts

Dergleichen Lob kann man für die Materialien des 17. Jahrhunderts kaum aussprechen. Einerseits fehlt infolge beinahe endloser kriegerischer Auseinandersetzungen in Zentral-Europa (und damit das spätere Deutschland) zwischen 1600 und 1700 der größte Teil dieses Repertoires (was nicht Opfer von Kriegshandlungen wurde, ging in aus heutiger Sicht unsinnigen Aufräum-Aktionen verloren). Andererseits schlugen bislang alle bekannt gewordenen Versuche fehl, ein Gesamt-Verzeichnis der originär deutschen Instrumental-Kompositionen zu erstellen.

Allerdings ist festzustellen, dass neben riesigen Verlusten dieses Repertoire doch wenigstens teilweise rekonstruierbar ist: dank der wundervollen Düben-Sammlung in Uppsala/Schweden, ihrem französischen Pendant, der in der Bibliothèque Nationale de France verwahrten Collection Brossard und der Sammlung im tschechischen Kromeriz (alle sind durch hervorragende Kataloge erschlossen).

Denn die Höfe und Klöster pflegten belegbaren Austausch ihrer Musikalien. So lassen sich Vermittlungswege zwischen Kassel, Dresden und Stockholm nachweisen, solche zwischen Dresden, der ehemals habsburgischen Lausitz und dem mährischen Kromeriz, wie auch zwischen verschiedenen Orten und dem 1681 von Frankreich okkupierten Elsass.

Das immerhin Erhaltene des ansonsten in Deutschland selbst weitgehend verlorenen Materials ist an den genannten drei Orten zu finden, aber vor Überraschungen ist man nie sicher: Die Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel/Niedersachsen verfügt über einen ungeheuren Bestand an Handschriften-Konvoluten des 17. Jahrhunderts, der in seiner Breite nur Insidern bekannt ist.

Sammlungs-Geschichte

Immer und überhaupt lohnt es sich, auf der Suche nach dem vermeintlich "verlorenen Meisterwerk" sämtliche Kataloge zu durchstöbern. Das Repertoire der Bonner Hofkapelle zur Zeit des jungen Ludwig van Beethoven befindet sich – man glaubt es kaum – im italienischen Modena. Damit kommt ein wichtiger, aber wohl kaum zu leistender Punkt zur Sprache: Eine Sammlungs- und Provenienz-Geschichte, die Fragen wie "Was kam wann und vor allem warum an diese Institution?" beantworten könnte, gibt es für den überwiegenden Teil der deutschen Bibliotheken (noch) nicht. Die Irrwege der Geschichte sind in diesem ehemals so zersplitterten Land wahrhaft unermesslich.

Wer suchet, der findet

In deutschen Bibliotheken gibt es wohl beileibe nichts Revolutionäres mehr zu finden. Das hervorragend ausgebildete Personal hat schon mehrfach vergebens nach den mindestens 150 verschollenen Bach-Kantaten gesucht. Fehlende Steinchen im zu rekonstruierenden Mosaik der Musik zwischen 1600 und 1800 aber sind nicht unüblich: quaerendo invenietis (wer suchet, der findet).