Subkulturen der 1960er-Jahre Avantgarde und Populärmusik

Die neu entstandenen Jugend- und Subkulturen der 1960er-Jahre entern die Unterhaltungsmusik - populäre Kultur und Avantgarde treffen sich jenseits des Mainstreams.

Die Beatles beriefen sich auf Stockhausens Hymnen und experimentierten auf I am the walrus und Revolution nr. 9 mit der musique concrète. Durch den Sound von Velvet Underground zogen sich die lang gehaltenen Töne John Cales, der beim Minimalisten LaMonte Young in nächtelangen Experimenten gelernt hatte. Ebenso beeinflusst von Stockhausen waren Miles Davis und sein Produzent Teo Macero, etwa in der 1973er Produktion On the Corner. Davis verstand Stockhausens Arbeiten als „ein Prozess des Weglassens und Hinzufügens“. Das Studio wurde durch die Möglichkeiten von Overdubs, Nachbearbeitung und Effekten selbst zum Instrument. Die Beatles zogen sich von der Bühne zurück, weil ihr Studioaufwand live nicht zu reproduzieren war.

1967 wurden die ersten Aufnahmen des Buchla- und im Jahr darauf des Moog-Synthesizers vorgestellt Don Buchla zielte mit seinem Modell eher auf die zeitgenössische kompositorische Praxis, wie es Morton Subotniks Buchla-Komposition Silver Apples on the Moon demonstrierte. Dagegen war Robert Moogs Synthesizer als populäres Musikinstrument gedacht. Er sollte zugleich neue Sounds produzieren und herkömmliche Instrumente imitieren, wie Walter (später Wendy) Carlos mit seiner Moog-Version populärer Bach-Stücke auf dem Bestseller Switched On Bach demonstrierte.

Krautrock

Was heute als Krautrock identifiziert wird, ist eine höchst heterogene Szene, in der bombastischer, klassizistischer Jazzrock ebenso wie psychedelische Ausschweifungen und avantgardistische Experimente möglich waren. Dennoch teilen vor allem die heute kanonisierten Krautrocker wie Can, Kraftwerk, Neu! und Faust eine gewisse „Motorik“, wie der britische Autor Simon Reynolds den oft gleichförmigen, nicht-expressiven Puls nennt. Sie führen selbst Funk-Anleihen mit der Präzision eines Metronoms aus, verzichten meist auf klassische Songstrukturen und die Bluesorientierung des Rock.

Can formierte sich Ende 1967 in Köln. Mit wechselnden Sängern zeichneten die Stockhausen-Schüler Holger Czukay und Irmin Schmidt, Freejazz-Drummer Jaki Liebezeit und Gitarrist Karoli endlose, intensiv-rhythmische Improvisationen mit einer Zweispurmaschine auf. Daraus wurden später Stücke zusammen geschnitten, wofür sie nachts heimlich das Elektronikstudio des WDR benutzten. Durch die Verwendung dieses von Stockhausen inspirierten Montage-Verfahrens wurden sie zu den rockenden Vorvätern späterer Schnipsel-Elektroniker. Gemessen an ihrer Nachwirkung blieb Cans Erfolg zu Lebzeiten bescheiden. 1971 konnten sie immerhin einen Hit landen, als sie für den TV-Straßenfeger Das Messer ihre Single Spoon komponierten.

Ebenfalls mit überwiegend konventionellen Instrumenten, wenn auch ohne den abstrakten Groove von Can, experimentierten Tangerine Dream – von Edgar Froese 1969 in Berlin gegründet – mit Geräuschen und freien Strukturen; auf ihrem ersten Album von 1970 finden sich neben Orgeln und Gitarren auch Klänge von Peitschen und Pergamentpapier. Ab 1971 widmeten sie sich immer mehr Synthesizern und anderen elektronischen Instrumenten. Trotz zunehmender Rhythmisierung trieben sie den kitschig-sphärischen Appeal ihrer Musik voran, den auch Klaus Schulze, ein weiteres Mitglied der so genannten Berliner Schule kosmischer Musik und kurzzeitiges Mitglied von Tangerine Dream verfolgte. Der Einfluss ihrer wabernden, hypnotischen Klang-Teppiche auf die heutige Trancetechno-Szene ist nicht zu überhören.