Impulse der 1980er-Jahre Postpunk, Industrial und Neue Deutsche Welle

Britische Bands wie Emerson, Lake and Palmer (ELP) oder Yes entwickelten genau wie Eloy, Nektar und Tangerine Dream in Deutschland einen Hang zum Bombastischen.

Ihre sinfonischen Strukturen, die kunstmusikalisch-virtuose Stilisierung und die technologische Materialschlacht führten spätestens ab 1976/77 zu heftigen Gegenreaktionen.

Punk propagierte Riot & Anarchy, simple Formen, „do it yourself“-Strukturen, Konventionsbrüche und Experimente. Versatzstücke, die sich ein Jahrzehnt später auch in der elektronischen Szene wiederfanden. Nicht nur die „Underground-Resistance“-Haltung der Techno-Pioniere in Detroit, sondern auch viele Verweise in Design und Mode bis hin zur Henry-Rollins-artigen Bühnenshow des Berliner Elektro-Berserkers T. Raumschmiere lassen einen direkten Punk-Bezug erkennen. Aus heutiger Perspektive scheint die musikalische Punkrevolution vor allem in den ersten Post-Punk-Jahren von etwa 1979 bis ’83 verwirklicht. Diese New-Wave-Phase bezog sich weniger auf die Ursprünge des Rock’n’Roll als auf die Kunst- und Musik-Avantgarden der Moderne, auf die Bewegungen des Dada, des Konstruktivismus und des Expressionismus.

Aus dem Umfeld des Düsseldorfer Punktreffs Ratinger Hof entstanden elektronische, tanzbare New-Wave-Bands wie unter anderem die Krupps, die dadaistischen Elektro-Spieler von Der Plan und das Duo Deutsch Amerikanische Freundschaft, die, von Conny Plank produziert, als D.A.F. zu den ersten Protagonisten der „Electronic Body Music" wurden.

Hochschul-Drummer Robert Görl und Autodidakt Gabi Delgado nahmen die düsteren Krachvisionen von Industrial und wandelten sie zu einem elektronisch hämmernden, schweißtreibenden Retro-Futurismus, der mit dem Eros der Maschinen, provokanter Politsymbolik und harter Homoerotik spielte.

Hamburg war eher mit avantgardistischen Rockkonzepten vertreten, besaß aber mit der Zeitschrift Soundsund Aktivisten wie dem späteren Pop-Papst Diedrich Diederichsen und dem Journalisten und Labelchef Alfred Hilsberg durch seine Produktionsarbeit sowie die Kolumne „Neuestes Deutschland“ infrastrukturellen Einfluss. Aus dem Kreis der dadaistisch-intellektuellen Band Palais Schaumburg kommt mit Thomas Fehlmann zudem einer der zentralen aktuellen Berliner Elektronikpropagandisten. In der Mauerstadt Berlin gründeten sich 1980 die Einstürzenden Neubauten, die zu den prominentesten Vertretern der „Genialen Dilettanten“ wurden, so benannt nach einer Textsammlung Wolfgang Müllers, Kopf des grotesken, geräuschfreudigen Konzeptkunst-Trios Die Tödliche Doris.
Die Einstürzenden Neubauten erfanden – mit lärmenden rhythmisierten Toncollagen aus Schrottmetall und Billigelektronik sowie ihres Frontmanns Blixa Bargelds geschrienen neoexpressionistischen Texten – eine radikale Form des Industrial, deren Kombination aus Archaik und Maschinen besonders in New York und Japan faszinierte. Der Einfluss der Neubauten auf die späteren Elektroniker findet sich vor allem im ultraharten Berliner „Bretter“-Techno, deren Protagonisten vielfach mit dieser „Schule des Lärms“ sozialisiert wurden. Aus dem Neubauten-Umfeld entstand das Frauentrio Malaria, deren Undergroundhit Kaltes Klares Wasser bis heute remixed wird. Die damalige Schlagzeugerin Gudrun Gut verantwortet heute zusammen mit Thomas Fehlmann den Berliner Ocean Club.

Die progressiven Impulse der Neuen Deutschen Welle verebbten spätestens 1983/84. Während die Plattenindustrie den Trend mit schablonenhaften Kopien vermarktete und damit für einen rasanten Ausverkauf der Avantgarde-Ideen sorgte, konnten die finanziell instabilen Independents nicht dagegen halten. Ernüchterung machte sich breit und eine restaurative Phase in der deutschen Musikproduktion begann.

Zukunftsmusik am Plattenspieler: Keimzellen der Techno-Bewegung

Erst die Etablierung des DJs als produzierender Künstler bedeutete eine neue Qualität in der Musikbranche. Durch Mixtechnik und eine außergewöhnliche Musikauswahl wurde aus dem einstigen Hitplatten-Abspieler eine Musikerfigur neuen Typs. Für die DJ-Pioniere der frühen 80er-Jahre wie Klaus Stockhausen aus dem Hamburger Schwulenclub Front, Lupo vom P1 in München oder das Kölner Soulful-Shack-Team waren Studiotermine noch nicht selbstverständlich. Doch schon die nachfolgende Generation begann bald mit den Aufnahmen eigener Platten. Maximilian Lenz alias Westbam, der im heimischen Odeon in Münster begonnen hatte, wechselte nach seinem Umzug nach Berlin ins dortige Metropol am Nollendorfplatz. Hier verfeinerte er seine Mixtechnik aus Hi-NRG (sprich: High Energy), House und New Wave. 1985 veröffentlichte er sein Debut This is not a Boris Becker Song, eine Art Vorstudie zur späteren Samplingtechnik die mit dem Siegeszug der digitalen Musikproduktion begann. Zudem sorgten die Entwicklungen der Gerätehersteller (303 Synthesizer, TR 808 Drumcomputer) für unerhörte Möglichkeiten an Rhythmen und Sounds.

In Frankfurt verbündete sich der gelernte Heizungsbauer Sven Väth mit den DJs Matthias Münzing und Luca Anzilotti, die bereits mit ihrem elektronischen Projekt 16 bit den Electro-Pop-Hit Where are you now? herausgebracht hatten. Gemeinsam spielten sie als OFF den international erfolgreichen Sommerhit Electrica Salsa ein.

Zur gleichen Zeit experimentierte der einflussreiche Plattenverkäufer Andreas Thomalla alias Talla 2XLC,  der bereits 1984 unter dem Projektnamen Moskwa TV Tekno Talk veröffentlicht hatte, in der Frankfurter Flughafendisco Dorian Gray mit neuen Partyformaten. Sein regelmäßiger Techno Club etablierte sich als überregionaler Treffpunkt für Fans härterer elektronischer Sounds; auch Sven Väth gehörte zum dortigen DJ-Team.

Techno als Genrebegriff wurde 1987/88 von Vordenkern wie Derrik May und Juan Atkins in der krisengeschüttelten amerikanischen Autostadt Detroit geprägt. Die britische Clubkultur erfand mit der in Chicago entwickelten Spielart Acid House ein energiegeladenes Partyformat. Die internationale Vernetzung der elektronischen Musikszene begann. Bereits 1988 gestaltete Westbam, der mittlerweile gemeinsam mit Klaus Jankuhn und William Röttger das Label Low Spirit gegründet hatte, auf Einladung des Goethe-Institutes zusammen mit anderen Künstlern das Musikprogramm in der „Kunstdisco“ bei den Olympischen Sommerspielen in Seoul - für ihn ein erster Vorgeschmack auf die kommenden, weltweiten DJ-Gastspiele.

Daheim entwickelten sich die regionalen Szenen mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Rund um die Hamburger Reeperbahn wurden in Hinterzimmern Rare Grooves und Hip Hop im Clubformat gespielt. Der Kölner Rave Club etablierte im Sommer 1988 neben Hip Hop und House regelmäßige Acid-Nächte. Der UFO-Club in Berlin geriet zur Keimzelle der dortigen Techno-Bewegung.