Stilvariationen der 1990er-Jahre Massenphänomen Love Parade

Die erste Love Parade im Sommer 1989 war mit 150 Teilnehmern ein Insidertreffen der West-Berliner Szene, die nur wenige Monate später mit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung vor einer einmaligen Situation stand.

Nach dem Mauerfall warteten hunderte Immobilien in Ost-Berlin auf eine neue Bestimmung. Was lag näher als eine spontane popkulturelle Zwischennutzung? Zumeist ohne jede Lizenz. Techno wurde in seiner kompromisslosen, brettharten Variante zum Sound dieser Berliner Kellerjahre. Um diese neuen Spielstätten entstanden dutzende Produktionsteams mit eigenen Kleinstlabels. Protagonisten wie DJ Tanith prägten mit Armee-Tarnkluft und Totenkopf-Logo das Erscheinungsbild.

Ab 1991 begann der Durchbruch zur Massenkultur. Dutzende Techno-Pop- und Euro-Dance-Versionen überführten die fiesen Töne des Undergrounds in radiotaugliche Versionen. Die Love Parade 1991 brachte mit ihren rund 6.000 Teilnehmern die unterschiedlichen Großstadt-Szenen zusammen. Insbesondere Frankfurt und Berlin lieferten sich einen popkulturellen Wettstreit um die innovativste Techno-Hochburg mit Gallionsfiguren wie Mark Spoon, Sven Väth oder Westbam im Zentrum. In Berlin wandelten sich die illegalen Treffs zu konzessionierten Clubs. Im Keller des ehemaligen Kaufhauses Wertheim unweit des Potsdamer Platzes eröffnete der Tresor, der als profilierter Club (und später auch als Label) bis zu seinem Ende 2005 konsequent auf Techno und House setzte. Allmählich entstand aus der Fan- und Raver-Szene eine eigenständige Produktionslandschaft.

Kommerzielle Vermarktung

Das von Achim Szepanski gegründete Frankfurter Label Force Inc. brachte mit Spacecube oder Alec Empire ultraschnelle, hektische Breakbeats ins Spiel. Die stilistische Ausdifferenzierung vollzog sich parallel zur kommerziellen Vermarktung. Zum zweiten Mayday im Kölner Eisstadion reisten im Sommer 1992 bereits 10.000 Raver aus ganz Europa an. Auch die Kunstschau Documenta präsentierte in der Kasseler Factory unter dem Motto „Documenta Dance“ ein umfangreiches elektronisches Musikprogramm. Während 3phase feat. Dr. Motte mit Klang der Familie einen Underground-Hit landete, zielte Das Boot von U96 auf ein Mainstream-Publikum. Produzent Alex Christensen hatte den Klaus-Doldinger-Soundtrack des gleichnamigen Films mit entsprechenden Beats ausgestattet und verkaufte über 500.000 Platten.

1994 zählte MTV Europe noch 100.000 Raver auf der Love Parade, in den folgenden Jahren waren es bereits über eine Million. Doch der ökonomische Boom erwies sich als Strohfeuer und die Rekordzahlen von Großveranstaltungen wie Mayday oder Love Parade erreichten bereits 1997/98 ihren Zenit. Sowohl das bislang federführende Magazin Frontpage als auch Sven Väths Trance- und Experimental-Label Eye Q gingen in Konkurs. Nachdem die Konsumgüter- und Medienindustrie den elektronischen Tanz jahrelang mit aufwändigen Kampagnen anfeuerte, erschien die Massentauglichkeit plötzlich ausgelotet. Dazu kam die heftig geführte Debatte um den weit verbreiteten Gebrauch der Designerdroge Ectasy.

Dezentrale Kreativzentren

Während Techno als kommerzielle Jugend-Bewegung ausgedient hatte, kam es zu einer Besinnung auf kleinere, flexible Einheiten, die auch ohne Charts-kompatible Hits wie Marushas Somewhere over the Rainbow florieren konnten. Abseits der überdrehten Techno-Begeisterung entwickelten sich dezentrale Kreativzentren. In Köln entstand Mitte der 1990er-Jahre um die Filiale des Frankfurter Plattenladens Delirium (später Kompakt) mit Produzenten wie Mike Ink, Jürgen Pape oder Jörg Burger (alias Bionaut, Modernist) eine Produktionskultur, die unterschiedliche Subgenres wie Minimal oder Abstract vorantrieb. Die damit verbundene Abkehr von der unbedingten Dancefloor-Tauglichkeit erlaubte vielfältige Stilvariationen.

Auch das 1993 von Moritz von Oswald (vormals Palais Schaumburg) und Marc Ernestus gegründete Label Basic Channel hatte mit dem Berliner Plattenladen Hardwax eine zentrale Kommunikations- und Vertriebsbasis. Mit ihrem Programm wurde vor allem das abstrakte Techno-Erbe der Verbindung Berlin-Detroit und später auch Dub-Versionen veröffentlicht.

Einen anderen Weg ging der langjährige Münchner DJ und Produzent Michael Reinboth, der seit 1994 mit seinem Label Compost erst der groovigen Spielart Acid Jazz verbunden war, um später mit Projekten wie Beanfield oder Fauna Flash eine vielfältige Downbeat- und Fusion-Szene zu begründen. Das Berliner DJ- und Produzenten-Team Jazzanova ist über das JCR-Label mit Compost verbunden.

Ebenfalls in München startete Helmut Geyer alias DJ Hell, der 1992 mit My Definition of House Music eine erste Maxi veröffentlichte. Sein späteres Label International Deejee Gigolos propagierte einen vielfältigen Eklektizismus, der von Bühnenvirtuosen wie Zombie Nation bis zur Wiedergeburt der Münchner Disco-Ära des Albums Munich Machine (1998) reichte.

Mit Trance und Hardhouse wiederum wurde Paul van Dyk, der in der DDR aufwuchs und die frühe Techno-Phase noch als Fan miterlebte, ausgerechnet in den englischen Clubs zum DJ-Superstar, wo Popmusik aus Deutschland traditionell einen schweren Stand hatte. Selbst die HouseMusic, deren Traditionen stark in den USA verankert sind, erfuhr über den Hamburger DJ Boris Dlugosch und das Kölner Soundkollektiv Whirlpool Productions eine eigenständige Interpretation, an der auch das 1993 von Ata Macias und Heiko "MSO" Schäfer gegründete Frankfurter Label Playhouse arbeitete, die später Künstler wie Isolee oder Ricardo Villalobos herausbrachten. Ein Team wiederum, das eng mit dem vielfältigen Produzenten-Duo Roman Flügel und Jörn Elling Wuttke (Alter Ego, Acid Jesus, Sensorama) verbunden ist.

Ende der Massenraves - Zurück zum Rock´n´Roll?

Mit dieser stilistischen Ausdifferenzierung ging auch der Massen verbindende Charakter der großen Raves immer weiter verloren. Zwar gelang es dem schon traditionellen Mayday in der Dortmunder Westfalenhalle auch nach dem Jahr 2000 neue musikalische Strömungen auf kleineren Dancefloors zu integrieren. Doch dieses Prinzip gilt nur für einige wenige, punktuelle Ereignisse. Die eigentlichen Innovationen wurden längst wieder in kleineren, überschaubaren Clubs zelebriert. Die weltweit kopierte Berliner Love Parade wurde im Juli 2003 zum letzten Mal vom ursprünglichen Organisationsteam veranstaltet. Ein vorläufiges Ende, das in den Jahren 2004 und 2005 offiziell durch fehlende Sponsorengelder begründet wurde.

Doch auch die inhaltliche Basis hatte sich über die Jahre verflüchtigt. Es fehlte jener verbindende Charakter, der die elektronische Musikszene in ihrer Aufbruchsphase zusammengehalten hatte. Selbst DJ Westbam, der Mitte der 1990er-Jahre noch unter dem Slogan „No More Fucking Rock’n’Roll“ das Ende der überkommenen Rockmusik propagierte hatte, präsentierte sein Spätwerk Do You Believe in The Westworld mit kompletter Band, samt Schlagzeug und Gitarre. Man darf also gespannt sein, welche Signale die von einer Fitness-Center-Kette als Hauptgeldgeber ermöglichte Neuauflage der Love Parade im Sommer 2006 aussendet.