Elektroakustische Kunstmusik in Deutschland Mythos „Kölner Schule"

Der Komponistenkreis, der das Köln der 1950er-Jahre prägte, ist oft als Zentrum der musikalischen Avantgarde mystifiziert worden.

Unter der Leitung von Herbert Eimert und mit dem wachsenden Renommee Karlheinz Stockhausens entwickelte sich das 1951 gegründete WDR-Studio für elektronische Musik zu einem internationalen Treffpunkt. Komponisten wie Ernst Krenek (Österreich/USA), György Ligeti (Ungarn), Franco Evangelisti (Italien), Cornelius Cardew (England), Mauricio Kagel (Argentinien), Nam June Paik (Korea) haben in Köln gelebt und gearbeitet.

Die Schlüsselwerke dieser Jahre stammen nicht von Stockhausen, sondern von Gottfried Michael Koenig, der das Studio als technischer Assistent wie kein anderer beherrschte und der zahlreichen Komponisten bei der Realisation ihrer Stücke assistierte. In seinen so radikalen wie virtuosen Arbeiten, darunter die Klangfiguren II (1955/56), Essay (1957) und Terminus I (1962), kulminieren Sprache und Technik der frühen elektronischen Musik.

Stockhausen und die Folgen

Die Auswirkungen der „Kölner Schule“ sind rückblickend auf mehreren Ebenen von Bedeutung. Erstens gilt das WDR-Studio als „Mutter aller Studios". Es wurde zum Modell für vergleichbare Einrichtungen, darunter Bruno Madernas und Luciano Berios Studio di Fonologia in Mailand (Studiogründung 1955) und Jozef Patkowskis Experimentalstudio in Warschau (1957), die ebenfalls mit Sinuston-, Rausch- und Impulsgeneratoren, Bandmaschinen, Filtern und Hallgeräten arbeiteten. Zweitens verhalf Stockhausen, der lange als ihre wichtigste Integrationsfigur galt, der elektronischen Musik zu internationalem Ansehen.

Gleichzeitig wurde seine apolitische Haltung mit Hang zum Spiritualismus, die er in Werken wie Hymnen (1966-67) und Telemusik (1969) erstmals zum Ausdruck brachte, stark kritisiert. Luigi Nono verurteilte Hymnen, das von Krautrock-Bands wie Can und Neu zur entscheidenden Inspiration erklärt wurde, als nationalistisches Machwerk; Cornelius Cardews wiederum unterstellte ihm 1974 gar: "Stockhausen serves Imperialism".

Drittens haben viele der in Köln elektroakustisch initiierten Komponisten diese Ideen tradiert und weiterentwickelt. Unter dem Eindruck seiner Tonbandstudie Artikulation, die er 1958 in Köln komponiert hatte, verdichtete György Ligeti den Orchesterklang in Atmosphère (1960/61) zu einem bewegten Klangnebel nach elektroakustischen Vorbild. Ähnliches gilt für Helmut Lachenmann, der zwar nur ein einziges Tonbandstück geschrieben hat, in den späten Sechzigern aber die Instrumentalmusik mit seinem Konzept einer geräuschfixierten „musique concrète“ revolutionierte.

Herbert Brün, der bis 2000 an der University of Illinois lehrte, hat die in Köln angeeigneten Verfahren im Sinne seiner Theorie einer sozial engagierten Elektronik ausgelegt. Und Gottfried Michael Koenig, der 1964 das niederländische Institut voor Sonologie übernahm, gestaltete diese Produktionsstätte als „Kritik am Kölner Studio" um, indem er vor allem die Spannungssteuerung und den Computer einführte.

Mauricio Kagel, der 1963 das Tonbandstück Transicion im WDR-Studio realisierte, widmete sich seit seinem Hörspiel Ein Aufnahmezustand (1969) zusehends der Akustischen Kunst, indem er die Montageverfahren der elektronischen Musik auf Werke mit erzählendem Charakter übertrug. Der Schriftsteller Ferdinand Kriwet wiederum, der in Köln engen Kontakt zu Komponisten pflegte, produzierte eine Reihe von „Hörtexten", um Mehrkanaligkeit und Bildhaftigkeit dokumentarischer Aufnahmen literarisch fruchtbar zu machen.

Die Elektroakustik ist auch an der musikalischen Entwicklung in der DDR nicht spurlos vorübergegangen. Nach vielen kurzlebigen Projekten gelang es Georg Katzer 1986 an der Berliner Akademie der Künste ein Studio aufzubauen, wobei Maschinen und Materialien unter zum Teil klandestinen Bedingungen aus dem Westen beschafft werden mussten. Das technisch stark an westlichen Produktionsbedingungen ausgerichtete Studio wurde zu einer Stätte der politisch-ästhetischen Subversion, mit Werken, die der normativen Staatsräson eine individuell-freiheitliche Poetik entgegenhielten.