Jazz 2013 Stars und Strukturwandel

Der deutsche Jazz ist in Bewegung. Musiker organisieren sich, präsentieren sich, die Politik gibt Subventionshappen dazu. An den Hochschulen steht der Nachwuchs Schlange, Clubs und Festivals sichten junges Publikum. Es tut sich etwas, noch diffus in der Richtung, aber vital in der Haltung. Und mancher Künstler nützt die Chance zum Sprung nach vorne. Ein Rückblick mit Ausblicken.

Vielseitig und agil: Michael Wollny. Foto: ACT / Joerg Steinmetz Vielseitig und agil: Michael Wollny. Foto: ACT / Joerg Steinmetz | Foto: ACT / Joerg Steinmetz 2013 war das Jahr des Pianisten Michael Wollny. Es begann, etwas verfrüht, am 2. Weihnachtstag 2012 mit dem 75. Geburtstag von Wollnys Duo-Partner, dem Saxofonisten Heinz Sauer (gefeiert mit einem neuen Duo-Album), es endete, etwas verspätet, mit der Vorstellung eines neu formierten Michael Wollny Trios (gefeiert mit einem neuen Trio-Album). Dazwischen lagen weitere Albumveröffentlichungen, dazu ein prallvoller Auftrittskalender und auch einige ruhigere Phasen, in denen Wollny an neuen Ideen feilen konnte. Den Höhepunkt des deutschen Jazzjahres 2013 setzte der Pianist im Herbst: Als Artist in Residence beim Festival Enjoy Jazz durfte er seine Musik in ihren verschiedenen Wandlungen in sechs Konzerten und einer Matinee darstellen: im Kleinformat und ganz groß mit Bigband oder Orchester, im Kontrast zu F. W. Murnaus Stummfilmklassiker Nosferatu und an der Grenze zur Neuen Musik oder zum Planeten Electronica.

Oberfläche und Untergrund

Auf den ersten Blick sieht die Großwetterlage im Jazz heute düster aus: In den Plattenläden schmilzt das Angebot an Jazz-CDs, die Regale schrumpfen. Im Restbestand dominieren die großen Alten, verkaufen lassen sich außerdem Sängerinnen, Pianotrios, Bigbands. Jazz ist mehr denn je ein Genre in der Nische geworden, der Marktanteil liegt mit 1,6 Prozent (2012) am Rande der Nachweisgrenze. Noch füllt er Säle, zumindest wenn es um die großen US-Stars geht, doch es sind die Musentempel des Bürgertums, komplett mit Plüschsessel und Abendgarderobe. Wo früher existenzialistisch durchwirkte Coolniks auf die Bühne schauten, freuen sich heute schnieke Silberfüchse auf den Pausen-Prosecco.

Sieht man genauer hin, ergibt sich allerdings ein anderes Bild: Die deutsche Jazzszene erlebt derzeit eine Blüte, wie man sie sich lange nicht hätte träumen lassen. Rund zwanzig Jazzstudiengänge an Musikhochschulen und Universitäten haben Mühe, den Andrang an Bewerbern zu bewältigen, Jahr für Jahr machen etwa 200 Studenten ihren Abschluss – und auch wenn bei weitem nicht alle von ihnen künstlerische Großleistungen anstreben, ist die Zahl sehr gut ausgebildeter Musiker mit Ambition mittlerweile so groß, dass die Wirkung zu spüren ist. In Berlin und Köln, den Hauptstädten der deutschen Jazzszene, aber auch in Städten mit kleineren Fakultäten und Jazzszenen wie Dresden, Mannheim oder Hamburg gibt es mittlerweile junge Musiker, die sich von der Last der Ausbildung freigeschwommen haben.

Master Mind im Hintergrund der süddeutschen Jazzszene: der Bassist Henning Sieverts. Foto: Ralf Dombrowski Master Mind im Hintergrund der süddeutschen Jazzszene: der Bassist Henning Sieverts. Foto: Ralf Dombrowski | Foto: Ralf Dombrowski Nun stehen sie auf eigenen musikalischen Füßen, suchen den Austausch mit anderen Musikern, Szenen, Kunstformen und initiieren interessante Projekte. Musiker wie die Pianisten Michael Wollny, Pablo Held oder Florian Weber, wie die Saxofonistinnen Angelika Niescier oder Charlotte Greve, wie die Schlagzeuger Christian Lillinger, Eric Schaefer oder Jonas Burgwinkel, die Bassisten Robert Landfermann oder Henning Sieverts führen die Improvisation als Rückgrat ihrer Musik in völlig verschiedene Richtungen: freie Improvisation und klassische Komposition, Punk und vielfältige Folkloren, Neue und Minimal Music, Pop und Elektronik – nie war das Feld offener.

Selbstbewusste Experimente

Der neuen Freiheit entspricht ein neues Selbstbewusstsein. Ein Selbstbewusstsein, das die Saxofonistin Angelika Niescier ermutigte, in ihrer Heimatstadt Köln ein New Yorker Erfolgskonzept zu übernehmen. Zum zweiten Mal inszenierte sie 2013 zum Jahresbeginn in Köln ein Umsonst-und-Drinnen-Festival: Winterjazz. 15 verschiedene Kölner Gruppen auf fünf Bühnen im Stadtgarten, dem Veranstaltungszentrum, das die Kölner Jazzhaus-Initiative in den 1980er-Jahren der Kommunalpolitik abtrotzte. Da präsentiert sich die unglaubliche Breite der Kölner Szene, die vom expressiven Furor bis zur respektvollen Monk-Dekonstruktion, vom brachialen Drive bis zum minimalistischen Exerzitium des Pianisten Simon Rummel jede erdenkliche Facette des aktuellen Jazzspektrums anspielt. Und da ist zum anderen ein junges Publikum mit Lust auf Party und Musik, das sich in der Januarnacht die Laune auch von Warteschlangen, die zeitweise bis auf die Straße reichen, nicht verderben lässt.

Das neue Selbstbewusstsein ist in erster Linie in der Bewusstwerdung der eigenen Situation begründet. Mit der Wiederbelebung der Union Deutsche Jazzmusiker (UDJ), einer Art Gewerkschaft der Jazzmusiker, die nach der Gründungseuphorie vor 40 Jahren in einen Dornröschenschlaf entschlummert war, schuf die jüngere Musikergeneration um die Pianistin Julia Hülsmann und den Saxofonisten Felix Falk im Jahr 2012 einen institutionellen Kern, aus dem heraus die Debatte um den Stellenwert der musikalischen Kunstform Jazz immer wieder angestoßen werden konnte. Sie taten das so hörbar, dass ihre Anliegen selbst im Deutschen Bundestag Widerhall mit eigenen Sitzungen fanden.

Und die Probleme sind grundlegend: In dem Maße wie das Leitbild vom urbanen Leben den Traum vom Häuschen im Grünen abgelöst hat, unterwerfen Gentrifizierungsprozesse noch die letzten brachliegenden Räume in den Städten dem Prinzip der Profitmaximierung – Raum wird knapp, Mieten steigen, der Mangel an Arbeits- und Auftrittsräumen verschärft sich. Die sind jedoch für die Herausbildung einer lebendigen Musikerszene eine entscheidende Voraussetzung. Dem fortschreitenden Clubsterben zum Trotz brachte das Jahr 2013 allerdings einen Hoffnungsschimmer: Erstmalig unterstützte ein „Spielstättenprogrammpreis“, für den der Bundestag eine Million Euro zur Verfügung stellte, bundesweit 55 verschiedene Clubs, in denen in den Bereichen Rock, Pop und Jazz regelmäßig Veranstaltungen durchgeführt werden, mit Beträgen zwischen 5.000 und 30.000 Euro. Immerhin. Ein Zeichen, dass die prekäre Lage der Clubs auch in der Politik wahrgenommen wird.

Vitale Festivalszene

Eine Stufe höher auf der Glamourleiter rangieren die Festivals, deren momentaner Erfolg ebenfalls positive Signale über den Stand der Dinge im deutschen Jazz aussendet. Das noch junge Festival Elbjazz in der Jazz-Diaspora Hamburg beeindruckt auch im vierten Jahr seines Bestehens – neben einem beachtlichen Line-Up internationaler Großstars aus der Schnittmenge von Jazz und Pop – mit dem Mut, seine Zuhörer auch mit Musikern zu konfrontieren, die ihrem Publikum nicht nach dem Mund spielen. Über dem Moers-Festival, das vor über 40 Jahren open air als reines Free-Jazz-Event begann, wehte in diesem Jahr der Geist von Abschied und Melancholie. Abschied von fast 30 Jahren in einem Zirkuszelt und von der großen Hippiesause, die die Ruhrgebietsjugend parallel zum Festival im Moerser Schlosspark abzuhalten pflegte.

Jack DeJohnette beim Jazzfest Berlin 2013. Jack DeJohnette beim Jazzfest Berlin 2013. | Foto: Ralf Dombrowski Zum Auftakt und Höhepunkt frischte der Wind auf. Mit dem New Yorker Avantgardisten John Zorn beispielsweise bespielte ein Musiker, der dem Festival seit Jahrzehnten verbunden ist, den gesamten Tag. Zorn präsentierte einen Reigen dermaßen unterschiedlicher Projekte zwischen historischem Re-Enactment, Pop, Hardcore und Free Jazz, der jede Vorstellung von stilistischen Grenzen verflüssigte und gleichzeitig Zorns Beitrag zur Festivalgeschichte beschwor. So wird es nie mehr sein: Im Jahr 2014 bezieht das Moers-Festival eine umgebaute Tennishalle, was einerseits die Zuhörerzahl begrenzt, und andererseits das Festival für neue, leisere Töne öffnet. Das Jazzfest Berlin dagegen scheint nach langen Jahren der Desorientierung wieder zu einer eigenen Identität zu finden. In seinem zweiten Jahr als künstlerischer Leiter unterstrich der Leipziger Jazzgelehrte Bert Noglik seinen Kurs, das Neue und das Bewährte gleichermaßen zu präsentieren und in ihrer Wechselbeziehung Funken schlagen zu lassen.

Einen ähnlichen Kurs verfolgt auch Rainer Kern mit dem Festival Enjoy Jazz in der Rhein-Neckar-Region um die drei Städte Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen, das binnen fünfzehn Jahren zum größten deutschen Jazzfestival anwuchs. 21.000 Besucher bei 75 Veranstaltungen mit 340 Musikern aus 22 Ländern: Das sind beeindruckende Zahlen, hinter denen sich ein sehr reichhaltiges Programm verbirgt, das mit dem Saxofonisten Jason Moran und dem Pianisten Brad Mehldau sowohl Perlen des Jazz-Mainstream umfasste als auch stilistische Querschläger aus allen verschiedenen Richtungen. Elektronische Improvisation traf auf akustisch Singer-Songwriter-Poesie, Filmmusik auf afrokubanischer Schwung. Und Michael Wollny war Artist in Residence, an dem in den sechs Wochen des Festivals, aber auch im Jazzjahr 2013 schlicht niemand vorbei kam.