Jazz 2010 Szene im Aufbruch

Selten zuvor war der deutsche Jazz so gut aufgestellt wie 2010. Berlin wurde international als Zentrum des europäischen Jazz wahrgenommen, der Nachwuchs zeigte sich abenteuerlustiger und spielwütiger denn je und die Vernetzung einzelner Szenen funktionierte nicht nur auf nationaler, sondern auch auf internationaler Ebene. Nicht zuletzt gelang es, Jahrzehnte alte Gräben zwischen Ost und West sowie Free und Mainstream zuzuschütten.

Das German Jazz Meeting – Zeichen zum Aufbruch

Das 3. German Jazz Meeting war ein kreativer Schock! Am 23. und 24. April 2010 präsentierten sich ausgewählte Acts der aktuellen deutschen Szene im Rahmen der Messe Jazzahead! einem internationalen Fachpublikum.
Obwohl jede Gruppe nur 20 Minuten spielen durfte – gewöhnlich viel zu wenig für eine Jazzband, um in Fahrt zu kommen – waren selbst intime Kenner des Geschehens vom ausnahmslos hohen Niveau der einzelnen Auftritte überrascht.

Die Musiker und Gruppen genügten sich nicht damit, internationale Standards zu erfüllen. Mit gesundem Selbstbewusstsein stellten sie klar, dass sich die deutsche Szene nicht mehr hinter Frankreich, England oder den USA verstecken muss.

Berliner Bands wie Soko Steidle oder Silke Eberhards Potsa Lotsa setzten neue Maßstäbe der Kollektivimprovisation, das Andromeda Mega Express Orchestra fand unerhörte Verbindungen von Big Band und Kammerorchester, das Julia Hülsmann Trio oder das Pablo Held Trio holten das Piano Trio zurück in den Fokus des Jazz-Diskurses und Michael Wollny zelebrierte kitschfreie Exotic-Sounds in der Tradition der deutschen Romantik.
Den fulminanten Schlusspunkt setzte Daniel Erdmanns Trio Das Kapital mit packenden Eisler-Interpretationen.

Das German Jazz Meeting war mehr als die Aneinanderreihung magischer Momente, mehr als eine nationale Bestandsaufnahme. Es war die lautstarke Proklamation einer neuen Haltung, wie sie zuletzt Ende der Sechzigerjahre von Wuppertal ausging. Mussten sich deutsche Hörer in der Vergangenheit oft wie Zaungäste der weltweiten Jazzentwicklung fühlen, so sahen sie sich plötzlich mitten ins innovative Zentrum des Jazz versetzt.

Berlin – eine Stadt in Bewegung

Lange galt Berlin als müde Postbop-Hauptstadt. Der wahre Jazz tobte woanders.
Doch plötzlich geht, was zwanzig Jahre nicht denkbar war. Alt spielt mit Jung, Ost fraternisiert mit West, die Tradition hört auf die Avantgarde und umgekehrt. Dank der beharrlichen Aktivitäten von Label-Plattformen wie Traumton, Intakt und Jazzwerkstatt, Clubs wie dem A-Trane und b-Flat oder Vereinen und Organisationen wie dem Jazzkeller 69 e. V. und dem Jazzkollektiv Berlin ist beinahe über Nacht eine organische Szene entstanden, wo es vorher nur Einzelkämpfertum, Klüngel und Eifersucht gegeben hat.

Berlin ist viel mehr als nur ein Ort. Jazz aus Berlin – das ist eine Idee.

Die Diaspora der Berliner Jazzszene verteilt sich rund um den Globus. Statt öffentlicher Mittel lockt die Stadt mit einer einzigartigen Infrastruktur und unschlagbar niedrigen Lebenshaltungskosten. Aus zwei mittelmäßigen Hochschulen ist mit dem Jazzinstitut Berlin eine exzellente Talentschmiede hervorgegangen, die Toplehrer und Studenten aus der ganzen Welt anzieht.

Vom Publikum herausgefordert, hat sich die Berliner Jazz Community von ihrem einstigen Elfenbeinturm mitten ins pralle Leben des flirrenden Molochs gestürzt. Sie definiert sich nicht mehr über einen bestimmten Sound, eine Generation oder ein Bekenntnis. Die Grenzen zwischen klassischer Jazzauffassung, traditionell oder modern, und Idiomen wie Rock, HipHop, Noise, Electronic, wie auch den zahlreichen ethnischen Musikkulturen der Hauptstadt sind längst fließend.

Vor allem aber bleibt Berlin ein Ort der ewigen Durchreise, geistig wie geografisch. Internationale Impulsgeber wie Greg Cohen oder John Hollenbeck sind aus dem Berliner Jazzleben ebenso wenig wegzudenken wie die Routiniers Till Brönner und Michael Wollny oder Junge Wilde wie die Bands Hyperactive Kid und Johnny LaMarama.
Im permanenten Brummen dieses schöpferischen Bienenschwarms fühlen sich selbst einstige Pop-Ikonen wie Rainbirds-Keyboarderin Ulrike Haage – die der Improvisation freilich schon immer sehr gewogen war – zu neuen Jazzabenteuern herausgefordert.

Köln – im Westen viel Neues

Das neue Selbstbewusstsein des deutschen Jazz ist nicht nur in Berlin spürbar.
Köln, einstige Hochburg des Jazzhauses und der Kölner Saxofon Mafia, ist ebenfalls Schauplatz einer neuen Jazzszene, die sich vielleicht etwas weniger spektakulär, aber umso nachhaltiger präsentiert. Mit Ausdauer und Nachdruck haben Musiker wie Nils Wogram und Florian Ross nach Jahrzehnten der großen Töne die Grundlage für dieses kreative Understatement geschaffen. Beide sind längst auf den europäischen Jazzfestivals zu Hause und bündeln die Kräfte ihrer sinnlichen Imagination in der Band Nostalgia.

Ein Sinnbild für die neue Kölner Introvertiertheit ist Pianist Pablo Held. Mit gerade mal 24 Jahren zählt der stille Klangphilosoph bereits zu den Aushängeschildern des deutschen Jazz. Ohne den Anspruch, den Jazz neu zu erfinden, liegt seine ungewöhnliche Kraft in seiner hohen Individualität.

Sein Bassist Robert Landfermann, auch er unter 30, zählt derzeit zu den umtriebigsten deutschen Musikern, die ein weites Spektrum zwischen Mainstream und Free abdecken. In seinem Trio Grünen, zu dem auch der Berliner Schlagzeuger Christian Lillinger gehört, schlägt er eine Brücke vom Rhein an die Spree.

Für die Kontinuität des Kölner Jazzbiotops steht Sebastian Gramss, der mit seiner Formation Underkarl immer neue, subversive Querverbindungen zwischen Jazz-Avantgarde, zeitgenössischem Underground-Rock und den vielfältigen Traditionen der europäischen Klassik aufdeckt.

Die Wirkung des Jazzstandorts Köln reicht jedoch weit über die Grenzen der Domstadt hinaus. Zu seinem Gravitationsfeld gehört auch der minimalistische Jazzcore des Zodiak Trios aus Essen oder Jan Klares avantgardistische Power-Bigband The Dorf, die Musiker aus ganz NRW vereint, um nur einige zu nennen.

Jazz 2.0 – der Jungbrunnen des deutschen Jazz

Mit Jazz sei es wie mit gutem Wein, so heißt es. Je älter desto besser.
Diese goldene Regel scheint vom aktuellen Jazzalltag in Deutschland vorübergehend aufgehoben. Denn wo man hinkommt, geben junge Bands den Ton an. Und die gehorchen schon lange nicht mehr dem Kanon eines über Jahrzehnte eingefahrenen Jazzbetriebs. Internet und soziale Netzwerke machen auch vor dem Jazz nicht Halt, sodass Gruppen und Ensembles auch über große Distanzen zusammenarbeiten können.

Ein gutes Beispiel für diese Entwicklung ist die Band Expressway Sketches. Drummer Max Andrzejewski, Keyboarder Benjamin Schäfer und Gitarrist Tobias Hoffmann sind in Berlin und Köln zuhause und in beiden Städten in mehrere Projekte involviert. Der Drummer studiert sogar noch am Jazzinstitut Berlin, gehört aber schon zu den wichtigsten deutschen Hoffnungsträgern auf dem Schlagzeug.

Gemeinsam formulieren die drei tolldreisten Mittzwanziger eine interurbane Short-Cut-Music, mitreißend, zukunftsweisend und von quirliger Virtuosität.
Christian Lillinger, das Enfant Terrible der Berliner Szene, ist gerade mal 26 Jahre alt, das Hamburger Piano-Wunder Pär Lammers 28, von den Youngstern Pablo Held und Robert Landfermann war bereits die Rede.

In einer solchen Umgebung gehören innovative Musiker wie der Detmolder Pianist Florian Weber oder der Kölner Trompeter Frederik Köster, beide 33, schon fast zum alten Eisen. Und – kaum zu glauben – auch der anscheinend schon ewig aktive Michael Wollny ist erst 32. Nie zuvor war die Szene um und unter 30 im deutschen Jazz so etabliert.
Bezogen auf den Jazz sind Jugend und Nachwuchs hierzulande keine Synonyme mehr.

Eine runde Sache – die Globalisierung des deutschen Jazz

Wovon reden wir eigentlich, wenn wir heute den deutschen Jazz im Munde führen?
Daniel Erdmann, der Saxofonist mit dem Mangelsdorff-Gen, ist zweifelsfrei ein deutscher Musiker – doch er lebt in Frankreich. Mit seiner Band Das Kapital hat er dem hiesigen Jazz jenen politischen Biss zurückgegeben, der ihm so lange abging.
Indem er Kompositionen von Hanns Eisler aufgreift, leistet er wahrlich einen Beitrag zur Aufarbeitung der deutschen Musiktradition, doch die beiden anderen Mitglieder der Band stammen aus Frankreich und Dänemark.

Florian Weber hat sein erfolgreiches Trio Minsarah nicht nur mit dem Amerikaner Jeff Denson und dem Israeli Ziv Ravitz besetzt, sondern das Trio stärkt auch Altmeister Lee Konitz, seit den vierziger Jahren eine Leitfigur des amerikanischen Jazz, den Rücken.
Posaunist Nils Wogram hat sich in Zürich niedergelassen, wo er längst zu einer Kulminationsfigur des internationalen Jazzaustauschs auf höchstem Niveau geworden ist.

Die Vernetzung des deutschen Jazz geht jedoch noch viel weiter. Das Jazzkollektiv Berlin, ein Zusammenschluss verschiedener Berliner Musiker und Bands, lud auf seinem Festival Kollektiv Nights im Dezember 2010 Vertreter von Partnerkollektiven aus ganz Europa ein.

Und wenn eine Autorität wie der New Yorker Saxofonist Henry Threadgill auf ihrem jüngsten Album eine Komposition des Berliner Kosmopoliten Uli Kempendorff interpretiert, spricht das allein schon für die Anerkennung, die Jazz, made in Germany, mittlerweile auch in den USA genießt.

Baby Sommer und Till Brönner – die Mauer ist weg

Alter Sponti trifft jungen Perfektionisten.
In Deutschland kann man Mauern einreißen, das wurde 1989 unter den Augen der Weltöffentlichkeit eindrücklich bewiesen. Der Jazz brauchte wesentlich länger, um alte Antagonismen zu überwinden. Die ideologischen, stilistischen und nicht zuletzt regionalen Lager standen sich noch 20 Jahre nach Mauerfall unversöhnlich gegenüber.

Damit ist es jetzt vorbei, denn – wer hätte das je für möglich gehalten – Avantgarde-Urgestein Günter „Baby“ Sommer (Ost) und der 28 Jahre jüngere Popjazz-Pionier Till Brönner (West) haben ein gemeinsame Projekt gegründet, in dem sie sich völlig frei über ihre Erfahrungen, Standpunkte und Sozialisation austauschen.
Hinter diesem Duo verbirgt sich jedoch weit mehr als die Begegnung zweier Protagonisten diametraler Camps.
Ohne es gezielt darauf anzulegen, haben Brönner und Sommer das Ende der Ideologie und damit vielleicht die größte Zäsur im deutschen Jazz seit 1968 eingeleitet.

Wären all die anderen Innovationen, Kulminationen, Trends und Impulse des Jahres nicht gewesen, allein wegen dieses Projektes würde 2010 in die deutsche Jazzgeschichte eingehen.