bis 1945 Jazz in Deutschland

Vorboten des Jazz erreichten Deutschland bereits in der Zeit des Kaiserreichs. Die Fisk Jubilee Singers, die 1877/78 auf deutschen Fürstenhöfen und in Konzertsälen auftraten, lösten mit ihren Negro Spirituals Faszination und Bewunderung aus.

In den folgenden Jahren kamen Instrumentalensembles, Banjovirtuosen, Showgruppen und Stepptänzer nach Deutschland. Die synkopierte Rhythmik des Ragtime und die Ausgelassenheit der Cakewalks bewirkten Erstaunen und ermöglichten erste Begegnungen mit der afroamerikanischen Kultur, die 1914, mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, jäh unterbrochen wurden.

Die Goldenen Zwanziger

Erst Anfang der 1920er Jahre kamen Ensembles, die jazzähnliche Musik spielten, nach Deutschland. Das Jazzfieber erfasste Berlin, eine der Kultur- und Vergnügungshauptstädte Europas. Dabei fokussierte sich das Interesse zunächst auf die Exotik des Jazz, wie sie von Josephine Baker und der Revue Negré verkörpert wurde. Mit Bands wie Sam Woodings Chocolate Kiddies gastierten in den 1920er Jahren aber auch authentische US-amerikanische Jazzbands in Deutschland.

Eric Borchard Aggravatin' Papa (Hörprobe: www.youtube.com)

Deutsche Musiker unternahmen zaghafte Schritte, sich der neuen Klangsprache anzunähern, indem sie diese zunächst imitierten. Noch am einfachsten übernehmen ließen sich für den Jazz typische Instrumente wie Saxofon und Schlagzeug. Wesentlich schwerer fielen den deutschen Musikern anfangs eine jazzspezifische Tonbildung sowie Phrasierung und vor allem die Jazzimprovisation. Der Klarinettist und Saxofonist Eric Borchard gilt als einer der deutschen Jazzpioniere, dem dieser Schritt gelang.

1926 setzte mit dem Auftritt von Paul Whiteman in Berlin eine Welle des „sinfonischen Jazz“ ein, die sich allerdings wieder von den afroamerikanischen Originalen entfernte. Zugleich begann Jazz, als Kunstform ernst genommen zu werden. Bereits 1926 erschien das erste deutsche „Jazz-Buch“ von Alfred Baresel. 1928 richtete Bernhard Sekles, der Direktor des Hoch’schen Konservatoriums in Frankfurt am Main, eine Jazzklasse ein. Ernst Kreneks „Jazzoper“ mit dem Titel Johnny spielt auf wurde 1927 zum Publikumserfolg.

Rudolf Nelson Berlin 1929, Filmsequenz (Hörprobe: www.youtube.com)

Auch Komponisten der Konzertmusik wie Paul Hindemith und Kurt Weill begannen sich für Ausdrucksmittel des Jazz zu interessieren. Doch bereits in dieser Zeit traten die Nationalsozialisten auf den Plan, die alles, was sich mit dem Jazz assoziierte, als „undeutsch“ verunglimpften.

Jazz unterm Hakenkreuz

In den Jahren nach der Machtübernahme der Nazis von 1933 kam es zum Exodus und zur Verfolgung jüdischer Musiker, verbunden mit einem Propagandafeldzug gegen die „Negermusik“ und der Anweisung, keine Jazztitel im deutschen Rundfunk zu spielen. Das swingende, freiheitliche Lebensgefühl des Jazz widersprach der von den Nazis angestrebten Gleichschaltung einer zum Marschschritt befohlenen Gesellschaft. Obwohl es kein generelles Jazzverbot gab, wurden Jazzmusiker Schikanen und Verfolgungen ausgesetzt. Dennoch gab es bemerkenswerte Jazzbands wie die von Kurt Hohenberger, in der exzellente Solisten wie Walter Dobschinski und Fritz Schulz-Reichel mitwirkten. Die Musiker lieferten sich dabei mit den „Kontrolleuren“ ein Katz-und-Maus-Spiel, indem sie Jazztitel wie den Tiger Rag in Schwarzer Panther umbenannten.

Jugendliche, die sich von nationalsozialistischen Organisationen wie der Hitlerjugend abgrenzen wollten, bildeten Zirkel, die sich betont anders nach US-amerikanischer Mode kleideten und den Jazz auf ihre Fahnen schrieben. Diese sogenannten „Swing-Heinis“ wurden von der Gestapo verfolgt. Im Frankfurter Hot-Club schlossen sich Musiker wie Carlo Bohländer und Emil Mangelsdorff zusammen, die Jazz illegal spielten und den Geist dieser Musik auch in den finsteren Zeiten des Nationalsozialismus aufrecht hielten. Zu den infamen Propaganda-Inszenierungen der Nazis gehörten Auftritte der Ghetto Swingers, die im „Vorzeige“-KZ Theresienstadt jazzinspirierte Musik spielten durften beziehungsweise mussten.

Eher unter die Rubrik „Kuriosa“ fällt die im Auftrag des Propagandaministeriums von Joseph Goebbels formierte Band Charlie and his Orchestra, die jazzähnliche Titel mit englischen, gegen die Alliierten gerichteten Texten für Radioausstrahlungen in Richtung Westen aufnahm. Das 1942 gegründete Deutschen Tanz- und Unterhaltungsorchester trug dem nicht völlig zu unterdrückenden Bedürfnis nach Swing-Musik Rechnung und spielte eine „entschärfte“ Form von Jazzmusik. Erst nach der Zerschlagung des „Dritten Reiches“, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann ein neues, hoffnungsvolles Kapitel der deutschen Jazzgeschichte.