Jazz lernen

Wer heutzutage in Deutschland Jazz lernen will, hat viele Möglichkeiten. 18 Universitäten und Musikhochschulen sorgen derzeit bundesweit für ein breit gefächertes Studienangebot, ergänzt um die Ausbildungen an Fachhochschulen, Musikschulen und Musikfachschulen. Die Abschlüsse variieren je nach Institut und Berufswunsch. Man kann sich, ähnlich wie in anderen Industrienationen, zum Instrumentalisten, Musiklehrer oder auch zum Musikwissenschaftler mit Schwerpunkt Jazz ausbilden lassen. 

Die Wertschätzung des Studienfachs wie überhaupt der improvisierenden Musik ist hoch, auch wenn die Wahrscheinlichkeit, im Anschluss an die Ausbildung allein von der Kunst leben zu können, oft von Faktoren wie Zufall und Glück abhängt.

Die historische Situation

Bis Mitte der 1980er-Jahre konzentrierte sich die akademische Ausbildung bis auf wenige Ausnahmen etwa in Hamburg und Berlin vor allem auf die Hochschule für Musik in Köln. Gegen Ende des Jahrzehnts kamen weitere Institute hinzu, die auch andere Inhalte und Schwerpunkte anboten. War das Kölner Modell lange dem Erlernen des US-amerikanischen Mainstream-Jazz verpflichtet, lag das Ziel beispielsweise der Folkwang-Hochschule Essen von 1988 an in einer stilistisch breit gefächerten Ausbildung. Sie bot auch als erste ein Studium mit dem Abschluss Diplom-Jazzmusiker an, der nicht den Lehrer, sondern den professionellen Künstler als Berufsziel hatte.

Universitäten heute

Seit diesen Anfängen hat sich das Studienangebot vielerorts vereinheitlicht. An den meisten Universitäten kann man sich sowohl zum Pädagogen als auch zum Instrumentalisten oder Sänger ausbilden lassen. Mancherorts wird Jazz als eigenständiges Fach, an anderer Stelle nur in Kombination mit Rock und Pop vermittelt. Darüber hinaus haben die Institute je nach Ausstattung und Lehrkörper unterschiedliche Angebote zur Erlernen der instrumentalen Hauptfächer. Ungewöhnliche Instrumente wie Vibrafon kann man zum Beispiel in Mannheim studieren, in Dresden ist die Hammondorgel ein eigenständiges Hauptfach.

Die Studiengänge unterscheiden sich außerdem durch die Größe der einzelnen Institute sowie ihre Zuordnung zu einzelnen Fachbereichen. In Detmold etwa gehört Jazz/Rock/Pop zur Abteilung Schulmusik, in Freiburg oder Frankfurt gibt es einen Aufbaustudiengang Jazz und Popularmusik für Lehramtsstudenten für weiterbildende Schulen. Köln und das in Berlin aus der Universität der Künste und der Hochschule für Musik Hanns Eisler entstandene Jazz-Institut sind nach der Zahl der dort eingeschriebenen Studierenden die größten Institute. Von mittlerer Größe sind zum Beispiel die Einrichtungen in Nürnberg, Essen oder Mannheim, kleine Abteilungen finden sich unter anderem an den Hochschulen in Bremen und Hannover.

Studieninhalte

Die Profile der einzelnen Institute unterscheiden sich anhand der Studienverlaufspläne und Prüfungsordnungen. Unabhängig davon legen die meisten Jazz-Dozenten Wert darauf, ein breites Spektrum an Inhalten und Kompetenzen zu vermitteln. Denn ein Musiker heute muss die Tradition ebenso wie die stilistische Gegenwart kennen und sich darüber hinaus als Künstler selbst organisieren und vermarkten können. Da es nur wenige feste Arbeitsplätze für Jazzmusiker wie beispielsweise in den Rundfunk-Big-Bands gibt, liegt das Geheimnis des Erfolges in der Vielseitigkeit des einzelnen.

Kaum einer der bundesweit rund 100 jungen Musiker, die jährlich in ein Berufsleben entlassen werden, kann davon leben, ausschließlich Jazz zu spielen. Trotzdem präsentieren sich die meisten oft schon während des Studiums mit Konzerten und CDs der Öffentlichkeit, in der Hoffnung, sich als Künstler zu etablieren. Viele Absolventen verdienen in jazz-fremden, populären oder klassischen Formationen ihr Geld. Privatunterricht oder Stunden an Musikschulen gehören ebenso zum Alltag wie Studiojobs, bei denen man beispielsweise Werbe-Jingles einspielt. Andere benutzen ihre fundierte Ausbildung, um in fachspezifischen Verlagen als Lektoren zu arbeiten oder im Feld des Kulturmanagements tätig zu werden.

Angesichts der sich wandelnden Anforderungen streben auch die deutschen Universitäten nach einer Internationalisierung der Ausbildung. Ob in Stuttgart oder München, Leipzig oder Würzburg, Saarbrücken oder Weimar, spätestens ab 2010 werden die europäischen Standards in Form von Bachelor- (8 Semester) und Master-Studiengänge (12 Semester) die Regel sein. Die komprimierten Grundlagenstudien können durch ein verfeinertes Kursangebot ergänzt werden, das vor allem in den weiterführenden Masterstudiengängen noch zusätzliche Berufsmöglichkeiten erschließen soll. An der Universität Mainz kann man den Schwerpunkt auf die Jazzforschung legen, in Köln und Essen werden Master-Studiengänge für Studio-Produktion eingerichtet und in Lübeck findet man auch Welt- und Popularmusik im Angebot. Unabhängig davon gibt es auch spezialisierte Grundausbildungen wie zum Beispiel den Bachelor für Instrumentalpädagogik an der Fachhochschule Osnabrück.

Musikfachschulen, Musikschulen

Das bundesweit verbesserte pädagogische Angebot führt auch zu einer erheblichen Aufwertung des Unterrichts an Musikschulen und Musikfachschulen. Fast überall gibt es inzwischen jazzorientierte Angebote, an denen häufig Absolventen der Universitäten unterrichten, die neben Schülern und Freizeitmusikern beispielsweise Anwärter für das Fach Jazz an einer Hochschule vorbereiten oder auch wie etwa an der Neuen Jazzschool München Diplomabschlüsse als „Staatlich geprüfte/r Leiter/in in der Popularmusik“ vergeben können.