Klassikszene 2012 Aufbrüche und Abschiede

Die Jubilare Barenboim und Rihm wurden gefeiert, Fischer-Dieskau und Henze betrauert. Daneben brachte das vergangene Jahr einen anhaltenden Streichquartett-Boom, neue Ansätze in der Oper und weitere Diskussion über Orchester und Konzerthäuser. Volker Hagedorn über die Klassikszene 2012.

Aufbruch in Stuttgart: Szene aus Jossi Wielers Inszenierung von Edison Denisows Oper „Der Schaum der Tage“ Aufbruch in Stuttgart: Szene aus Jossi Wielers Inszenierung von Edison Denisows Oper „Der Schaum der Tage“ | Foto: A.T. Schaefer So billig war der Neubau einer Philharmonie noch nie, so kurz noch keine Bauzeit: Nur 200.000 Euro kostet die Elbphilharmonie in Hamburg, und nur fünf Monate nach Beginn der Bauarbeiten im November 2012 wird sie vollendet sein.

Allerdings nur 82 Zentimeter hoch, als Attraktion im Hamburger "Miniatur Wunderland", gleich neben der Baustelle der echten Elbphilharmonie, über die Deutschlands Musikfreunde nur noch verzweifelt lachen können. Eigentlich sollte sie für 77 Millionen Euro vor zwei Jahren fertig sein, nun rechnet man mit 575 Millionen Euro Baukosten und einer Eröffnung im Jahre 2016. Man sieht daran, dass die Probleme der klassischen Musik nicht nur Geldprobleme sind, sondern auch aus chaotischer Planung resultieren können.

Opern in Berlin

Wenn dazu noch unerwartet sumpfiges Erdreich kommt wie unter der Berliner Staatsoper, hat auch die Hauptstadt ein Problem. Auch die Sanierung der Oper Unter den Linden wird teurer und später abgeschlossen sein als geplant. Die beiden anderen Opernhäuser Berlins sind unterdessen unter neuer Leitung gut gestartet.

Der Australier Barrie Kosky inszenierte als neuer Intendant an der Komischen Oper einen Marathon mit allen drei erhaltenen Opern von Claudio Monteverdi an einem Tag – neu arrangiert von Elena Kats-Chernin, die arabische Instrumente ebenso einsetzt wie moderne Flügel und Harfen.

Und Dietmar Schwarz begann seine Intendanz an der Deutschen Oper mit einem Meisterwerk der Gegenwart, Helmut Lachenmanns Mädchen mit den Schwefelhölzern.

Kleine Häuser unter Sparzwang

Aus dem Rest der Republik hört man gute wie schlechte Nachrichten für die Klassik. Einerseits sind die Kulturausgaben von Bund und Ländern seit 2010 insgesamt um 80 Millionen Euro auf 5,23 Milliarden Euro gestiegen. Doch die Finanzprobleme der Kommunen zeigen sich, wenn Bürgermeister in Köln und Bonn über die Fusion ihrer Opernhäuser nachdenken. Und wer bei Google das Suchwort "Sparzwang" eingibt, stößt auf viele kleinere Häuser in Nöten, in Wuppertal und Münster ebenso wie in Görlitz, wo das Musiktheater nach der Fusion mit Zittau nur noch mit halber Kraft arbeitet.

In wohlhabenderen Bundesländern wie Baden-Württemberg engagieren sich die Bürger auch finanziell. So haben von den 60 Millionen Euro, die für die Sanierung des Theaters Heidelberg gebraucht wurden, ein Drittel private Theaterfreunde und Sponsoren bezahlt – und diese Baustelle wurde sogar rechtzeitig fertig. Zur Einweihung huldigte man John Cage, dem 1912 geborenen Amerikaner.

Jossi Wieler mit neuem Konzept in Stuttgart

An der Oper Stuttgart scheint derweil ein Experiment zu glücken, das selbst in der vielfältigen deutschen Opernszene einzigartig ist. Dort hat sich der neue Intendant Jossi Wieler, vielgefragter Regisseur, aus dem Reisekarussell verabschiedet. Wer seine Arbeiten erleben will, muss nach Stuttgart fahren und sich auf Überraschungen gefasst machen. Denn neben dem großen Repertoire kümmert man sich offensiv um selten gespielte Meisterwerke von Bellini und Janáček, von Schönberg und Denisow – und lockt damit ein vergleichsweise junges Publikum.

Dazu hat Wieler einen musikalischen Chef an seiner Seite, der das Konzept unterstützt: Der Franzose Sylvain Cambreling, der von hier mit Sorge auf seinen früheren Arbeitsplatz 180 Kilometer weiter südwestlich blickt, nach Freiburg.

Orchesterfusion beim SWR?

Was nämlich mit dem in Freiburg und Baden-Baden beheimateten SWR-Sinfonieorchester geschehen soll und mit dem Stuttgarter Radiosinfonieorchester des Südwestrundfunks, bewegt zehntausende von Bürgern, die mit ihren Unterschriften gegen eine Fusion dieser Klangkörper protestierten, gemeinsam mit Kulturpolitikern aller Parteien. Der Rundfunkrat eines der größten öffentlich-rechtlichen Rundfunksender hat, um Geld zu sparen, beschlossen, beide Orchester ab 2016 zu verkleinern, mit Stuttgart als Basis, und 2025 zu einem "Superklangkörper" zusammenzuführen. In den 20 Jahren seit der Vereinigung beider deutscher Staaten sind von 168 Orchestern 37 "abgewickelt" oder fusioniert worden.



Mit dem SWR-Sinfonieorchester würde das weltweit einzige Sinfonieorchester verschwinden, bei dem die Avantgarde zum Alltag gehört und das alljährlich mehrere neue Werke zur Uraufführung bringt, in Donaueschingen, seit Jahrzehnten das "Bayreuth" der Neuen Musik. Das Festival begann 2012 spektakulär mit einer Aktion des Komponisten Johannes Kreidler, der mit der "Fusion" zweier Instrumente gegen die SWR-Pläne protestierte.

Vielbeachtete Premiere: Babylon von Jörg Widmann

Dass die Avantgarde auch außerhalb ihrer Festivals Chancen hat, zeigten zwei der meist beachteten Opern-Uraufführungen der neuen Spielzeit. An der Münchner Staatsoper wurde Babylon realisiert, vom 39-jährigen Komponisten Jörg Widmann zu einem Libretto des deutschen Philosophen Peter Sloterdijk komponiert; die Komische Oper Berlin zeigte eine Version von Alban Bergs Lulu, die von der 42-jährigen Olga Neuwirth mit neuem Text, neuer Instrumentierung und einem dritten Akt eigener Komposition versehen wurde.

Eklat in Bayreuth

Das Bayreuth Richard Wagners hatte 2012 seinen handfesten Eklat, oder besser wasserfesten, denn abwaschbar ist eine Tätowierung nicht. Kurz vor der Eröffnung der Festspiele mit dem Fliegenden Holländer zeigte ein TV-Porträt den 38-jährigen Titelsänger Ewgeni Nikitin auch in jüngeren Jahren als Schlagzeuger einer Rockband mit entblößtem Oberkörper. Da ein Tattoo sich als Hakenkreuz interpretieren ließ, trennten sich die Festspielleiterinnen kurzerhand von Nikitin.

Die Entscheidung war um so umstrittener, als sich die Bayreuther Festspiele bislang wenig mit der Verstrickung Bayreuths ins "Dritte Reich" und dem Antisemitismus des Komponisten und Musikschriftstellers auseinandergesetzt haben, anders als Publizistik und Wissenschaft.

Von den unzähligen Publikationen zu seinem 200. Geburtstag im Jahr 2013 ist die umfangreichste bereits 2012 erschienen: Das wissenschaftliche edierte Faksimile des Tristan-Autographs.

Feierlichkeiten für Barenboim und Rihm

Von den lebenden Jubilaren des vergangenen "Klassik"-Jahres sind die prominentesten ein Komponist aus Karlsruhe und ein in Berlin lebender Dirigent und Komponist. Daniel Barenboim, 1942 in Buenos Aires geboren, seit 20 Jahren Chef der Staatskapelle, brachte pünktlich zu seinem 70. Geburtstag das Projekt einer Musikakademie auf den Weg, die in Berlin junge Araber und Israelis zusammenbringt – die Barenboim-Said-Akademie soll ihren Platz im ehemaligen Magazin der Staatsoper finden. Und Wolfgang Rihm, 1952 in Karlsruhe geboren, fügte den 344 Werken, die von ihm gedruckt vorlagen, unter anderem zwei neue für Orchester hinzu. Vers une symphonie fleuve IV wurde von der Badischen Staatskapelle in Karlsruhe zu ihrem 350. Geburtstag uraufgeführt, und für das ebenso traditionsreiche Gewandhausorchester Leipzig und die gefeierte Sopranistin Anna Prohaska schrieb Rihm Samothrake.

Anhaltender Boom der Streichquartette

Jenseits der großen Besetzungen sorgt der Boom der Streichquartette anhaltend für Verblüffung. Noch in den 1990er-Jahren galt das Genre unter Studenten als eher unattraktiv gegenüber einer Solisten- oder Orchesterkarriere, mittlerweile sind die hochkarätigen jungen Ensembles – also der Generation nach dem noch immer tonangebenden Artemis Quartett – nicht mehr an zwei Händen abzuzählen. Dabei profitieren nicht nur deutsche Ensembles von den Festivals für klassische Musik – es sind in Deutschland fast so viele, wie das Jahr Tage hat. Zu den Stipendien für junge Musiker ist 2012 die Irene Steels-Wilsing-Stiftung in Berlin gekommen, die ausschließlich Streichquartette fördert und Stipendien von 22.000 Euro an drei Formationen aus Polen und Deutschland vergab.

Abschied von Fischer-Dieskau und Henze

Von zwei der bedeutendsten Musiker aus Deutschland musste man im vergangenen Jahr Abschied nehmen. Beide starben sie in ihrem 87. Lebensjahr. Dietrich Fischer-Dieskau, geboren am 28. Mai 1925 in Berlin, hatte als berühmtester Bariton der Welt dem "Kunstlied" seinen Weg aus kleinen Zirkeln zu großem Publikum gebahnt und in 4.800 Tonaufnahmen nicht nur für Liederzyklen wie Franz Schuberts "Winterreise" Maßstäbe gesetzt, sondern auch Komponisten wie Hugo Wolf aus dem Schatten geholt und Zeitgenossen wie Aribert Reimann inspiriert. Er starb am 18. Mai des vergangenen Jahres. Am 27. Oktober folgte ihm Hans Werner Henze, geboren am 1. Juli 1926 in Gütersloh, der schon früh aus der Bundesrepublik nach Italien gezogen war.

Kein Genre, in dem er nicht seinen von Melos wie von literarischem Denken geprägten Stil entwickelt hätte, vom farbig schwelgenden König Hirsch bis zur sparsamen Strenge seiner letzten bedeutenden Oper Phädra. Unbeirrt von der dogmatischen Avantgarde der 1950er-Jahre war Henze einen Weg in die Gegenwart gegangen, der immer auch Musikgeschichte spiegelte und sich von den späten 1960er-Jahren an mit politischem Engagement verband. Noch heute gibt es sein Festival im italienischen Städtchen Montepulciano, an dem sich die Bürger als Mitwirkende ebenso beteiligen wie renommierte Profis. Für die Deutschen verkörperte Henze, der mit seinem Lebensgefährten auf einem Gut bei Rom lebte, ihre klassische Sehnsucht nach dem Süden ebenso wie den selbstbestimmten Aufbruch aus dem restaurativen Dunst der deutschen Nachkriegszeit.