KLASSIKSZENE 2014 Schulden und Chancen

Kluge Sänger, neue Ausstellungen, lesenswerte Bücher, mutige Inszenierungen: Auch 2014 behauptete das Musikleben in Deutschland seine weltweit einzigartige Dichte und Vielfalt – ging aber auch kreativ um mit Finanznot und Digitalisierung.

Christian Gerhaher als Orfeo in München Christian Gerhaher als Orfeo an der Bayerischen Staatsoper München 2014 | © Wilfried Hösl Schulden über Schulden – immer mehr Bundesländer und Kommunen sahen sich 2014 an den Rand ihrer Finanzkraft getrieben. Die Stadt Wuppertal entließ zum Sommer alle festangestellten Opernsänger und einen Kapellmeister. Das Land Sachsen-Anhalt stieg aus seinem Zuwendungsvertrag für das Anhaltische Theater Dessau aus. Den Fehlbetrag, hauptsächlich für den Erhalt der Anhaltischen Philharmonie, muss die Stadt künftig allein aufbringen. Auch das Land Mecklenburg-Vorpommern will sein Geld für Theater und Orchester kürzen. Ein eigenständiger Betrieb an allen Spielorten wäre dann nicht mehr in vollem Umfang möglich. Dirk Löschner, Intendant des Theaters Vorpommern, hat deshalb im Dezember 2014 eine Fusion seines Hauses mit der Philharmonie Neubrandenburg und dem Theater Neustrelitz befürwortet. Die Zahl der Kulturorchester in Deutschland, seit 1992 um 37 geschrumpft, wird weiter sinken. Auch durch Planungsfehler wächst die Schuldenlast der Kommunen: Die Kosten für die Sanierung der Berliner Staatsoper Unter den Linden sind seit 2010 von 242 auf 400 Millionen Euro gestiegen. Bei der Elbphilharmonie in Hamburg verlief die Steigerung von 77 auf mittlerweile 800 Millionen Euro. In Deutschland verschärft der Spardruck die Legitimitätskrise der klassischen Musik. Er hat das Jahr 2014 geprägt.

Jugend gegen Klassik

Mit dem Jugendkanal "Puls", der eine eigene UKW-Frequenz brauche, begründete der Intendant des Bayerischen Rundfunks, Ulrich Wilhelm, seine Entscheidung, den Kanal "BR Klassik" ab 2018 nicht mehr über UKW, sondern nur noch digital ausstrahlen zu lassen. Weder eine Protestpetition, die am Ende 63 573 Gegner der Digitalisierung verzeichnete, darunter den Deutschen Kulturrat und die Deutsche Orchestervereinigung, noch der Einspruch des Chefdirigenten des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, Mariss Jansons, konnten den BR-Intendanten zur Rücknahme der Entscheidung bewegen.

Ein Jugendkanal steht auch hinter der Entscheidung des Intendanten vom Südwestrundfunk, Peter Boudgoust, ab 2016 die Orchester des SWR zu fusionieren: das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart und das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg. Insgesamt 166 Millionen Euro muss der Sender bis 2020 einsparen und setzt trotzdem allen Ehrgeiz daran, mit dem ZDF ein digitales Jugendfernsehen zu machen. Das nötige Geld erhofft sich Boudgoust durch den Wegfall von Orchesterstellen. Alle Proteste haben die Fusion nicht abwenden können.

Baden-Württemberg stritt zugleich um eine "Beratende Äußerung" des Landesrechnungshofes von 2013: Er forderte bei den fünf Musikhochschulen des Landes jährlich fünf Millionen Euro Einsparungen und eine Streichung von 500 Studienplätzen. Das hätte die Hochschulen in Mannheim und Trossingen überflüssig gemacht. Erst der Ministerpräsident Winfried Kretschmann führte eine Wende herbei: Statt Einsparungen wird es in den kommenden sechs Jahren nun 28 Millionen Euro mehr für Baden-Württembergs Musikhochschulen geben. Alle Standorte bleiben erhalten; dennoch müssen Studienplätze abgebaut werden, da die wachsende Zahl der Auszubildenden einer sinkenden Zahl von Stellen auf dem Arbeitsmarkt entgegensteht.

Jubiläen

Carl Philipp Emanuel Bach eröffnete am 8. März, seinem 300. Geburtstag, den Reigen der Jubilare von 2014. Die Stadt Frankfurt/Oder eröffnete die erste ständige Ausstellung über den Komponisten. Der RIAS-Kammerchor stellte eine vielbeachtete Einspielung mit dessen geistlicher Musik vor. Ana-Marija Markovina nahm dessen Klaviergesamtwerk auf CD auf.

Der 300. Geburtstag von Christoph Willibald Gluck bot Anlass für eine stark diskutierte Operninszenierung bei den Wiener Festwochen: Der Regisseur Romeo Castellucci verknüpfte die Geschichte von Orfeo ed Euridice mit dem Schicksal einer realen Patientin auf der Komastation einer Wiener Klinik, wirkte künstlerisch indes nach Auffassung vieler Kritiker dem Verdacht des Voyeurismus entgegen.

Der 250. Todestag von Jean-Philippe Rameau hingegen wurde in Deutschland kaum bedacht. Allenfalls die eindringliche Inszenierung von Castor et Pollux, die Barrie Kosky an der Komischen Oper Berlin herausbrachte, fand über Fachkreise hinaus Aufmerksamkeit.

Dafür zog der 150. Geburtstag von Richard Strauss neben Operninszenierungen und Konzerten eine Reihe Bücher nach sich, die die geistige Auseinandersetzung mit dem Komponisten auf ein neues Niveau heben. Das von Walter Werbeck herausgegebene Richard-Strauss-Handbuch, Laurenz Lüttekens Monografie Richard Strauss. Musik der Moderne und Michael Heinemanns Essaysammlung Richard Strauss. Lebensgeschichte als Musiktheater brechen allesamt mit der Vorstellung vom Spätromantiker und politisch naiven Karrieristen. Sie begreifen Strauss als Intellektuellen und modernen Künstler eigenen Rechts, der um Teilhabe an der Gegenwart stritt – mit ebenso raffinierten wie fragwürdigen Mitteln.

Abschiede

Zwei große Dirigenten verlor die Musikwelt 2014: Claudio Abbado und Lorin Maazel. Beide waren Hochbegabte ihres Faches, Universalisten des Repertoires, aber gegensätzlich in der Haltung. Maazel, zuletzt Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, steuerte alle Musiziervorgänge im Orchester von zentraler Stelle aus, während Abbado, von 1989 bis 2002 Künstlerischer Leiter der Berliner Philharmoniker, die gestaltende Vernetzung eigenverantwortlicher Musiker anstrebte, auch im exzellenten Nachwuchsbereich (Gustav Mahler Jugendorchester u. a.). Gerard Mortier, dem posthum die Goethe-Medaille verliehen wurde, starb ebenfalls 2014. Wie wenige sonst verband er als Intendant Kunstsinn und Managergeschick. Um an ihn zu erinnern, riefen die Zeitschrift Opernwelt und der Ring Award im Sommer einen neuen Preis für Musiktheater ins Leben: den Mortier Award.

Ausgezeichnet

Mit Peter Gülke erhielt zum zweiten Mal – nach Reinhold Brinkmann – ein Musikwissenschaftler den Siemens-Musikpreis. Ausgezeichnet wurde damit ein Autor, der uns theoretisch reflektiert und aus der praktischen Erfahrung als Dirigent heraus in zugleich schöner Sprache etwas über Musik mitteilt. Ähnliches lässt sich auch über den Bariton Christian Gerhaher sagen, der nicht nur durch seinen Gesang, sondern auch durch seine Vorträge – etwa über Franz Schuberts Liederzyklen – zu den überragenden Figuren des Musiklebens gehört. Er bekam im Sommer 2014 die Nachtigall, den Ehrenpreis der deutschen Schallplattenkritik.

Aufführungen

Viel Lob gab es für Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Bernd Alois Zimmermanns Oper Die Soldaten in München. Diese Produktion und die überragende Jahresleistung des Dirigenten Kirill Petrenko haben der Bayerischen Staatsoper in der Kritikerumfrage des Magazins Opernwelt den Titel "Opernhaus des Jahres" eingebracht. Allgemeine Anerkennung ernteten die Musiktheater-Uraufführungen von Adriana Hölszkys Böse Geister in Mannheim und Mark Andrés wunderzaichen in Stuttgart. Die Uraufführung der Oper Peer Gynt, die der in Berlin lebende Este Jüri Reinvere in Oslo herausbrachte, löste in Norwegen Debatten aus, weil man in einer Schlachthaus-Szene Bezüge zum Massaker von Utøya vermutete. Dabei ging es dem Komponisten eher um den kulturellen Selbstmord Europas und die allgemeine Sinnmüdigkeit.

Personalien

An der Grenze zur Posse bewegte sich das Spiel zwischen Serge Dorny und der Semperoper Dresden, die den Franzosen erst als Intendanten bestellte und ihm dann kündigte, bevor er sein Amt überhaupt antrat. Offenbar hatten beide Seiten unterschiedliche Arbeitsvorstellungen, ohne darüber gesprochen zu haben.
Heiner Goebbels verabschiedete sich als Intendant der Ruhrtriennale mit seinem Stück Surrogate Cities, das eine Collage verschiedener Stilformen verband mit der Teilhabe der Stadtbevölkerung an der Kunst. Mit Christian Kuhnt als neuem Intendanten trennte sich das Schleswig-Holstein Musik Festival von seinen Länderschwerpunkten und ging zu Komponisten-Retrospektiven über. Die erste war Felix Mendelssohn Bartholdy gewidmet. Evelyn Meining erweiterte als neue Intendantin des Mozartfestes Würzburg den Diskurs über Musik durch öffentliche Gespräche mit Komponisten, Wissenschaftlern und Philosophen in Form des "MozartLabors".
Das Musikfest Stuttgart stand nun erstmals unter der alleinigen Verantwortung von Hans-Christoph Rademann, der im Vorjahr die Leitung der Bach-Akademie von Helmuth Rilling übernommen hatte. Das Thema "Herkunft" mit den Reihen Sichten auf Bach und Aus Mitteldeutschland berührte sich dabei mit Rademanns Biografie und seiner Verwurzelung in der sächsischen Kantorei-Tradition.

Digitalisierung als Chance

Während der Raum für Musikkritik, besonders der Instrumentalmusik, in den Feuilletons überregionaler Zeitungen weiter schwindet, startete im Sommer eine mediale Offensive: Das VAN-Magazin erscheint nicht mehr auf Papier, sondern ist nur noch digital über iPad und Android-Tablet-Rechner zu lesen. Technisch innovativ, greift VAN jenseits von Marketing-Interessen Themen der klassischen Musik auf und diskutiert sie mit Künstlern in einer Weise, die weit weniger betriebskonform ist als in den etablierten Printmedien. Hier führt die Digitalisierung zu echtem geistigen Gewinn.