Klassikszene 2015 Vor dem ganz großen Umbruch

Münchner Philharmoniker nach einem Konzert in der Philharmonie im Gasteig, München, Februar 2008
Münchner Philharmoniker nach einem Konzert in der Philharmonie im Gasteig, München, Februar 2008 | Foto (Ausschnitt): Andreas Praefcke, CC BY 2.5

In Dresden wird gegen die Flüchtlinge demonstriert, in München kommen sie scharenweise an: Das wird auch die Klassik-Szene in Deutschland verändern, wo sich traditionelle und innovative Kräfte recht unversöhnlich gegenüberstehen. 

Brennpunkt Dresden

Spätestens seit 2015 kennt jeder in Deutschland, selbst der Unmusikalischste, das Opernhaus in Dresden. Hier versammeln sich allmontaglich Fremden- und Pressefeinde, um ihr präpotentes „Wir sind das Volk“ zu skandieren. Das geschieht mittlerweile zum Leidwesen fast aller Beschäftigten im Opernhaus, die diese Demonstrationen im Laufe des Jahres zunehmend als unerträgliche Belastung beklagen. Nur der Musikchef des Hauses, Christian Thielemann, erklärte Anfang des Jahres in der Wochenzeitung Die Zeit, dass man diesen Menschen zuhören müsste.

Ratlosigkeit in Berlin

Vielleicht hat sich dieser Appell nicht allzu positiv ausgewirkt, als kurz danach die Berliner Philharmoniker einen Nachfolger für den 2018 freiwillig aus dem Amt scheidenden Simon Rattle wählen. Thielemann wird von vielen als der aussichtsreichste Kandidat gehandelt, obwohl er konservativ, schwierig und vom Repertoire her relativ eingeschränkt ist. Zumal auch Mariss Jansons genauso wie Daniel Barenboim, die beiden aussichtsreichsten älteren Kandidaten, bereits im Vorfeld absagen. In einem ersten Wahlgang, die Presse umlagert in Scharen den Versammlungsort des Orchesters, die Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem, können sich die Musiker elf Stunden lang auf keinen Kandidaten einigen. Sie vertagen sich, die Enttäuschung ist bei der Presse sichtbar größer als beim Orchester. Schließlich ist dieser Posten der begehrteste und das Orchester das wichtigste in der Welt.

Triumph der Lichtgestalt

Knapp einen Monat später landen die Berliner heimlich einen Coup, sie wählen Kirill Petrenko. Jenen Petrenko, der ein halbes Jahr zuvor ohne Angabe von Gründen ein Konzert mit ihnen in allerletzter Minute durch vorzeitige Abreise hat platzen lassen. Aber Petrenko ist jener Musiker, der die erstaunlichste Dirigentenkarriere seit Leonard Bernstein hingelegt hat. Geboren 1972 in der Uralstadt Omsk, in Österreich ausgebildet, Operndirigent in Wien, Meinigen, Berlin und derzeit an der Bayerischen Staatsoper der Musikchef. Und jetzt Berlin!

Petrenko und die Anderen

Mit Petrenko bekennen sich die Philharmoniker wie schon mit Claudio Abbado und Simon Rattle zu Aufbruch und Erneuerung, sie stimmen gegen den Mainstream. Zudem bedeutet dies eine historische Versöhnung, wenn das einst von den Nazis vor dem Konkurs gerettete Orchester, das mit Wilhelm Furtwängler und Herbert von Karajan zwei durch die NS-Zeit belastete Chefs hatte, nun einen Musiker mit jüdischen Wurzeln wählt. Diese Entscheidung ist mutig, weil Petrenko bisher wenig Konzert gemacht hat, sie ist richtig, weil es derzeit keinen Besseren für das hochromantische Repertoire gibt. Petrenko befeuert Musiker wie Publikum so, dass man Angst haben muss, ob er diese emotionalen Megaeruptionen auf Dauer überleben kann. Aber er ist auch ein ins Filigrane verliebte Ziseleur und vor allem einer, der die bekannten Stücke oft in einer verblüffenden, dennoch unmittelbar einleuchtenden Lesart präsentiert. Das können nur die ganz großen Musiker und damit übertrifft er alle Kollegen, Thielemann, Jansons, Barenboim und Andris Nelsons. Letzterer, auch ein heiß gehandelter Kandidat für die Rattle-Nachfolge, verpflichtet sich kurz nach der Berliner Entscheidung ans Leipziger Gewandhausorchester, auch seine Sinfoniker in Boston wird er weiter leiten. Diese Ämterhäufung ist verbreitet in Klassikkreisen, auch hier macht Petrenko die Ausnahme. Ähnlich wie der noch sehr junge 1983 geborene Robin Ticciati, der demnächst das Deutsche Symphonie Orchester in Berlin übernehmen wird, eine Truppe, die traditionell so auf Aufbruch und Neugier geeicht ist wie die Berliner.

Noch einmal Dresden

Und Dresden? Thielemann bleibt, dafür kommt ab 2018 der derzeitige Nürnberger Opernintendant Peter Theiler, ein durchaus aufgeschlossener Mann für neue Wege. Ob der mit Thielemann harmonieren wird? Im Februar 2014 wurde Theilers Dresdner Vorgänger Serge Dorny, ein einfallsreich avancierter Manager, noch vor Amtsantritt geschasst, weil es Verwerfungen mit Thielemann gab. Die Kündigung war, so ein Gericht  Ende 2015, allerdings nicht rechtmäßig, auf den sächsischen Staat dürfte also eine hohe Abfindungszahlung zukommen. Ein zweites solches Debakel wird man sich dort nicht leisten wollen.

Hoffnungsschimmer Hamburg

Intendanten zerfallen in zwei Lager. Da sind diejenigen, die das Publikum mit großen Stimmen und szenischer verbindlicher Ware bedienen, auf der anderen Seite stehen diejenigen, die Oper als eine nach wie vor relevante und auch mal unbequeme Kunstform begreifen und deshalb die der Affirmation verdächtige Klassik mit avancierter Regiekunst kombinieren. Zu letzteren zählt der Münchner Staatsopernmeister Nikolaus Bachler, der jetzt Petrenko verliert. Vor Jahren hat sich Bachler von dem so gar nicht fürs handfest Musikalische zu begeisternden Kent Nagano getrennt, mit dem er ästhetisch kaum etwas gemein hatte. Jetzt hat Nagano mit dem Manager und Regisseur Georges Delnon einen Intendanten gefunden, mit dem ihn sehr viel mehr verbindet, auch die Leidenschaft fürs Französische – zusammen sind sie seit der laufenden Spielzeit am Opernhaus Hamburg tätig, das zuvor unter der glücklosen Simone Young ins künstlerische Abseits driftete. Mal schauen, ob das Duo Nagano und Delnon das Format zu einer eigenen Ära hat, die Hamburger haben so etwas unter Rolf Liebermann und später unter Ingo Metzmacher erlebt.

An Ruhr und Rotem Main

Neu ist auch der Chef der Ruhrtriennale. Johan Simons, der bisherige Chef der Münchner Kammerspiele, ist bisher nicht als genuiner Musik-Mann aufgefallen, was ihn von all seinen Vorgängern bis zum Gründungsintendanten Gerard Mortier unterscheidet. Vielleicht wirkt deshalb sein Musik-Programm auch traditioneller als das seiner Vorgänger, die oft radikaler von der Musik als vom Theater aus dachten. Während beim zweiten wichtigen Festival Deutschlands, in Bayreuth, nach Frank Castorfs grandioser, konservative Opernbesucher verstörenden Ring-Inszenierung Konsolidierung angesagt ist. Hausherrin Katharina Wagner erzählt ihren Tristan unspektakulär aus zurückgenommen emanzipatorischer Sicht. Die Aufführung wird über den engen Kreis der Live-Besucher und Radiohörer erstmals auch als Kinoerlebnis zugänglich. Bayreuth folgt damit diesem von der Metropolitan Opera angestoßenen Trend der Popularisierung von Klassik, dazu gehört auch, dass solche Operngroßereignisse auch als Livestream angeboten werden.

Berieselung oder Hochkultur: Klassik Online

Genauso wie die Live-Klassik-Szene ist derzeit auch die Online-Klassik im Umbruch begriffen. Während Klassik live ein teures Vergnügen ist und immer die Konzentration aufs Einzelwerk meint, muss Klassik im Netz ihren Platz zwischen Dauerberieselung und Hochkultur finden. Allzu viel ist da allzu leicht verfügbar, und wo im Live-Betrieb die planende Hand eines Managers das Publikum lenkt, ist der Hörer im Internet auf sich gestellt. Er braucht deshalb ein sehr großes Wissen, um sich dort zurechtzufinden. Die vom Bayerischen Rundfunk betriebene Fachwelle BR-Klassik versucht dem mit einer sehr gut gemachten, inhaltlich und sprachlich allerdings nicht überzeugend betriebenen Website zu begegnen. Und die neu an den Start gegangene kostenlose Streaming-Plattform Idagio steuert dagegen, indem sie auf ihrer Website ihr Musikangebot in Schlagworten wie „Exciting“, „Radiant“ „Happy“ oder „Festive“ aufbereitet. Das mag auf Hochkulturanhänger arg unbedarft wirken, für Neueinsteiger und Hobbyklassiker ist das ideal.

München glost

Während in Dresden regelmäßig gegen die Fremden im Land protestiert wird, kommen Flüchtlinge seit dem Sommer zunehmend nach Deutschland. München ist die ersten Monate bis zum Wiesn-Beginn ihre wichtigste Anlaufstelle. Allen mit Kultur Befassten ist schnell klar, dass es sich dabei um ein gesellschaftliches Phänomen handelt, das auch Auswirkungen auf die Klassikszene im Land haben wird. Hat die klassische Musik, die in erster Linie Musik abgelebter Vergangenheiten ist, die Fähigkeit, auf solche Umschwünge zu reagieren? Oder ist sie das letzte tröstende Refugium für ein schwindendes Bürgertum, das sich nicht eingestehen will, dass der Klassik eine von völliger gesellschaftlicher Bedeutungslosigkeit geprägte Rolle bevorsteht? Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofers Antwort auf diese Fragen zielt einfallslos auf die Fortsetzung des Status Quo. Nach jahrelanger Debatte erklärt er sich bereit, einen weiteren Konzertsaal in die schon mit drei größeren Klassik-Sälen (Philharmonie, Herkulessaal, Prinzregententheater) ausgestatte Stadt zu bauen, der in erster Linie den bisher heimatlosen Symphonikern des Bayerischen Rundfunks als Unterschlupf dienen soll. Auch wenn die angedachte Lösung recht pragmatisch bescheiden daherkommt, so leuchtet die satt konservative Musikstadt München im ausklingenden Jahr 2015 ein bisschen auf. Oder sollte das nur ein Nachglühen, ein Glosen sein?