Klassikszene 2011 Schöne neue Konzertwelt?

Zwischen Konzertsaaldebatten und Listzs 200. Geburtstag war die Klassikwelt in Deutschland gut beschäftigt: Festivals an kleinen Orten ließen aufhorchen, einige Personalwechsel standen an. Hans-Klaus Jungheinrich über Tendenzen 2011.

Sommerliche Musiktage Hitzacker, „Labor-Orchester“, begehbares Orchester mit Publikum; Sommerliche Musiktage Hitzacker, „Labor-Orchester“, begehbares Orchester mit Publikum; | Foto: © Kay-Christian Heine Das Musikjahr 2011 endete mit einem Hamburger Paukenschlag. Leider keinem festlichen in einer glanzvoll eröffneten Elbphilharmonie, wie es für diesen Zeitpunkt hoch und heilig versprochen war.

Das bereits 2003 vom damaligen Bürgermeister Ole von Beust angestoßene Renommierprojekt zeigt sich mehr und mehr als kulturpolitisches Schmerzenskind, wenn nicht als ein veritabler Skandal. Letzteres möchten die erstaunlich wohlgesinnten Hamburger Bürger kaum unterschreiben, zumal die Baustelle, die im Falle ihrer Vollendung an einen monumentalen Schiffsbug gemahnen soll, schon im jetzigen Zustand als touristische Attraktion angepriesen wird.

Eine Bautätigkeit wurde im laufenden Jahr nur sporadisch beobachtet. Zum Jahresende hieß es, dass statt der anfangs vorgesehenen Kosten von 77 Millionen Euro inzwischen 323 Millionen veranschlagt würden, ja man spricht schon von sogar 500 Millionen, und mit einer Eröffnung ist erst 2014 oder 2015 zu rechnen. Nicht ganz unmöglich, dass der zum Jahreswechsel 2011/2012 wieder wahrscheinlicher werdende Münchner Konzerthausbau auf der Isarinsel die langwierige Fertigstellung des Hamburger Musentempels noch überholt.

Aber immerhin lockte die Hansestadt 2011 einen interessanten neuen Chefdirigenten in ihre Gefilde: Bei einem der traditionell führenden deutschen Klangkörper, dem NDR-Sinfonieorchester, übernahm Thomas Hengelbrock den Taktstock, ursprünglich Spezialist für Alte Musik, neuerdings aber ähnlich universal tätig wie Nikolaus Harnoncourt und gefeierter "Tannhäuser"-Dirigent in Bayreuth.

Musikland Deutschland – noch immer attraktiv

Die "schöne neue Konzertwelt" mag als eine deutsche Zukunfts-vision ihre sarkastischen Aspekte haben – ohne alle Ironie wird sie indes wahrgenommen von ausländischen Musikbegeisterten, insbesondere denen des Fernen Ostens. Eine Tendenz, die auch 2011 ungebrochen zu beobachten war.

Nach Japanern, Koreanern, Vietnamesen strömen nun auch immer mehr Chinesen als Musikstudenten – und später als musikalische Jobsucher – in die deutschen Ausbildungsstätten und Institutionen, die, was die musikalische Fachlichkeit betrifft, international immer noch einen hervorragenden Ruf genießen. In einigen Musik-hochschulen dominieren die nichtdeutschen Studenten quantitativ und qualitativ dermaßen, dass dies von manchen Beteiligten als problematisch empfunden wird.

Dabei hat die Internationalisierung der musikpädagogischen und musikalischen Szene Deutschlands aber auch etwas ungemein Belebendes. Die scharfe Konkurrenz sorgte längst für eine beträchtliche Erhöhung der spieltechnischen Standards. Vor 80 Jahren gab es weltweit nur ein, zwei Spitzenklangkörper, die Strawinskys Sacre du printemps Yzuverlässig spielen konnten. Heute gehen mit diesem Stück Studentenorchester aus Mannheim oder Freiburg auf Tournee. Das Orchester der rheinischen Stadt Koblenz klingt 2011 (immerhin brachte es da eine respektable Schallplattenaufnahme der vier Brahmssymphonien heraus) zwar nicht ganz so wie vor 50 Jahren die Berliner Philharmoniker, aber mühelos wie etwa die damaligen Bamberger Symphoniker.

Festivals abseits der großen Städte

Deutschlands Musikbetrieb, Erbe der einstigen Kleinstaaterei, ist nach wie vor viel dezentraler als etwa der französische.
Das gilt nicht nur für das regelmäßige Musikleben in so verschiedenen Städten wie Berlin, Dresden, Köln, Stuttgart oder Freiburg, das jeweils Beachtung verdient hätte. Auch ein Blick auf Musikfestivals in der scheinbaren Provinz unterstützt 2011 diesen Befund: Mit einer charismatischen Persönlichkeit, dem Dirigenten und Chorpädagogen Enoch zu Guttenberg, sind die sommerlichen Musiktage auf Schloss Herrenchiemsee in Oberbayern verknüpft, eine romantische Festivität im Ambiente Ludwigs II., die 2011 mit der Reprise einer spektakulär "aufklärerischen" und selbstreflexiven, halbkonzertanten Zauberflöte aufwartete.

Mehr um sinnreiche thematische Bezüge zwischen moderner und älterer Musik ging es beim 2011 auf den Herbst platzierten Festival Alpen-Klassik in Bad Reichenhall, das von Klaus Lauer programmiert wird, dem Gründer der legendären Musiktage im früheren Hotel Römerhof in Badenweiler.

In den der Kammermusik zugewandten "Sommerlichen Musiktagen Hitzacker" an der Elbe absolvierte der an ungewöhnlichen Programmformaten interessierte Markus Fein 2011 seine letzte Saison, bevor er als Musikdramaturg zu den Berliner Philharmonikern wechselte.

Als Neugründung stellte der Heidelberger Frühling erstmals seine ambitionierte Liedakademie vor und bestätigte damit die Lebendigkeit einer manchmal bereits totgesagten Gattung.

Die "Kasseler Musiktage" unter der künstlerischen Leitung von Dieter Rexroth konfrontierten 2011 Gestalten der Gegenwart mit einem der großen Musikerneuerer des 19. Jahrhunderts, mit Franz Liszt, dessen 200. Geburtstag im vergangenen Jahr begangen wurde.

Herausragender Musikjubilar Liszt

Franz Liszt hatte in seinem Jubiläumsjahr gewissermaßen das Glück, ein Gefeierter auf einsamem Podest zu sein – keiner der sonst mit runden Geburts- oder Todestagen Geehrten konnte ihm diesen Ruhm streitig machen, nicht der biedere norddeutsche Orgelmeister Georg Böhm (geboren 1661), nicht der Vorklassiker Ignaz Holzbauer (Jahrgang 1711), nicht der gleichaltrige Kleinmeister Ferdinand Hiller, aber auch nicht der 1861 verstorbene Heinrich Marschner.

Gustav Mahlers 100. Todesjahr bedeutete ein Jahr nach dem 150. Geburtstag sowieso nur noch einen Nachhall, dessen es angesichts der ohnedies überwältigenden Präsenz dieses Symphonikers nicht bedurft hätte.

Liszt hingegen konnte eine Wiedererinnerung durchaus vertragen – fast alle seiner das Genre "Programmmusik" mit Verve repräsentierenden Orchesterstücke und das meiste seiner splendiden und hochbrillanten Klavierwerke standen lange im Halbschatten und verdienten eine Wiederentdeckung. Veranstalter und Tonträgerindustrie ließen sich nicht lumpen.

Zu den fesselndsten diskographischen Lisztiaden 2011 gehörten strukturell aufgelichtete, ohne jedes Dröhnen daherkommende Aufnahmen der Symphonischen Dichtungen mit dem Orchester Wiener Akademie und dem Dirigenten Martin Haselböck.

Seinen 85. Geburtstag feierte 2011 außerdem der Komponist Hans-Werner Henze.

Unvermindert kompositorisch tätig ist auch noch der 1936 geborene Hans Zender, zudem einer der namhaften Dirigenten seiner Generation.

Zu den 2011 Gestorbenen gehörten der oft in Deutschland aufgetretene brasilianische Pianist Roberto Szidon, die Opern- und Konzertsängerin Sena Jurinac, der Oratoriensänger Robert Tear, die Dirigenten Yakov Kreizberg und Klauspeter Seibel, der vor allem als Klavierpädagoge in Deutschland hervorgetretene schwedische Pianist Hans Leygraf, der Musikwissenschaftler Alfred Dürr und der ehemalige FAZ-Musikkritiker Friedrich Hommel.

Triumph der Kleinlabels

Wenn man auf die großen Zahlen und die Veröffentlichungspolitik der Konzerne blickt, dann sieht die Bilanz des Tonträgergeschäfts 2011 reichlich trüb aus. Die Klassikliebhaber können sich damit trösten, dass bei stagnierenden Werten um 5 Prozent vom Gesamtumsatz das Volumen der sogenannten "E"-("ernsten")Musik gegenüber der "U"("Unterhaltungs"-) Musik nicht sonderlich ins Gewicht fällt und die zuständigen Manager sich dafür deshalb auch nur wenig interessieren. Spürbar allerdings ist in den Konzernetagen der galoppierende Mangel an "klassischer" Manpower und das verzweifelte Kleben an alten, längst obsoleten Editions-Rezepturen – etwa dem Durchpeitschen vermeintlich gewinnträchtiger Starinterpreten und dem Lancieren fragwürdiger Crossoverprogramme.

Was lebendige Musikkultur in diesem Bereich – trotz zunehmender Informations- und Verbreitungsmöglichkeiten durch das Internet - noch immer leisten kann, zeigen die Kleinlabels.

Firmen wie Tacet, ECM oder cpo sind im Prinzip Ein-Mann-Unternehmungen; sie sind denn auch geprägt vom musikalischen Enthusiasmus und der editorischen Kompetenz von Einzelpersönlichkeiten, die zugleich als versierte geschäftliche Strategen agieren.

So kann Burkhard Schmilgun (cpo) durch Kooperation mit Veranstaltern und Rundunksendern die Kosten ausbalancieren. Und der ursprünglich vom Free Jazz herkommende Manfred Eicher (ECM), der sein Repertoire weit in die "Klassik" hinein ausweitete, eroberte von München aus eine beachtliche internationale Stellung. Seine editorisch unverwechselbar liebevoll gestalteten Produkte (einige Konzerne versuchten sich prompt in Nachahmung) wurden für eine größere Klientel geradezu zum Suchtstoff.

Zu den schönsten ECM-Veröffentlichungen 2011 gehört eine Schubert-CD mit der Geigerin Carolin Widmann und dem Pianisten Alexander Lonquich.

Bei cpo gab es, neben zahlreichen weiteren musikalischen Seltenheiten, 2011 Erstaufnahmen der 4. Symphonie von Ernst Krenek und der Symphonien des fast vergessenen liebenswerten Opernkomponisten Ermanno Wolf-Ferrari.

Zwei deutsche Schallplattenpreise würdigen die laufende Praxis der Tonträgerindustrie. Der von den Konzernen selbst (bzw. der industrieabhängigen Phono-Akademie) ausgelobte Echo-Preis galt lange als der bekanntere. Aufgeholt hat inzwischen der Preis der deutschen Schallplattenkritik, in dessen unabhängiger Jury 143 deutschsprachige Musikkritiker tätig sind.

2011 trat dieser Preis (unter dem Vorsitz der Musikkritikerin Eleonore Büning) auch mit dem von Radiosendern übernommenen Quartett der Kritiker verstärkt an die Öffentlichkeit. Der Umgang mit den neuen Medien der digitalisierten Welt wird die Arbeit dieses Gremiums wie die der etablierten musikalischen Institutionen schon bald weiter verändern.