Klassik Die Klassik als musikalische Epoche

Die musikalische Epoche der Klassik ist vor allem mit drei Namen verbunden: Joseph Haydn, Wolfgang Amadé Mozart und Ludwig van Beethoven. Ihr Schaffen hat die weitere Entwicklung der Musik – auch in Deutschland – nachhaltig geprägt.

Freiburger Barockorchester; Freiburger Barockorchester; | Copyright: Marco Borggreve Versteht man "Klassik" nicht als Sammelbegriff für die Musik des Konzertsaals generell, sondern als musikgeschichtliche Epoche, dann ist dieser Begriff mit drei Namen verbunden: Joseph Haydn, Wolfgang Amadé Mozart und Ludwig van Beethoven. Indes: Die Tätigkeit dieser drei "Klassiker" ist aufs engste mit Wien, der heutigen Hauptstadt Österreichs, verbunden, und "Wiener Klassik" lautet denn auch der genauere Name dieser Epoche; nur einer der drei, Beethoven, ist nach heutigem Verständnis in Deutschland geboren worden. Freilich, die Nationalstaaten "Deutschland" und "Österreich" existierten zur Zeit der Wiener Klassik noch gar nicht. Beethovens Geburtsstadt Bonn etwa gehörte zum Bistum Köln, dessen Erzbischof zugleich Sohn des in Wien residierenden Habsburger-Kaisers und Kurfürst, also wahlberechtigt für die kaiserliche Nachfolge, war. Wien war bis 1806 die Hauptstadt des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation. Die "Wiener Klassik" war also durchaus Klassik in "Teutschland", wie man damals den deutschen Sprachraum vereinfachend nannte.

Die Bedeutung der Komponisten Haydn, Mozart und Beethoven liegt in erster Linie in der nachhaltigen Ausprägung neuer Formen von Instrumentalmusik, die zur Grundlage des 19. und 20. Jahrhunderts wurden: der Symphonie, des Instrumentalkonzerts, des Streichquartetts, der Klaviersonate und anderer Formen der Kammermusik. Gemeinsam haben diese drei auch persönlich miteinander verbundenen Musiker – Haydn und Mozart waren Freunde, Beethoven ihr Schüler – dazu beigetragen, im Bewusstsein der Zeitgenossen spätestens um 1800 die Instrumentalmusik der Vokalmusik gleichzustellen. Hatte bis dahin immer Vokalmusik – allen voran die Kirchenmusik und die Oper – als die eigentlich bedeutende gegolten, so wurden jetzt Symphonie, Quartett oder Klaviersonate als wenigstens gleichrangig angesehen, ja, in der Romantik (vor allem bei E. T. A. Hoffmann) wurde es sogar üblich, die Instrumentalmusik als die "eigentliche" Musik anzusehen, und zwar stets mit Verweis auf Haydn, Mozart und Beethoven.

Von bleibender Bedeutung

Als "Klassiker" werden Haydn, Mozart und Beethoven deswegen bezeichnet, weil zumindest einige ihrer Werke von ihren Uraufführungen bis in die Gegenwart kontinuierlich gespielt worden sind. Diese Kontinuität nämlich bestand für Komponisten vor dem 18. Jahrhundert so gut wie gar nicht (mit der Ausnahme des "katholischen Klassikers" Palestrina) und auch im 18. Jahrhundert nur für wenige Werke, vor allem Georg Friedrich Händels Oratorien, Johann Sebastian Bachs Klaviermusik (die aber vor allem in Musikerzirkeln bewundert wurde) oder Christoph Willibald Glucks sogenannte Reformopern. In dieser Kontinuität, der "überzeitlichen Geltung", haben die Zeitgenossen das "Klassische" gesehen, und die Idee einer "Wiener Klassik" ist vor allem von mittel- und norddeutschen Musikschriftstellern als parallele Konstruktion zu der "Weimarer Klassik" eines Goethe und Schiller entwickelt worden; schon deswegen, von dem Einfluss auf die deutsche Musik ganz zu schweigen, gehört die "Wiener Klassik" zur Geschichte der "Klassik in Deutschland".

Diese "überzeitlichen" Leistungen der Wiener Klassik wären freilich nicht denkbar ohne ein Umfeld von zahlreichen weiteren Musikern, die sich von den Traditionen des Barockzeitalters emanzipierten und neue Ausdrucks- und Formmodelle entwickelten, an die die Klassiker anknüpfen konnten. Dazu gehören insbesondere die Komponisten der süddeutsch-österreichisch-italienischen Tradition der Instrumentalmusik – neben Wien vor allem im Umkreis der Mannheimer Hofkapelle – , aber auch der auf alle drei Klassiker entscheidenden Einfluss ausübende Sohn Johann Sebastian Bachs, Carl Philipp Emanuel Bach.

Schöpfer neuer Welten

Dabei hat (Franz) Joseph Haydn (1732–1809), der als Kapellmeister der Fürsten Esterházy zwischen 1761 und 1790 meist nur die Wintermonate in Wien verbrachte, nach zwei umjubelten Londoner Aufenthalten (1791/2, 1794/5) aber in Wien sesshaft wurde, entscheidend vor allem die Gattungen der Symphonie und des Streichquartetts geprägt, in denen er große musikalische Zusammenhänge mit Hilfe weniger melodischer "Bausteine" entwickelte. Seine über eine kompositorische Laufbahn von gut 50 Jahren hinweg unerschöpfliche Experimentierlust und der so reflektierte wie unschematische Einsatz aller Mittel machen ihn in diesen Gattungen – aber auch in seiner Klaviermusik und seinen Klaviertrios – zu einem heute leider nur in winzigen Ausschnitten seines Werks bekannten "Kontinent"; regelmäßig gespielt werden die späten Oratorien Die Schöpfung und Die Jahreszeiten.

Der im damals selbständigen Erzbistum Salzburg geborene Wolfgang Amadé Mozart (1756–1791), der nach ausgedehnten Reisen durch Europa – zunächst als Wunderkind, dann als junger Komponist – 1781 nach Wien ging und dort vor allem als Klaviervirtuose und -lehrer arbeitete (ab 1787 auch mit einer Anstellung als kaiserlicher Kammerkompositeur), griff alle von Haydn geprägten Gattungen auf und erweiterte sie im Instrumentalbereich vor allem durch seine Klavierkonzerte, die so etwas wie kleine "Opern" für Solist und Orchester sind, und die großen Streichquintette. Hier wie in den bedeutenden Opern der Wiener Zeit (Entführung aus dem Serail, Le nozze di Figaro, Don Giovanni, Così fan tutte, Die Zauberflöte) gehen eine wahre Überfülle charakteristischer und expressiver Gedanken und die kunstvollste Vielfalt ihrer Verarbeitung eine staunenswerte, die zeitgenössischen Hörer nicht selten überfordernde Balance ein.

Der aus Bonn stammende Ludwig van Beethoven (1770–1827), der sich ab 1792 in Wien ähnlich Mozart als Klaviervirtuose und freischaffender Komponist etablierte (unterstützt insbesondere von der hohen Aristokratie), wurde im 19. Jahrhundert vor allem als Meister des Pathetischen, Tragischen und Dämonischen gesehen, vor allem in den "durch Nacht zum Licht führenden" Symphonie Nr. 5 und 9 oder Klaviersonaten wie der "Pathétique" op. 13, der "Mondscheinsonate" op. 27, 2 oder der "Appassionata" op. 57. Beethovens Sinn für Humor und Lyrik wurden dabei tendenziell ebenso übersehen wie seine vielfältige Auseinandersetzung mit Mozart und Haydn, aber auch mit J. S. und C. Ph. E. Bach oder Händel. Dagegen stellte seine vor allem im Spätwerk vorangetriebene Idee der radikalen Individualisierung sowohl des kompositorischen Ausdrucks wie des einzelnen Werks zwar die Zeitgenossen vor Rätsel, wurde aber für die Idee vom Komponisten in der Folgezeit beherrschend.

Die Geburt einer musikalischen Öffentlichkeit

"Klassisch" werden diese Komponisten auch genannt, weil man ihre Verbindung von klarer Gliederung und Prägnanz der musikalischen Sprache und Form von jeher als außerordentlich geglückt empfunden hat. (Grundlegende Voraussetzungen dieser musikalischen Sprache wurden von den oben genannten deutschen und italienischen Vorläufern und Zeitgenossen der Klassiker geschaffen.) Diese Klarheit beruht auf plastischen, in sich geschlossenen und melodisch prägnanten Themenbildungen, die mit allem Reichtum an harmonischen und kontrapunktischen Mitteln, mal spielerisch, mal ernst entwickelt werden. Vor allem in diesen Melodien berührt sich die musikalische Sprache der Klassik mit der populären Musik der damaligen Zeit so nahe wie zu keinem anderen Zeitpunkt der Musikgeschichte.

"Klassiker" – im Sinne der erwähnten ständigen Präsenz in Konzertsälen und Opernhäusern – wurden Haydn, Mozart und Beethoven aber auch deswegen, weil ihre Werke in einer Zeit entstanden, in der sich die Grundzüge unseres heutigen Musiklebens entwickelten: öffentliche Konzerte gegen bezahlten Eintritt, die Verbreitung von Musikalien durch den Notendruck, die (vor allem im mittel- und norddeutschen Raum betriebene) kritische Besprechung von Konzerten wie neuen Werken in Zeitungen, Zeitschriften und speziellen Musikzeitschriften, all diese (teilweise schon länger existierende) Tendenzen verdichteten sich zwischen 1770 und 1830 zu einer "musikalischen Öffentlichkeit", wie es sie zuvor nicht gegeben hat. Getragen wurden diese Bemühungen von der Aristokratie und von einer ökonomisch erfolgreichen, gebildeten bürgerlichen Bewegung. Es ist die einzigartige Mischung von musikalisch hochgebildeter (und hochvermögender) Aristokratie und einem breiten Interesse an Musik bis in die unteren Schichten hinein, die Wien zu einem idealen Nährboden für eine Kunst machte, die die Versöhnung von Popularität und Kunstanspruch bis zum Beginn von Beethovens "dritter Periode" betrieb. Und darin liegt es wohl auch begründet, dass man in den Werken der Wiener Klassiker immer wieder die musikalische Darstellung einer auf Toleranz, Verantwortung und dem Ausgleich von Gefühl und Vernunft basierenden Humanität hat sehen wollen, wie sie sich vor allem in Haydns Oratorien, Mozarts Zauberflöte und Beethovens Fidelio und der Neunten Symphonie ausspricht.

Der Zeit der musikalischen Romantik, die sich durch gebrochenes und kompliziertes Verhältnis zu Welt und Gesellschaft auszeichnete, erschienen diese Musiker schon bald als Vertreter einer seligen, ja goldenen Vergangenheit (Haydn, Mozart) oder als unerreichbares, "titanisches" Vorbild (Beethoven). Beide Haltungen zeigen sich schon früh bei einem vierten Komponisten, der zwar im allgemeinen nicht zur Wiener Klassik gezählt wird, aber ihr in vielfältiger Form verpflichtet war: Der gebürtige Wiener Franz Schubert (1797–1828), der im wesentlichen als freischaffender Komponist in materiell bescheidenen Umständen gelebt hat, und dessen Instrumentalmusik und Lieder sich zwischen einem eher biedermeierlichen Klassizismus auf höchstem Niveau der Inspiration einerseits und einer geradezu verstörenden Intensität des Ausdrucks andererseits bewegen. Letztere vor allem in den späten Streichquartetten, dem Streichquintett, der "unvollendeten" h-moll-Symphonie, vor allem aber im Liedschaffen von "Gretchen am Spinnrad" bis zur "Winterreise" wurde für Romantiker wie Schumann zur entscheidenden Inspiration.