Musikinstrumentenbau in Deutschland Kulturelles Erbe und reger Betrieb

Der deutsche Musikinstrumentenbau hat in der Welt einen guten Namen. Das gilt für den Nachbau historischer Instrumente genauso wie für den Bau von modernen Spitzeninstrumenten. Eine Vielzahl an Sammlungen von Musikinstrumenten bewahrt darüber hinaus das kulturelle Erbe in diesem Bereich.

Klavierbau-Werkstatt Die Klavierbau-Werkstatt der Klaviermanufaktur Steingraeber in Bayreuth | Foto (Ausschnitt): Robert B. Fishman, © picture alliance/dpa Kein anderes Land auf der Welt besitzt eine höhere Dichte an Museen mit historischen Musikinstrumenten – seien es Spezialmuseen wie in Berlin, Leipzig und Markneukirchen, oder seien es große kulturhistorisch oder technisch orientierte Institutionen wie das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg, das Deutsche Museum in München und das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg. Selbst in kleineren Museen finden sich oft Instrumente als Teil einer weitverbreiteten Musizierpraxis.

Die Website des Komitees für Musikinstrumentensammlungen im internationalen Museumsbund, CIMCIM, weist fast 150 Sammlungen für Deutschland nach, zu denen ein "Museumsführer Musikinstrumente" einen lese- und reisefreundlichen Zugang gewährt. Das von der Europäischen Union geförderte Projekt MIMO – Musikinstrumentenmuseen Online – hat kürzlich ermittelt, dass mehr als ein Viertel der in öffentlichem europäischem Besitz befindlichen historischen Musikinstrumente in Deutschland aufbewahrt wird.

In der Mitte Europas

Ist Deutschland damit das Land der Musikinstrumente? Oder ist es nur das Land der Sammler? Denkt man bei Musikinstrumentenmarken nicht eher an Fernost oder die USA? Wo sind die deutschen Musikinstrumentenmacher eigentlich? Die Geschichte des deutschen Musikinstrumentenbaus ist von einem wechselvollen Auf und Ab geprägt, in dem weltweite Strahlkraft und tiefste Depression dicht aufeinanderfolgen. Wie in der Musik selbst, so ist Deutschland auch in der Erzeugung von Musikinstrumenten durch seine zentrale Lage in Europa geprägt. Über Jahrhunderte hinweg nahm es Impulse von den sich kreuzenden Handels- und Reisewegen auf, verarbeitete sie, erfand Neues und gab die Ergebnisse nach außen weiter.

So entstand etwa in Nürnberg die Klarinette, nachdem man dort begonnen hatte, den französischen Holzblasinstrumentenbau zu imitieren. Das in Italien erfundene Klavier konnte sich im Europa des 18. Jahrhunderts nur durchsetzen, weil der berühmte sächsische Orgelbauer Gottfried Silbermann das Konzept aufgriff und ihm zum Durchbruch verhalf.

Aus dem Kleinstaat ins Kulturzentrum

Wien, Paris, London, New York: Ein vergleichbares kulturelles Zentrum, das in der Lage war, die neuen Ideen der Instrumentenbauer mit denen der musikalischen Avantgarde und ihrem bildungsbürgerlichen Publikum in fruchtbaren Kontakt zu bringen, hat es im von der Kleinstaaterei zerfurchten Deutschland des 19. Jahrhunderts nicht gegeben. Der Export von Instrumentenbautechnologie und Wissen ist deshalb vielleicht das historisch bedeutsamste Charakteristikum des deutschen Instrumentenbaus. Mozarts Wiener Klavierbauer, Anton Walter, stammte aus der Nähe von Stuttgart. Guillaume Triébert, dessen Name für die moderne französische Oboe steht, hieß eigentlich Wilhelm Triebert. Henry E. Steinway, der die besten Klaviere der Welt bauen wollte, nannte sich vor seiner Auswanderung in die USA Heinrich Engelhard Steinweg. Und die moderne Querflöte, die Theobald Boehm 1847 in München entwickelt hatte, wurde in deutschen Orchestern erst akzeptiert, als sie im Ausland schon lange Standard war.

Flaggschiff des deutschen Instrumentenbaus und ein wichtiger Exportfaktor war bis zu ihrem Zusammenbruch während der Depression die Klavierindustrie mit mehreren Hundert Marken. Vom Glanz der hohen Qualität, die in Betrieben aller Größen bis hin zur industriellen Serienfertigung produziert wurde, versuchen heute vor allem Massenproduzenten in Fernost zu profitieren, indem sie Modellreihen mit gekauften oder auch nur deutsch klingenden Markennamen versehen.

Ein langsames Wiedererwachen

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte die deutsche Musikinstrumentenindustrie nie wieder ganz an ihre früheren Erfolge anknüpfen. Massenproduzenten aus Asien und den USA hatten sich einen uneinholbaren Vorsprung verschafft – heute nicht zuletzt im Bereich der elektronischen Musikinstrumente, der mehr aus der florierenden Industrie für Unterhaltungselektronik und Computertechnologie gespeist wird als aus dem handwerklichen Instrumentenbau. Immerhin aber weist eine 2007 verfasste Studie nach, dass 70 Prozent der deutschen Produktion in den Export gehen.

Eine nicht zu unterschätzende Größe des gegenwärtigen Erfolgs sind dabei die alten und neuen Zentren des Musikinstrumentenbaus, allen voran der vogtländische "Musikwinkel" um Markneukirchen und Klingenthal, dann das auf einer jahrhundertealten Geigenbautradition ruhende Mittenwald und schließlich das relativ junge, nach dem Zweiten Weltkrieg von aus dem Sudetenland und Ostdeutschland stammenden Flüchtlingen belebte Bubenreuth bei Erlangen.

Historische Musikinstrumente

Abseits des Mainstreams einer vom 19. Jahrhundert geprägten Musikpraxis hatten sich in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts einige Instrumentenbauer mit der Blockflöte und dem Cembalo der Wiedererweckung barocker Instrumente angenommen. Zwar handelte es sich dabei noch eher um Neuschöpfungen als um Kopien historischer Instrumente, doch gaben sie gleichsam den Startschuss für die heute so genannte historisch informierte Aufführungspraxis.

Mit dem Wissen um historische Gegebenheiten wuchsen auch die Ansprüche der Spieler, und mehrere Hersteller bemühten sich um Instrumente, die sich möglichst eng an den in Museen bewahrten Originalinstrumenten orientieren. Auch wenn die historisch informierte Aufführungspraxis heute das Konzertleben zunehmend beeinflusst, sind historische Kopien kein Massenmarkt. Abgesehen von Cembali und Blockflöten, die in größeren Stückzahlen produziert werden, gibt es immer noch den Instrumentenbauer in seiner Werkstatt. Hier entstehen Barocktrompeten, Lauten und Gamben sowie Oboen, Klarinetten und Fagotte des 18. und vermehrt auch des 19. Jahrhunderts, und nicht selten initiiert der Kundenwunsch den Nachbau eines bestimmten Museumsinstruments.

Eine neue Orientierung

Den Einstieg in einen aussichtslosen Wettbewerb um Preis- und letztendlich Qualitätsdumping haben deutsche Instrumentenbauer wohlweislich nicht versucht. Stattdessen besinnen sie sich auf althergebrachte Qualitätsmaßstäbe und setzen auf das publikumswirksame Markenzeichen der "Manufaktur". Die Situierung zwischen individueller Kundenbindung verpflichtetem Handwerksbetrieb und hocheffizientem Industrieunternehmen suggeriert die Verbindung von Solidität und Modernität.

Diese Positionierung trägt auch dem Charakter des Musikinstruments als einem oft lebenslangen persönlichen Begleiter Rechnung: Anders als Artikel der Konsumgüterindustrie sind Musikinstrumente keine Wegwerfartikel, die bei Beschädigung einfach ausgetauscht werden. Über Jahre und Jahrzehnte hinweg benötigt das Instrument, mit dem der Musiker förmlich verwächst, fachmännische Pflege und auch die eine oder andere Reparatur. Dies leistet ein flächendeckendes Netz von über 1.200 Instrumentenbauern, die an ein Musikhaus angeschlossen sind oder, wie der örtliche Geigenbaumeister, auf eigene Rechnung arbeiten.

Basis für die hohe Qualität des deutschen Musikinstrumentenbaus ist eine geregelte Ausbildung, die die traditionelle Handwerkslehre mit einer schulisch-kaufmännischen Ausbildung in einer der drei Fachschulen in Ludwigsburg, Mittenwald und Oelsnitz verbindet und an der Westsächsischen Hochschule Zwickau einen Studiengang für Musikinstrumentenbau bereithält.

Trotz der vornehm-zurückhaltenden Positionierung als Land der Musikinstrumentenmanufakturen: Superlative und Spitzenpositionen existieren nach wie vor. So entstehen in Deutschland die besten Fagotte und die renommiertesten Klaviermechaniken, und auch der größte europäische Klavierhersteller und Europas größtes Musikhaus sind hier fest verwurzelt.