Kammermusik und Lied Große kleine Form – die Situation der Kammermusik und des Liedes in Deutschland

Gattungen wie das Streichquartett, das Klaviertrio oder das Lied sind für die klassische Musik auch heute noch von besonderer Bedeutung. In Deutschland entschließen sich wieder mehr Musiker dafür, sich auch professionell der „kleinen Form“ zu widmen.

Kammermusiksaal Beethovenhaus Bonn; Kammermusiksaal Beethovenhaus Bonn; | Copyright: Michael Sondermann Kammermusik ist die konzentrierteste Form des Musizierens, sie zielt aufs Wesentliche. Der Begriff selbst ist allerdings ambivalent. Er bezeichnet ein musikalisches Genre, das der kleinen Besetzung vorbehalten ist – und zugleich den gesellschaftlichen Ort, an dem es traditionell ausgeübt wird. Die Kammermusik verdankt ihren Namen ursprünglich der höfischen "Kammer", die in Zeiten des Feudalismus über das Privatleben hinaus auch politischen Zwecken diente und also nach musikalischer Repräsentation verlangte. Kammermusik ist spätestens seit der Renaissance bekannt, sie erlebte im bürgerlichen Zeitalter einen Popularitätsschub – zentraler Ort der Begegnung war der Salon – und entwickelte seither ein Doppelleben: Bis heute wird in kleiner Runde zuhause ebenso musiziert wie im Konzertsaal.

Mit der Professionalisierung des Musikerberufs wurde die Kammermusik zu einer öffentlichen Angelegenheit, die Räume, in denen sie erklingt, nahmen immer größere Ausmaße an. Freilich droht die Intimität der Gattung in den riesigen Konzerthäusern der Moderne, für die sie nie gedacht war, verloren zu gehen. Es gibt jedoch gelungene Beispiele zeitgenössischer Architektur, die speziell auf die Dimensionen und die akustischen Bedürfnisse dieser fragilen Kunstform zugeschnitten ist – genannt seien nur die Kammermusiksäle in unmittelbarer Nachbarschaft der Berliner Philharmonie oder des Bonner Beethoven-Hauses. Für den ungetrübten Genuss von Kammermusik bedarf es eben auch des passenden Ambientes.

Seit der Wiener Klassik haben sich einige Besetzungen als feste Gattungen etabliert: die Sonate für Klavier und Streichinstrument, das Klaviertrio, das Streichquartett, das Bläserquintett. Darüber hinaus macht gerade die schier unerschöpfliche Bandbreite der Besetzungen den Reiz des Genres aus, von der Sonate für Violine solo von Johann Sebastian Bach bis zum Nonett von Louis Spohr. Mit den berühmten Schubertiaden wurde auch das klavierbegleitete Kunstlied salonfähig. Zwar gab es solche vokalen Miniatur-Dramen bereits zur Zeit der Wiener Klassik – doch die Gefühlswelt des Individuums, wie sie sich prototypisch in der romantischen Lyrik artikulierte, fand erst in den Lied-Vertonungen der Epoche ihren vollendeten künstlerischen Ausdruck. Die großen Liederzyklen wie Schuberts "Winterreise" oder Schumanns "Dichterliebe" gehören zu den Höhepunkten der abendländischen Liedkunst.

Seit Joseph Haydn aber gilt das Streichquartett als Königsdisziplin der Kammermusik. Diese anspruchsvollste Form der musikalischen Konversation hat Komponisten bis hin zu Helmut Lachenmann, Wolfgang Rihm oder Jörg Widmann zu wegweisenden Beiträgen herausgefordert. Goethe, in musikalischen Fragen nicht sonderlich bewandert, hat in einem vielzitierten Ausspruch den demokratischen Aspekt des Quartettspiels, die Gleichberechtigung der Stimmen, betont: "Man hört vier vernünftige Leute sich untereinander unterhalten, glaubt ihren Diskursen etwas abzugewinnen und die Eigentümlichkeiten der Instrumente kennenzulernen."

Nur für Kenner und Liebhaber?

Nicht nur in Deutschland leidet die Kammermusik an einer merkwürdigen Diskrepanz: Obwohl die Pädagogik längst erkannt hat, dass eine musikalische Sozialisation in Elternhaus und Schule für eine umfassende Persönlichkeitsbildung wichtig ist und die Teamfähigkeit fördert, steht Kammermusik in der öffentlichen Wahrnehmung stets im Schatten der weit prestigeträchtigeren Gattungen Symphonik und vor allem Oper. Nicht nur, dass sie als Hausmusik gering geschätzt wird, obwohl sich doch gerade auf diesem Sektor neben der Chormusik eine beachtliche Laienkultur entwickelt hat. Auch im professionellen Konzertbetrieb gilt Kammermusik als schwer vermittelbar, weil angeblich zu komplex und hermetisch. Traditionell haftet ihr der elitäre Ruf an, nur etwas "für Kenner und Liebhaber" zu sein.

Dennoch stimmt die in letzter Zeit zu beobachtende, sprunghafte Zunahme von Ensembles zuversichtlich für die Zukunft der Kammermusik. Noch nie gab es in Deutschland beispielsweise so viele hochqualifizierte Streichquartette wie heute. Ob sie allein vom Ensemblespiel leben können, ist eine ganz andere Frage. Selbst die Musiker des renommierten Artemis-Quartetts unterrichten nebenbei an diversen Hochschulen, die Mitglieder des seit 1808 nachweisbaren Gewandhaus-Quartetts sind hauptberuflich Stimmführer des gleichnamigen Leipziger Traditionsorchesters. Überdies veranstalten die meisten Symphonie- und Opernorchester Kammerkonzerte mit Musikern aus den eigenen Reihen, um das Leistungsniveau und die Motivation ihrer Mitglieder zu steigern. Andererseits entscheiden sich junge Ensembles teilweise auch ganz bewusst gegen ein Standbein im Orchester, um sich primär der Kammermusik zu widmen. Dass ein solches Selbstverständnis durchaus zum Erfolg führen kann, haben etwa das Minguet-Quartett, das sich vor allem mit zeitgenössischer Streichquartett-Literatur profilierte, oder das Fauré-Quartett bewiesen, eines der wenigen festen und weltweit besten Klavierquartette.

Kammermusik auf hohem Niveau

Der hohe Standard kammermusikalischen Musizierens in Deutschland verdankt sich einer Fülle von Initiativen. Da wäre in erster Linie der Deutsche Musikrat mit seinen Wettbewerben zu nennen: "Jugend musiziert" fördert auf regionaler und nationaler Ebene insbesondere das Ensemblespiel, der Deutsche Musikwettbewerb vermittelt den Preisträgern im Anschluss Kammerkonzerte. Knapp zehn Musikhochschulen in Deutschland haben eigene Kammermusik-Studiengänge im Lehrangebot. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten produzieren Aufnahmen mit talentierten Ensembles, bevorzugt mit Preisträgern des Internationalen Musikwettbewerbs der Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD), dessen umfangreicher, jährlich wechselnder Fächer-Kanon meist auch eine Kammermusik-Disziplin enthält. Es gibt einige verdienstvolle Künstler-Agenturen in Deutschland, die sich auf die nicht allzu lukrative Vermittlung von Streichquartetten und Klaviertrios spezialisiert haben. Dazu kommt bürgerschaftliches Engagement, das Kammerkonzerte in Eigenregie organisiert und auf eigenes Risiko finanziert – der Nürnberger Privatmusikverein ist einer der ältesten seiner Art. Schließlich wirken hochkarätige Kammermusik-Festivals wie "Spannungen" im Kraftwerk Heimbach in der Eifel oder das Moritzburg Festival bei Dresden als attraktive Standortfaktoren und kulturelle Leuchttürme weit über die Region hinaus.

Ähnlich wie die Kammermusik neben der Symphonik hat das Lied neben der Oper keinen leichten Stand, obwohl das Lied-Repertoire von Schubert, Schumann, Brahms, Wolf und Strauss unermessliche Schätze bereithält. Für Opernstars wie Diana Damrau, Christine Schäfer oder Jonas Kaufmann ist es dabei einfacher, ihre Fans auch einmal für einen Liederabend zu begeistern, als für Sänger, die sich auf Liedgesang spezialisiert haben. Trotzdem haben sich Christoph Prégardien, Thomas Quasthoff, Matthias Goerne und Christian Gerhaher mit ihrem eher lyrischen Timbre als Deutschlands führende Liedinterpreten einen Namen gemacht. Auch die Musikhochschulen in Deutschland fahren bei der Gesangsausbildung traditionell zweigleisig und bieten neben dem Fach Operngesang auch die Sparte Liedgestaltung an. Spezielle Wettbewerbe für Liedgesang tun ein Übriges zur Förderung des Nachwuchses. So zählt der von der Stuttgarter Hugo-Wolf-Akademie seit 1987 ausgerichtete "Internationale Wettbewerb für Liedkunst" zu den ältesten derartigen Projekten im deutschsprachigen Raum, der von Thomas Quasthoff erst 2009 in Berlin initiierte Wettbewerb "Das Lied – International Song Competition" zu den jüngsten. Für die Rezeption der beiden verwandten Genres Kammermusik und Lied indes gilt: Man muss keine Vorbildung, keine Erfahrung damit haben, sondern nur seine Ohren öffnen und sich vorbehaltlos einlassen auf das, was man da zu hören bekommt – und man wird unvergessliche Momente erleben.