Orchester Die Zeiten wandeln sich – die deutsche Orchesterlandschaft

In Deutschland gibt es über 130 Berufsorchester, so viele wie in keinem anderen Land. Diese historisch gewachsene Orchesterdichte zu erhalten, ist für alle Beteiligten eine große Herausforderung.

Münchener Kammerorchester, Gruppenfoto 2009; Münchener Kammerorchester, Gruppenfoto 2009; | Copyright: Marek Vogel Die Deutschen sind Orchester-Weltmeister – besonders die öffentlich finanzierten Theater-, Konzert- und Rundfunkorchestern geben dem Musikleben in Deutschland Struktur, ein Gesicht, weit gefächerten Klang. Ob es noch der alte "deutsche Klang" ist, den die aus allen Teilen der Welt stammenden Dirigenten und Orchestermusiker produzieren, die Frage wird öfters diskutiert. Manche Beobachter wollten bemerkt haben, dass selbst die Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle ihren spezifischen Klang alter Musiziertradition verändert, wenn nicht verloren hätten.

Die Zeiten wandeln sich, musikalische Interpretation unterliegt ebenso dem Prozess der Veränderung wie etwa eine Klangvorstellung. Einzigartig bleibt, bislang, die Dichte der deutschen Orchesterlandschaft, wie sie auf einer speziellen Deutschlandkarte aufscheint: Fünf Orchester-Ballungsräume gibt es – das Rhein-Ruhrgebiet, Thüringen und Sachsen, die Rhein-Main-Zone, die Stadt München und die Hauptstadt Berlin. Die überwiegende Anzahl der über 130 Berufsorchester (darunter etwa 80 Theaterorchester, 30 Konzertorchester und 13 Rundfunkorchester) mit ihren rund 10.000 Mitgliedern ist gut verteilt über die Republik. Aber auch die zahlreichen Kammerorchester oder die Spezialensembles für Alte Musik und Neue Musik, etwa die Kammerphilharmonie Bremen, Concerto Köln, das Münchner Kammerorchester oder das Ensemble Modern, gehören zum Bild der deutschen Orchesterlandschaft – genauso wie die großen Nachwuchsensembles wie das Bundesjugendorchester und die Junge Deutsche Philharmonie oder die vielen Laienorchester und Liebhaberensembles in unterschiedlichen Besetzungsstärken und Formationen.

Ein Blick in die Geschichte

Dass keine andere Nation eine solche Orchesterfülle vorweisen kann, hat mit Geschichte zu tun, der politischen Historie Deutschlands. Die Orchestervielfalt stammt aus dem 18. und 19. Jahrhundert, der Zeit der "Kleinstaaterei", da Deutschland in zahllose Territorien zersplittert war. Zumal in deren Zentren entstanden Hoftheater und Hoforchester, die nach Ende des Absolutismus zu staatlichen oder kommunalen Einrichtungen des Bürgertums wurden. Der kulturelle Ehrgeiz blieb erhalten, in der Musikförderung der Länder und Städte. Nach der Deutschen Vereinigung 1990 wurde die vom DDR-Staat abgesicherte Orchesterdichte in Ostdeutschland, wo sie besonders hoch war, der wirtschaftlichen Vernunft angepasst: Auflösungen und Fusionen von Orchestern und Ensembles waren unausweichlich.

Die Ausbildung des bürgerlichen Konzertwesens ab der Mitte des 19. Jahrhunderts hat bei den Orchestern einen Repertoire-Kanon begünstigt, der mit seiner Stilmischung aus Klassik, Romantik und klassischer Moderne bis heute Bestand hat. Im Zentrum des Musizierens steht die traditionelle Symphonik zwischen Beethoven/Brahms und Mahler/Schostakowitsch. Die Moderne des frühen 20. Jahrhunderts (Strawinsky, Bartók, Schönberg, Berg, Prokofjew, Ravel) ist in die Konzertprogrammen stärker etabliert als die neue Musik lebender Komponisten, von denen Hans Werner Henze und Wolfgang Rihm am häufigsten aufgeführt werden. Die Faszination der Virtuosen bestimmt das zugehörige konzertante Repertoire.

In der deutschen Orchesterlandschaft spielen die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten eine besondere Rolle. Sie betreiben insgesamt 13 Orchester, darunter die großen Rundfunksymphonieorchester (in Hamburg, Berlin, Köln, Leipzig, Frankfurt, Stuttgart, Baden-Baden/Freiburg, Saarbrücken, München) und einige kleinere Rundfunkorchester. Da war zunächst der spezielle Auftrag, genügend zeitgenössische Musik aufzuführen und für Sendezwecke zu produzieren – auch in eigenen Konzertreihen wie der Münchner Musica viva. Doch stellten sich diese Klangkörper zunehmend unter das Diktat, in Repertoire und Musizierstandard mit den großen internationalen Klangkörpern konkurrieren zu müssen. Ihre weltweit vernetzten Chefdirigenten fordern die Anstrengung zusätzlich heraus, und mit Hilfe von Orchestertourneen und Tonträgern werden künstlerische Qualität und internationaler Anspruch bekräftigt.

Was wird die Zukunft bringen?

Die Klangkörper in Deutschland sind seit 1952 in der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) organisiert, die zunächst mit der Deutschen Angestelltengewerkschaft kooperierte. Arbeitsverhältnisse, Leistungsschutz oder das Tarifrecht der Musiker sind dort geregelt. 2002 schloss die DOV einen Kooperationsvertrag mit der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Grundsätzlich sind die Orchester in Deutschland in Stellengröße und Tarifniveau offiziell klassifiziert. Je nach Stellenzahl gibt es A-, B-, C- oder D-Orchester. Unter den so genannten A-Orchestern stehen in Qualität und internationaler Ausstrahlung die Berliner Philharmoniker seit einem Jahrhundert an erster Stelle. Weitere A-Orchester sind etwa die Staatskapelle Dresden, die Münchner Philharmoniker, die Berliner Staatskapelle, das Leipziger Gewandhausorchester oder die Bamberger Symphoniker. Der Ruf all dieser Orchester wird von international renommierten Chefdirigenten gesteigert, so von Simon Rattle und Daniel Barenboim, Christian Thielemann und Riccardo Chailly, von Maris Jansons und Roger Norrington.

Keine Floskel: Im "Land der Musik" spielen die Orchester, neben den Opernhäusern, die Paraderolle. Die Existenzsorgen der Orchester in Deutschland sind heute allerdings nicht von der Hand zu weisen: Ob und wie eingeschränkt sie überleben werden, da die Finanzkrisen der Banken und die angespannten öffentlichen Haushalte zu Sparmaßnahmen drängen, wird die Zukunft zeigen.