Neue Musik 2012 Theaterspäße und Trauerfälle

Die Neue Musik-Szene in Deutschland kann 2012 auf ein ereignisreiches Jahr zurückblicken. Harry Vogt berichtet von wichtigen Musiktheater-Premieren und Festivalnovitäten, einem flächendeckend gefeierten Cage-Doppeljubiläum, aber auch Trauerfällen und Abschieden.

„Neue Superoper“, „Tiefpunkt in der Neuen Musik“ oder einfach ein „riesiger Theaterspaß“? Jörg Widmanns vielbeachtete Oper „Babylon“ an der Bayerischen Staatsoper in München. „Neue Superoper“, „Tiefpunkt in der Neuen Musik“ oder einfach ein „riesiger Theaterspaß“? Jörg Widmanns vielbeachtete Oper „Babylon“ an der Bayerischen Staatsoper in München. | Foto: Wilfried Hösl
Des 100. Geburts- und zugleich 20. Todestags von John Cage wird 2012 vielerorts gedacht. „Jedermanns Cage“, der große Anreger und Aufreger, der fast jedem etwas bietet, von 0'00" („Solo to be performed in any way by anyone“) über das „klassische“ Tacet-Stück 4'33 bis zu den szenischen Spektakeln Musicircus und Europeras.
Der Jubilar, der im alltäglichen Konzert eher selten auf dem Programm steht, wird ausgiebig gewürdigt – und dabei nicht selten auch reichlich strapaziert.

Happy New Ears: Cage 100

Kaum ein Veranstalter lässt den Jahrhundertkünstler in diesem Jahr aus, ein Umstand, von dem lebende Komponisten nur träumen können – mit Ausnahme vielleicht von Wolfgang Rihm, dessen 60. Geburtstag, etwa in Berlin, vor allem aber in seiner Heimatstadt Karlsruhe ausführlich gefeiert wird.

Wichtige Foren und Festivals von Amsterdam bis Warschau zelebrieren Cage: Ruhrtriennale, Darmstädter Ferienkurse, Rainy Days Luxemburg, Maerz-Musik und Musikfest Berlin, Musica Strasbourg und Acht Brücken Köln, um nur einige zu nennen. Selbst das eher klassisch zugeschnittene Beethovenfest Bonn widmet sich dem Mythos Cage.
Zurückhaltend in Sachen Cage geben sich allein – und fast ausnahmslos – die vom Rundfunk betriebenen Festivals. Kein Zufall, waren sie es doch, die den Komponisten zu seinen Lebzeiten maßgeblich förderten und die zum Zentenarium seine Musik vor allem mit Radiosendungen würdigen. Unterdessen scheint Cage beim kommerziellen Rundfunk „angekommen“ – oder zumindest einer seiner vielzitierten Aussprüche: Mit „Happy New Ears“ grüßt Radio Köln zum Jahreswechsel 2013 auf Plakaten, ohne den Urheber zu nennen. Warum auch: Die Hörer des lokalen Privatsenders dürften ihn sowie kaum kennen.

Radio-Reihen und Festivals

Die tonangebenden Foren für Neue Musik werden in Deutschland – trotz aller Kürzungen, Umstrukturierungen und Fusionen – nach wie vor vom Rundfunk organisiert. Neben den traditionsreichen Konzertreihen wie Musica Viva (BR) in München, Das neue Werk (NDR) in Hamburg, Musik der Zeit (WDR) in Köln, die alle über sechs Jahrzehnte mit nicht nachlassendem Engagement und mit vielen Kompositionsaufträgen betrieben werden, wären vor allem die vom Radio betriebenen Festivals zu nennen.

Angefangen mit Ultraschall in Berlin, das als Unikat gleich von zwei Anstalten gemeinsam – Deutschlandradio Kultur und Rundfunk Berlin-Brandenburg – Ende Januar ausgerichtet wird und das, anders als die Premierenfestivals in Donaueschingen oder Witten, die verdienstvolle Zweitaufführung favorisiert. 2012 wartet dieses Festival unter anderem mit Ausgrabungen von Jean Barraqué und Claude Vivier auf.

Das Eclat Festival, vom Südwestrundfunk (SWR) und Musik der Jahrhunderte im Februar in Stuttgart durchgeführt, ist – traditionell – zentriert um musikszenische Arbeiten, etwa von Alvaro Carlevaro. In diesem Jahr bietet es neue Vokalmusik, unter anderem von Gordon Kampe, Luca Francesconi und Friedrich Cerha, dem diesjährigen Siemens-usikpreisträger, außerdem eine stattliche Serie pianistischer Novitäten, unter anderem von Iris ter Schiphorst, Robert HP Platz und Harrison Birtwistle.

Das Forum neue Musik, veranstaltet vom Deutschlandfunk in Köln und vielfach vernetzt mit lokalen wie überregionalen Partnern, fokussiert das Thema „Dialog mit Gott“, mit Neuer Musik aus Rumänien und Uraufführungen unter anderem von Jörg Herchet, Georg Katzer und Brice Pauset.

Die Wittener Tage für neue Kammermusik werden, nachdem die Gelder der Stadt und des Landes überraschend ausbleiben, Ende April nur durch einen verstärkten Einsatz des Westdeutschen Rundfunks (WDR) gesichert. Das Programm widmet sich mehr denn je dem Nachwuchs, bietet als „roten Faden“ ein Porträt des hierzulande kaum bekannten Komponisten Hans Abrahamsen, aber auch das letzte Opus von Emmanuel Nunes und eine gewichtige Ausgrabung von Giacinto Scelsi.

Donaueschingen und Darmstadt

„Generation Kill“ von Stefan Prins in Donaueschingen; „Generation Kill“ von Stefan Prins in Donaueschingen; | Foto: Charlotte Oswald Die Donaueschinger Musiktage, vom SWR ausgerichtet, warten Mitte Oktober mit einer Frischzellenkur unter dem Motto „Neue Interdepenzen und Interaktionen – Mensch und Maschine“ auf.

Viel diskutiert werden vor allem die Beiträge von Stefan Prins und Johannes Kreidler: Der Belgier Prins überblendet auf fast hyperaktive Weise Reales und Virtuelles, während Kreidler piratenmäßig akustische und visuelle Samples einbezieht. Die Generation, die mit Internet und Handy, mit Rock und Techno aufgewachsen ist, scheint endgültig in der Neuen Musik angekommen zu sein.

Ob man tatsächlich von einer Wende, vom „Beginn einer neuen Ära sprechen kann“ (Dissonanz), wird sich zeigen. Anregend waren die Begegnungen allemal.

Die Darmstädter Ferienkurse, 2012 zum 46. Mal ausgerichtet, zeigen sich zwei Jahre nach ihrer Runderneuerung bunter, größer, anregender, offener denn je. Die offiziellen Angebote – Kurse, Lectures, Konzerte – werden ergänzt durch Einrichtungen wie Open Space, eine Plattform für spontan präsentierte Projekte, die allen offensteht und vielfach genutzt wird. Die Reihe Boost, eine Ensembliade, eröffnet jungen, auch weniger bekannten Formationen die Chance, sich vorzustellen.

Musiktheater: Theaterspaß und Tiefpunkt

Viel diskutierte Uraufführungen und Premieren gibt es 2012 im Bereich Musiktheater.

Der in Stuttgart lehrende Marco Stroppa reüssiert mit einer „leichten“ Oper: Re Orso, Favola per Musica, die, hierzulande kaum beachtet, in Paris uraufgeführt wird. Das polyphon geflüsterte Wort spielt hier eine wichtige Rolle – im Übergang von verstärkter zu rein elektronisch erzeugter Musik. Ein „Meilenstein des neuen Musiktheaters“, das „Kunst und Technik in vergnüglicher“ Weise verbindet, so die Neue Zürcher Zeitung.

Ungleich mehr Beachtung findet Jörg Widmanns große Oper Babylon, die in München Ende Oktober aus der Taufe gehoben wird. Viel Aufmerksamkeit gilt dem Librettisten, dem Philosophen und Opern-Novizen Peter Sloterdijk, dem es um die „Ehrenrettung Babylons“ geht, „die erste funktionierende multikulturelle Gesellschaft“. Musikalisch zieht Widmann dazu alle Register: von Stellen im „großen Ton“ und monumentalen Chortableaus bis zu bajuwarischen und musicalartigen Einlagen, Tiefgang steht neben Trivialem und Humoristischem. Die vom Publikum gefeierte Premiere polarisiert die Presse indessen stark:

„Resiger Theaterspaß“ (Süddeutsche Zeitung) und „neue Superoper“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) für die einen, während andere einen „Tiefpunkt in der Neuen Musik unserer Tage“ (Die Zeit) konstatieren.

Wichtige Adresse für neues Musiktheater ist nach wie vor die Münchener Biennale, wo im Mai vor allem die Kammeroper Wasser von Arnulf Herrmann überzeugen kann. „Ein verwunschenes Hotel, ein leckes Aquarium, eine dezentrierte Schallplatte: das sind einige der Elemente“, aus denen diese „atmosphärische, filmnahe Studie über Identitätsverlust“ geformt ist (Neue Musikzeitung). Eine „Vorzeige-Produktion“, bei der „alles symbiotisch ineinandergreift“ (Merkur).

Spektakuläre Uraufführung: „MITTWOCH aus LICHT“

Seine szenische Uraufführung erlebt Karlheinz Stockhausens MITTWOCH aus LICHT im August.

Das wohl aufwendigste Teilstück der Heptalogie, das spektakuläre „Szenen“ wie Welt-Parlament, Orchester-Finalisten und Helikopter-Streichquartett enthält, wird fast zwei Jahrzehnte nach seiner Entstehung – und nach gescheiterten Anläufen in Bern und Bonn – im Umfeld der Kulturolympiade in Birmingham realisiert. Nicht ohne einige der allzu hausbackenen szenischen Vorstellungen des Meisters zu verändern und damit zu professionalisieren.

Daneben gibt es Wiederbegegnungen mit vermeintlichen Klassikern des neuen Musiktheaters. John Cages Europeras 1&2 werden im Rahmen der Ruhrtriennale vom Intendanten Heiner Goebbels höchstpersönlich mit perfektem Bühnenzauber zu „einer unfassbar teuren und aufwändigen Cage-Orgie“ (Deutschlandfunk) in Szene gesetzt. „Eine Materialschlacht, prächtige Dekorationen, atemraubende Artistik. Trotzdem zündet der Funke nicht“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung).

John Cages „Europeras“, inszeniert von Heiner Goebbels, bei der RuhrTriennale John Cages „Europeras“, inszeniert von Heiner Goebbels, bei der RuhrTriennale | Foto: Wonge Bergmann Fast ins Repertoire hat es unterdessen Das Mädchen mit den Schwefelhölzern geschafft. Helmut Lachenmanns „Musik mit Bildern“ wird in Berlin – nach Produktionen in Hamburg, Stuttgart, Paris und Wien – bereits zum fünften Mal inszeniert. Was erstaunlich genug ist, „bei einem so querständigen Stück, das jeden regulären Opernbetrieb aus den Angeln hebt“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung). Längst einen Platz im erweiterten Repertoire haben sich Bernd Alois Zimmermanns Soldaten erobert. Das monumentale Opus ist in diesem Jahr bei den Salzburger Festspielen angekommen. In einer Neuproduktion, die vor allem musikalisch unter Leitung von Ingo Metzmacher überzeugen kann. Wer hätte für möglich gehalten, dass sich ein Edel-Klangkörper wie die Wiener Philharmoniker mit solch einem sperrigen Stück befassen würde – und das auf so hohem Niveau?

Abschiede

Die Babylon-Premiere läuft – Koinzidenz der Ereignisse – am Todestag des Widmann-Mentors und Lehrers Hans Werner Henze. Einem der letzten Vertreter der Nachkriegs-Generation, zu deren Avantgarde-Abteilung Henze ja nie richtig zählte, die ihn – und die er gleichermaßen – vehement ablehnte. Abschied nehmen heißt es 2012 auch von anderen prägenden Persönlichkeiten: Emmanuel Nunes, der stets eine starke Affinität zur deutschen Sprache und Kultur zeigte; Elliott Carter, dem Doyen der US-amerikanischen Moderne, der bis zuletzt, im biblischen Alter von 104 Jahren, kompositorisch hochaktiv war; Jonathan Harvey, der sich vor allem durch den Einsatz von Elektronik in Ensemble- und Orchesterwerken einen Namen machte.

Abwicklung

Zu einem besonderen Trauerfall droht die geplante Fusionierung der sinfonischen Klangkörper des SWR in Stuttgart und Baden-Baden/Freiburg zu werden. In rekordverdächtiger Zeit von weniger als zehn Monaten, verabschiedet von den Gremien, geduldet von der Politik und trotz unüberhörbarem Gegenwind der Öffentlichkeit wird die Zusammenführung der beiden Orchester beschlossen.

Betrauert wird vor allem die angekündigte Abwicklung des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg, das „für die neue Musik wahre Schlachten gewonnen“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) und damit „fürwahr Musikgeschichte geschrieben hat“ (Neue Zürcher Zeitung) hat. Es erhält nun für seine „Pionierarbeit am Puls der Gegenwart“ den Ehrenpreis der deutschen Schallplattenkritik und wird von Gerhard Rohde (Neue Musikzeitung) als „Kunstwerk Orchester“ für die Aufnahme in die Liste des bedrohten „Weltkulturerbes der Unesco“ empfohlen.