Neue Musik 2010 Lebendig und vielfältig wie eh und je

2010 ist ein ungebrochenes Interesse an zeitgenössischem Musiktheater im deutschsprachigen Raum zu verzeichnen. Aber auch die vielfältige Festivallandschaft in der Neuen Musik-Szene bot wieder hochkarätige und viel beachtete Konzerte.

Peter Eötvös, Die Tragödie des Teufels Bayerische Staatsoper, 2010 Peter Eötvös, Die Tragödie des Teufels Bayerische Staatsoper, 2010 | © Wilfried Hösl Viele Ereignisse in der Neuen Musik sind nicht auf Deutschland begrenzt, stehen jedoch in einem engen Zusammenhang mit dem deutschen Musikleben. Das gilt insbesondere für Österreich. Was in Salzburg geschieht oder bei den herbstlichen Musiktagen in Schwaz, gehört nicht nur wegen der geografischen Nähe, sondern auch inhaltlich mit zur deutschen Neue-Musik-Szene, zumal auch viele Interpreten, wie das Ensemble Modern aus Frankfurt oder das Klangforum Wien, in beiden Ländern gleichermaßen präsent sind.

Wien und Salzburg mit Uraufführungen von Reimann und Rihm

Ein besonders gutes Beispiel für diese Verbindung bot die Uraufführung von Aribert Reimanns neuer Oper Medea an der Wiener Staatsoper: die Inszenierung wurde für die deutsche Erstaufführung von der Oper Frankfurt in einer Koproduktion übernommen und hinterließ auch hier einen starken Eindruck.

Überhaupt überrascht es immer wieder, mit welcher Beharrlichkeit und Energie sich die Gattung Oper im Musikleben behauptet - womit nicht das traditionelle Repertoire gemeint ist, sondern das ungebrochene Interesse der Komponisten an allen nur vorstellbaren Formen eines neuen Musiktheaters.

Als Vorlagen dienen dabei nicht nur literarische Werke, wie im Fall Medea Grillparzers Stück, sondern interessante Personen aus der Literatur oder allgemein dem geistigen Leben. Bei den Salzburger Festspielen 2010 beeindruckte der Komponist Wolfgang Rihm mit seiner neuen Oper Dionysos auf komplizierte späte Texte Friedrich Nietzsches: eine musiktheatralische Reflexion über eine psychisch hochdifferenzierte Persönlichkeit. Rihms Musiksprache zeichnet sich unverändert durch eine gespannte Expressivität aus, in der ein kantables lineares Element zunehmend an Gewicht gewinnt.
A propos Nietzsche: Hinter Rihm wollte Franz Hummel nicht nachstehen und komponierte Zarathustra, eine etwas andere, leichtere Ausgabe zum Thema, die am Stadttheater Regensburg eine passable Premiere feiern konnte.

Engagierter Süden

Zwei weitere wichtige musiktheatralische Ereignisse waren die szenischen Aufführungen von Beat Furrers Musiktheater Begehren beim Stuttgarter „Éclat“-Festival sowie sein Wüstenbuch in der suggestiven Basler Inszenierung Christoph Marthalers. Furrers Musiksprache überwältigt immer wieder durch die Komplexität der Klangerfindungen. Hier wird „Oper“ wirklich neu gedacht.
Speziell das Éclat-Festival erkundet solche neuen Ansätze seit Jahren mit bemerkenswerter Konsequenz.

Wer sich in der Oper auf neue Werke konzentriert, hatte auch 2010 viel zu besichtigen. Allein bei der Münchner Musiktheater-Biennale lernte man mit Philipp Maintz‘ „Maldoror“, Martón Illés‘ Die weiße Fürstin und Lin Wangs Die Quelle sowie einem Amazonas-Projekt mit internationaler Beteiligung vier interessante Arbeiten für das Musiktheater kennen. In München erfuhr auch Die Tragödie des Teufels von Peter Eötvös an der Bayerischen Staatsoper eine eindringliche Uraufführung.
Peter Eötvös ist einer der Fleißigsten unter den Opern-Herstellern, und so finden sich seine Werke immer wieder auf den Spielplänen der Musikbühnen, sogar der kleineren Häuser: Drei Schwestern in Koblenz, Love and other Demons in Köln, beide in guten Inszenierungen.

Zeitgenössisches Repertoire behauptet seinen Platz auf den Spielplänen

Wer nach Wien zu Reimanns Medea fuhr, konnte gleich auch die Uraufführung von Johannes Kalitzkes Die Besessenen im Theater an der Wien besuchen. Kalitzke ist einer der kompetentesten Dirigenten neuer Musik überhaupt. Dieser Erfahrungsschatz kommt auch dem Komponisten Kalitzke zugute: seine Musik zeichnet eine präzise durchgehörte Klanglichkeit aus.

Weitere Opern-Uraufführungen: Das Holzschiff von Detlev Glanert in Nürnberg, Marc-André Dalbavies Gesualdo in Zürich, von Michael Obst Die andere Seite und, er wird nicht müde, Hans Werner Henzes Gisela in Gladbach, beifallsumrauscht wie seine Phaedra, die häufiger auf den Spielplänen erscheint: ein positives Zeichen auch dafür, dass die alte Regel: „Uraufgeführt und dann ab ins Archiv“ nicht mehr zu gelten scheint. Es werden erstaunlich viele neue Werke fürs Musiktheater von den Theatern nachgespielt.

Der ungute Verschleißprozess scheint auch bei den neuen Werken für Orchester-und Vokalmusik gestoppt. Berlins Ultraschall-Festival zum Beispiel bestritt das Programm vorwiegend mit Zweitaufführungen, was dem besseren Verständnis einer Komposition nur zum Vorteil gereichen kann. Schließlich hört man auch Beethovens Große Fuge nicht nur einmal.

Vielfältige Festivallandschaft

Die wichtigsten Stationen der Neuen Musik im Jahr 2010 waren, wie immer, die ambitionierten Festivals: Donaueschingen mit den Musiktagen, Wittens Tage für neue Kammermusik, die endlich einmal Friedrich Cerha die gebotene Aufmerksamkeit schenkten, und das mit etlichen wunderbaren Aufführungen.

Berlins Maerz-Musik behauptete seinen Rang in der Neue-Musik-Hierarchie, Stuttgarts Éclat-Festival wurde schon erwähnt, auch die Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt unter neuer künstlerischer Leitung fielen positiv auf.
In Weingarten, wo die unermüdliche Rita Jans seit mehr als zwanzig Jahren im Spätherbst jeweils einem Komponisten mit einem kleinen, feinen Festival die Reverenz erweist, gab es im letzten Jahr eine faszinierende Begegnung mit der russischen Komponistin Sofia Gubaidulina, die sich in der intimen Atmosphäre dieser Musiktage sichtlich wohl fühlte, besonders in der Begegnung mit jungen Klavierschülerinnen, denen sie wertvolle „Tipps“ für die Interpretation ihrer Werke geben konnte.

Wichtige Protagonisten der Neuen Musik

Wer über Neue Musik spricht, darf nicht nur über Komponisten, neue Stücke, Festivals referieren, sondern muss auch die Interpreten einbeziehen.

Ohne das Frankfurter Ensemble Modern, das Klangforum Wien, die musikFabrik Köln, das ensemble recherche in Freiburg, ohne das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit den wichtigen „Musica viva“-Konzerten, ohne das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, das Stuttgarter Radio-Sinfonieorchester oder das Kölner Rundfunk-Sinfonieorchester, dessen Konzerte für die „Musik der Zeit“-Reihe des Senders auf hohem Niveau agieren, wären alle Bemühungen um authentische Darstellungen neuer Musik vergeblich.
Ein Normal-Orchester hätte gar nicht die Probenzeit, um schwierige neue Musik mit der erforderlichen Präzision einzustudieren.

Rückschauend betrachtet und gehört, präsentierte sich die Neue Musik in Deutschland auch im Jahr 2010 in eindrucksvoller Breite und Qualität.
Und dass immer mehr Publikum, junges, älteres, in der Mitte des Lebens stehendes, in die Konzerte mit den „neuen Klängen“ förmlich strömt – Donaueschingen ist fast schon beängstigend überlaufen – gibt Hoffnung, dass auch die öffentliche Hand und die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sich ihrer Verantwortung für die Zukunft unserer Musik weiterhin bewusst bleiben.