Klangkunst in Deutschland Blick auf eine junge Kunstform

Obwohl sich im Grenzbereich zwischen Bildender Kunst und Musik die Klangkunst seit nunmehr einigen Jahrzehnten als neue Kunstform etabliert hat, spielt sie im Bereich der Neuen Musik und auch im klassischen Ausstellungsbetrieb eine eher marginale Rolle.

In der Klangkunst wird die traditionelle Form musikalischer Vermittlung zugunsten einer neuen Klang-Raum-Erfahrung aufgegeben. Wie bei einem Ausstellungsbesuch kann der Rezipient die zeitliche und räumliche Organisation seiner Wahrnehmung selbst gestalten.

Im Bereich der Neuen Musik wird Klangkunst mehr als eine Erweiterung des musikalischen Raums verstanden und vor allem im Randbereich großer Musikfestivals gezeigt. Im zeitgenössischen Kunstbetrieb, der zunehmend vom Kunstmarkt und der Eventkultur bestimmt wird, ist es bisher selten gelungen künstlerische Arbeiten mit Klang adäquat zu präsentieren. Das liegt unter anderem an ihrem starken Ortsbezug und ephemeren Charakter. Die Klangkunst hat sich bisher eher als ein ideales Medium erwiesen, Orte, die aufgrund ihrer baulichen Struktur oder wegen ihres historischen und sozialen Kontextes bereits eine gewisse Aura haben, atmosphärisch aufzuladen und zu einem besonderen Erlebnisort werden zu lassen.

Vom Futurismus zur „sound installation“

Erstmals taucht der Begriff „sound installation“, von dem sich der deutsche Begriff „Klanginstallation“ ableitet, etwa 1971 bei dem bedeutenden US-amerikanischen Künstler Max Neuhaus auf. Mit seiner Drive-in Music aus dem Jahre 1967 verfolgte Neuhaus zum ersten Mal seine Idee einer Klanginstallation für den öffentlichen Raum, die klanglich komplex ist und sich dem Passanten/Rezipienten nicht aufdrängt.

Max Neuhaus Audio- und Video-Aufnahmen (Hörprobe: www.max-neuhaus.info)

Wichtig war bei dieser – und ist bei den meisten Klangkunst-Arbeiten – generell das Prinzip, die Eigenzeit des Rezipienten zu wahren. Klanginstallationen und Klangskulpturen erlauben ein ständiges Verlassen und Wiederkehren der Besucher, im Bereich der Konzertmusik ein gleichsam verbotener Vorgang.

Natürlich gab es auch vor Max Neuhaus schon Installationen mit dem Material Klang: zum Beispiel Mauricio Kagels 1953 in Buenos Aires realisierte Música para la torre, 1954 die spatiodynamischen Konstruktionen von Nicolas Schöffer, das Poème électronique von Edgard Varese für den Philips-Pavillon auf der Weltausstellung in Brüssel 1958, John Cages Variation VII bei den „9 evenings“ in New York 1966 oder Maryanne Amachers city links (seit 1967), Installationen, in denen Klänge über Radiotransmitter in Ausstellungsorte übertragen wurden.

Die Wurzeln für die Entwicklung dieser neuen Kunstgattung liegen am Anfang des 20. Jahrhunderts. In der Kunstgeschichte trifft man auf die ersten Beispiele von Künstlern und Gruppen, die zwischen den traditionellen Künsten agierten: Erinnert sei an die Futuristen, die dadaistische Bewegung, die Weimarer Bauhauskünstler, an Kurt Schwitters oder Marcel Duchamp. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es dann die Fluxus-Künstler und Vertreter des Happenings und der kinetischen Kunst, die das traditionelle Feld der Kunst erweiterten und auch mit Klang und Geräusch arbeiteten. Ebenfalls in der Musik finden sich neben synästhetischen Bestrebungen (etwa bei Skrjabin und Schönberg) unterschiedliche Ideen und Konzepte, die dem traditionellen Musikverständnis diametral entgegenstanden: Dazu zählen etwa Erik Saties Idee einer „musique d’ameublement“, Luigi Russolos lärmende Intonarumori oder John Cages Zufallsoperationen.

Die historischen Quellen der Klangkunst können zusammenfassend einerseits mit der Öffnung der Musik zum Geräusch und der damit verbundenen Erweiterung des Materials sowie der Einbeziehung von Zufallsprozessen und Raumideen in die musikalische Komposition und andererseits mit der Integration von Klängen und Geräuschen – zum Beispiel in die Gestaltung kinetischer Plastiken und Installationen – beschrieben werden.

Raum, Wahrnehmung und Technik

Klanginstallationen haben keinen fixierten Zeitrahmen, folgen keiner vorgegebenen dramaturgischen Dynamik und weisen selten narrativen Strukturen auf. Der architektonische, soziale und historische Raum ist Gegenstand der künstlerischen Auseinandersetzung. Diese ortsspezifische Qualität bindet die Klangkunst an individuelle Räume, die man in einem offenen Zeitrahmen betreten und verlassen kann. Deshalb lässt sich Klangkunst an anderen Orten nur schwer mit gleicher Aussage reproduzieren. Plätze und Normen der traditionellen Kunstvermittlung (Museen, Konzert- und Theatersäle) werden gewöhnlich gemieden und Orte in öffentlichen und außergewöhnlichen Bereichen bevorzugt.

Im Zentrum der Klangkunst stehen oft Wahrnehmungsvorgaben, in deren Rahmen der Besucher Aktions- und Interpretationsfreiräume zur Gestaltung des eigenen sinnlichen Erlebens erhält. Eine wesentliche Voraussetzung für die Entstehung von Klanginstallationen und Klangskulpturen ist die Entwicklung der Klangspeicherungs- und Abspieltechnik im 20. Jahrhundert. Die damit verbundene Unabhängigkeit von aufführenden Musikern und die Möglichkeit der mechanischen ständigen Wiederholung mittels der Autoreverse-Technik erlaubten erstmals eine dauerhafte Installation von Tönen, Klängen und Musik im Raum. So ist ein immer wiederkehrendes Moment im Bereich der Klangkunst die Verwendung diverser Tontechniken (vom Kassettenrekorder am Anfang bis zum MP3-Player), aber auch die Ausnutzung der qualitativen klanglichen Unterschiede von verschiedenen Lautsprechertypen.

Allerdings gibt es auch Klangkunst, die ohne jede Tontechnik auskommt. Das sind zum einen rein konzeptionelle Kunstwerke, die Klang und Klangerfahrung eher imaginieren, und zum anderen Objekte oder Installationen, deren Klangquellen rein natürlicher Herkunft sind wie etwa Wind, Wasser oder Feuer. In letzteren Fällen kann ein historischer Bezug der Klangkunst zu Windharfen, Feuerorgeln, aber auch zu Musikautomaten und Spieldosen hergestellt werden.

Klangkünstler in Deutschland

Betrachtet man die Entwicklung der Klangkunst in Deutschland, die natürlich von internationalen Prozessen in diesem Bereich beeinflusst wurde, so zeigt sich, dass die Künstler von Fluxus, kinetischer Kunst und Dada bis in die Gegenwart präsent sind. Die „Pioniere“ im Bereich der Klangkunst sind allerdings hauptsächlich in den USA auszumachen. Dort wurden etwa Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-Jahre erstmals die künstlerischen Gestaltungsmöglichkeiten mit dem Material Klang von Künstlern wie Max Neuhaus, Bernhard Leitner, Rolf Julius, Maryanne Amacher oder Terry Fox erforscht. Ursprünglich aus der Bildenden Kunst, der Architektur oder der Musik kommend, begannen sie, in Räumen mit Klang zu arbeiten – ohne sich jedoch explizit als Klangkünstler zu bezeichnen.

Christina Kubisch Electrical Walks (Hörprobe: www.cabinetmagazine.org)

In Deutschland etablierte sich ungefähr zehn Jahre später eine erste „Generation“ von Künstlern, die sich nun selbst auch als „Klangkünstler“ verstanden: Rolf Julius, Peter Vogel, Christina Kubisch, Robin Minard, Hans Peter Kuhn oder Ulrich Eller. Einige von ihnen lehrten zu diesem Zeitpunkt bereits an Kunsthochschulen audiovisuelle Kunst oder Klangkunst.

Ende der 1980er-Jahre folgte eine zweite „Generation“, zu der man beispielsweise Erwin Stache, Sam Auinger, Andreas Oldörp oder Tilman Küntzel zählen kann. 1996 fand in Berlin mit „Sonambiente – Festival für Hören und Sehen“ eine umfangreiche Bestandsaufnahme nationaler und internationaler Klangkunst statt, die einen Großteil der damals präsenten und etablierten Klangkünstler versammelte.

Sam Auinger Farben (Klanginstallation im öffentlichen Raum) (Hörprobe: www.netzradio.de)
Tilman Küntzel Seismophonie (Installation) (Hörprobe: www.tkuentzel.de)

In dieser Zeit begann sich eine dritte „Generation“ zu bilden, darunter Künstler wie Roswitha von den Driesch & Jens Uwe Dyffort, Matthias Deumlich, Jens Brand, Miki Yui, Jan Peter Sonntag oder Stefan Rummel.

Stefan Rummel aktuelle Arbeiten (Hörproben: stefanrummel.info/soundfiles/)
Ludger Hennig Eisenfern (Hörprobe: hennig.schwingkreise.de)

Die seitdem nachfolgenden jüngeren Künstler sind teilweise bereits Schüler der lehrenden ersten Generation, wie etwa Rolf Giegold, Denise Ritter, Stefan Roigk und Ludger Hennig. Andere kommen aus dem weiten Feld elektronischer Musik und digitaler Medienkunst, wie etwa Thom Kubli oder Peter Simon, beide ehemalige Absolventen der Kunsthochschule für Medien Köln.

Abgrenzungen: Klangkunst – Tonkunst

Der Begriff „Klangkunst“ wird in der Gegenwart zunehmend inflationär gebraucht. Vor allem im Bereich der zeitgenössischen Musik scheint oft das Missverständnis vorzuherrschen, dass sämtliche nicht in Noten notierte performative Musikdarbietung – vor allem in der experimentellen und elektronischen Musik – Klangkunst sei. Verbunden mit der rasanten technischen Entwicklung seit Ende der 1990er-Jahre und den einfacheren Zugangsmöglichkeiten zur digitalen Technologie für nichtakademische Kreise kann man gegenwärtig eine fast unüberschaubare Anzahl von Künstlern und Künstlerinnen beobachten, die mit digitalem Klang- und Bildmaterial arbeiten. Dies alles wird heute unter Klangkunst eingeordnet, wobei der Begriff eher als eine allgemeine Beschreibung dient, dass hier mit dem Material Klang gearbeitet wird.

Die neuerdings modische Attitüde, mit elektronischer Musik ein jüngeres Publikum in die „heiligen Kunsttempel“ zu locken, hat dazu geführt, installative oder skulpturale Klangkunst mit elektro-akustischen Lautsprecher-Environments zu verwechseln, also Klangkunst und Tonkunst (Musik) gleichzusetzen. Hauptsächlich handelt es sich bei dieser eher als „audio art“ – im Gegensatz zu „sound art“ – zu bezeichnenden Musikform um Lautsprecherkompositionen und -konstellationen, die sich vor allem durch ihr wiederholbares Setting auszeichnen. Hier geht es hauptsächlich darum, den Raum zu beschallen und Lautsprecher verschieden zu positionieren, um beispielsweise ein räumliches Hören zu ermöglichen. Dabei wird der Raum austauschbar und die Klänge verlieren ihren Bezug zum Aufführungsraum. Installative Klangkunst dagegen ist flüchtig und kann, wenn überhaupt, nur in einer variierten, ortsangepassten Version reproduziert werden.