Krise der Musikindustrie: die neue Unberechenbarkeit

Ein Ende der schlechten Nachrichten für die Musikindustrie ist nicht abzusehen. Die Zuwächse im digitalen Handel sind bemerkenswert und doch zu gering um die Verluste wettmachen zu können. Die Wahrheit ist aber auch: Es gibt ein Tonträger-Geschäft, das nicht so schnell verschwinden wird. Und die kleinen Labels wissen schon, wie man darin überlebt.

Die Türen Die Türen | Pressefoto: Knut Claßen Wenn es um die ökonomischen Chancen und Risiken des Internets geht, ist schnell auch von der Musikbranche die Rede – als dem Negativbeispiel schlechthin. Das Schicksal der Branche gilt als exemplarisch für die unverbesserliche Schlafmützigkeit der Old Economy im Angesicht der digitalen Revolution. Der wichtigste Musikhandel im Netz etwa, der iTunes Store, gehört dem Computerkonzern Apple. Ein Ende der schlechten Nachrichten ist nicht abzusehen. Die Frage ist allenfalls, wie groß die Verluste ausfallen. Die Zahlen für das deutsche Tonträgergeschäft, dem nach Amerika und Japan drittgrößten der Welt, fallen für das erste Halbjahr 2011 im internationalen Vergleich moderat aus. Aber der Markt schrumpft unaufhaltsam.

Der Gesamtumsatz beim Verkauf von physischen und digitalen Produkten lag in den ersten sechs Monaten 2011 bei rund 650 Millionen Euro und damit 1,5 Prozent unter dem Wert der ersten sechs Monate 2010. Insgesamt ging der Umsatz der Tonträger-Branche in Deutschland 2010 um 4,6 Prozent auf knapp 1,67 Milliarden Euro zurück. Weltweit lag das Minus der Branche bei 6 Prozent. Im Vergleich zum Jahr 2001 setzt die Branche hierzulande also eine knappe Milliarde Euro weniger um. Von Nettorenditen um die 20 Prozent, wie sie die Umstellung von Vinyl auf CD in den 1980er- und 1990er-Jahren bescherte, wird heute nicht einmal mehr geträumt.

Das ganz große Jammern ist allerdings auch vorbei, denn ein Umsatz von 1,67 Milliarden ist auch nicht gerade wenig. Die Wahrheit ist eben auch, dass es ein Geschäft mit Tonträgern gibt, das doch nicht so schnell verschwinden wird, wie noch vor ein paar Jahren gedacht. Für gar nicht so wenige Unternehmen und Künstler, wenn auch vor allem die etablierten, ist es sogar lukrativ.

100 Millionen CDs

Die wirklich guten Nachrichten haben inzwischen jedoch mit dem Verkauf von Downloads zu tun. Der Umsatz im digitalen Tonträgerhandel stieg 2010 um 17,5 Prozent auf knapp 75 Millionen bezahlte Downloads. Von Januar bis Juni dieses Jahres legte der deutsche Digitalmarkt sogar um 19,3 Prozent zu. Stärker steigt nur die Zahl illegaler Alben-Downloads. Laut einer vom Bundesverband der Musikindustrie in Auftrag gegebenen Studie wurden im Jahr 2010 über 46 Millionen Musikalben illegal heruntergeladen. Und dennoch dominiert trotz der eindrucksvollen Zuwächse im Digitalgeschäft in Deutschland nach wie vor der Verkauf von physischen Tonträgern das Geschäft: Sein Anteil liegt noch immer bei deutlich über 80 Prozent am Gesamtumsatz. 2010 wurden hierzulande knapp 100 Millionen CDs verkauft. In den USA liegt der Digitalanteil am Gesamtumsatz des Tonträgerhandels längst bei fast 50 Prozent.

Das Geschäft mit Musik-Streams – der Nutzer zahlt dabei für ein Online-Archiv, von dem er Musik abruft, ohne sie auf sein Abspielgerät herunterzuladen –, das inzwischen gemeinhin als die Zukunft des Musikhandels angesehen wird, wächst auch in Deutschland kräftig. Der Umsatz von Anbietern wie Napster, Simfy, Premium oder Musicload Nonstop nahm um 21,4 Prozent zu. Werbefinanzierte Streaming-Dienste wie MyVideo oder Clipfish steigerten ihre Umsätze im ersten Halbjahr 2011 um fast 65 Prozent. Dennoch beträgt der Anteil der Streaming-Dienste am Digitalmarkt in Deutschland bislang erst 11,5 Prozent. In Schweden wird dem Streaming-Dienst Spotify ein erheblicher Anteil daran gutgeschrieben, dass der heimische Musikmarkt gegen den weltweiten Trend wächst. Von einer ähnlichen Entwicklung ist Deutschland noch weit entfernt.

Die Hoffnungen und Existenzen der meisten Musiker ruhen hier ohnehin seit Jahren nur noch auf dem Live-Geschäft. Tonträger sind für die allermeisten längst vor allem Werbung für die Auftrittstourneen. Im Jahr 2009 gaben die Deutschen knapp 2,3 Milliarden Euro für Musikkonzerte aus. Auch wenn der Markt seit einigen Jahren nicht mehr wächst, bewegt sich der Umsatz im weltweiten Vergleich noch immer auf hohem Niveau.

Der ewige Tour-Zirkus

Wer als Musiker nicht zu den ganz wenigen ganz Großen zählt, muss deshalb in erster Linie bereit sein, als Live-Musiker durchs Land zu ziehen. Längst sind auch hier allerdings die Bedingungen schwerer geworden. Die Verluste im Tonträgergeschäft haben schließlich alle getroffen. Inzwischen sind deshalb alle Künstler sämtlicher Genres ständig auf Tour, also nicht nur die, die sich gerade neu etablieren wollen oder die, die ein neues Album veröffentlicht haben, sondern auch die ganzen alten Helden. Und alle treffen sie auf ein sattes Publikum, das nicht unbegrenzt wächst – und auf eine Veranstaltungsbranche, die längst komplett durchprofessionalisiert ist. Die Branche ist sich ihrer existenziellen Bedeutung für die Künstler sehr bewusst und will so niedrige Gagen wie möglich zahlen. Nicht zuletzt deshalb ist es heute für einen Musiker wichtiger denn je, sämtliche Urheberrechte an seinen Songs zu besitzen, so der Geschäftsführer des Berliner Labels Embassy of Music und Sprecher der außerordentlichen Mitglieder im Bundesverband der Musikindustrie Konrad von Löhneysen. Lou Bega Lou Bega | Foto: Alex Const Für deutsche Pop-Künstler, die international erfolgreich sein wollen, hat Löhneysen eher Ernüchterndes zu berichten: „Im Grunde war der deutsche Pop bis heute nur in zwei Varianten international wirklich konkurrenzfähig. Entweder, wenn er ganz die teutonische Karte spielte. Da gibt es dann eine Linie von Kraftwerk über die Einstürzenden Neubauten bis zu Rammstein. Oder wenn versucht wurde, One-Track-Bubblegum-Pop zu produzieren wie es in den Achtzigerjahren Frank Farian mit Boney M und Milli Vanilli gelang, in den frühen Neunzigerjahren einigen Frankfurter Dance-Produzenten mit Acts wie Culture Beat oder Snap und zuletzt dem Münchner Lou Bega 1999 mit seinem Mambo No. 5.“ Seit dem Beginn der Nullerjahre sei Deutschland in der Disziplin allerdings von anderen Ländern überholt worden. Der derzeit allgegenwärtige Überhit Mr. Saxobeat von Alexandra Stan ist eine rumänische Produktion.

Haushalten wie ein Kegelclub

Auf jeden Fall hat die digitale Revolution das Geschäft für die großen wie für die kleinen Labels unberechenbarer gemacht. Große, wirklich sichtbare Trends gibt es nicht mehr. Alben, die sich millionenfach verkaufen, sind dementsprechend sehr selten geworden, weshalb es wiederum kaum neue Superstars gibt, die sich wirklich lange halten. Die britische Retro-Soul-Sängerin Adele ist im Moment eine große Ausnahme von der Regel. Im Netz werden nur noch die Songs gekauft, die wirklich gefallen – und so weniger Geld ausgegeben. Dazu komme, so Christof Ellinghaus in einem Interview zum 20. Geburtstag seines Labels City Slang, dass „heutzutage zehn Mal mehr an musikalischem Output produziert wird als noch vor 15 Jahren. Es ist vor allem diese Flut an Musik und Veröffentlichungen, die dafür sorgt, dass sich das Geld auf mehrere, kleine Töpfe verteilt.“

Der Einfluss der klassischen Radiosender auf den Tonträgerabsatz ist gerade deshalb, noch immer riesig. Kein Wunder, meint Konrad von Löhneysen, sie seien schließlich das exakte Gegenteil zur gigantischen Unübersichtlichkeit des Internets: „Die Radio-Stationen sind für viele wie Mitbewohner. Es wird ihnen vertraut – und gekauft, was sie spielen.“

Ein massenhaftes Sterben der kleineren und mittleren Labels immerhin wie in den großen Krisenjahren von 2007 bis 2009 gibt es nicht mehr. Die Branche hat sich auf die neuen Verhältnisse eingestellt. Das bedeutet allerdings auch, dass selbst erfolgreiche kleinere Indie-Labels heute selten mehr als Einmannbetrieb sind. Das Berliner Label Staatsakt etwa, das mit der Band Bonaparte, aber auch mit Künstlern wie Ja, Panik und Christiane Rösinger zurzeit für Aufsehen sorgt, betreibt Maurice Summen, der außerdem Journalist und Kopf der Indie-Band Die Türen ist, zusammen mit anderthalb ständigen Mitarbeitern: „Ziel ist immer die schwarze Null, ich wirtschafte wie ein Kegelclub.“ Um eine Platte von Bonaparte zu lancieren, von der 8.000 Exemplare verkauft werden müssen, damit alle Kosten gedeckt sind, blieben ihm drei Monate, „dann sind die Leute wieder ganz woanders“.

Beim kommenden dritten Bonaparte-Album wird Summen erstmals mit Warner kooperieren, weil die Band für ihn zu erfolgreich geworden ist. Der Aufwand bei Produktion und Vertrieb wäre schlicht zu groß. Die Sache selbst zu stemmen, hieße für Summen, auf einen Erfolg des Albums spekulieren zu müssen. Dafür jedoch ist das Publikum längst viel zu launisch geworden. Auch die Band um den Sänger und Songwriter Tobias Jundt betrachtet ihre Alben vor allem als Werbung für die Konzerte, von deren Gagen sie lebt. Wie die Platten unter die Leute kommen, ob legal oder illegal, spielt eigentlich kaum eine Rolle: „In Russland hat Bonaparte richtig Erfolg“, sagt Labelchef Summen, „obwohl wir da nachweislich keinen einzigen Tonträger verkauft haben“.