Hip-Hop und Soul in Deutschland

Die Fantastischen Vier läuteten Anfang der 1990er-Jahre den kommerziellen Siegeszug des deutschsprachigen Hip-Hop ein – in ihren Fußstapfen wuchs in Deutschland eine von Mittelschicht-Jugendlichen geprägte Hip-Hop-Szene heran, die sich von den amerikanischen Vorbildern emanzipiert hat und vor allem mit Humor, Sprachwitz und originellen Geschichten aus der eigenen Lebenswirklichkeit punktet. Parallel dazu entwickelte sich um Sänger wie Xavier Naidoo und Joy Denalane auch eine eigenständige Soulszene in Deutschland.

Heimspiel - 20 Jahre Die Fantastischen Vier Heimspiel - 20 Jahre Die Fantastischen Vier | Foto: Michael Hanselmann

Aus dem Mittelklasseghetto in die Charts

„Es ist die da / mit dem dicken Pulli an/ Mann – Freitags ist sie nie da´...“ Es waren solche harmlos klingenden Zeilen, die 1992 den kommerziellen Siegeszug des deutschsprachigen Raps einläuteten. Die Single Die Da?! der bisher kaum über ihren Heimatort Stuttgart bekannten Rapper Die Fantastischen Vier stürmte die Spitze der deutschen Pop-Charts. Und Hip-Hop schien plötzlich viel größer als Jugendzentren und Sprüher-Cliquen. Führten doch die Mittelschichtskinder aus Schwaben den Anspruch ad absurdum, dass deutscher Hip-Hop in Anlehnung an die amerikanischen Vorbilder „das CNN der Ghettos“ sein müsse. Sie trafen vielmehr mit Humor und Sprachwitz die Lebenswirklichkeit der bürgerlichen Mitte Deutschlands und wurden dabei von einer großen Plattenfirma unterstützt.

In der Hip-Hop-Szene blieb der Erfolg der Fantastischen Vier auch deshalb umstritten: War der kommerzielle Anspruch nicht gleichbedeutend mit Ausverkauf? Und: Hatten sich nicht seit Anfang der 1980er-Jahre andere Rapper, DJs und Sprüher – und dabei vor allem Migranten-Jugendliche - um diese Kultur verdient gemacht? Tatsächlich war es die Heidelberger Hip-Hop-Crew Advanced Chemistry, die mit Songs wie Fremd im eigenen Land die deutsche Sprache in den Rap eingeführt hatte. Trotzdem leisteten Die Fantastischen Vier Pionierarbeit: Ihre Songs brachten viele deutsche Jugendliche zum ersten Mal in Kontakt mit Hip-Hop in der eigenen Sprache.

Hamburg macht sich locker

Dynamite deluxe, Dynamite deluxe, | © EMI Music Germany GmbH & Co.KG Besonders in Hamburg erblühte ab Mitte der 1990er-Jahre eine Szene, die mit lockerem Tonfall und Selbstironie brillierte. Die Absoluten Beginner, Samy Deluxe, Dynamite Deluxe, Ferris MC oder Dendemann praktizierten einen lyrisch und ideologisch freieren Umgang mit deutscher Sprache – am weitesten in Richtung Pop-tauglichem Crossover aber wagten sich Tobi und das Bo, Fettes Brot und später Deichkind vor: Ihre Texte schrammten oft haarscharf am Banalen vorbei, brachten Pop-Cabaret, Disco und Schlager zusammen – und wurden dafür zu Dauerbrennern in Funk und Fernsehen. Gerade Mitsing-Nummern wie Schwule Mädchen oder Emanuela von Fettes Brot bescherten dem deutschsprachigen Rap auch ein Publikum jenseits der Hip-Hop-Szene. Absolute Beginner, Absolute Beginner, | © Universal Music Group In der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre erlangte deutschsprachiger Rap eine nie dagewesene Popularität. Sabrina Setlur oder das Rödelheim Hartreim Projekt (Frankfurt), Freundeskreis, Afrob, die Massiven Töne (Stuttgart) oder Dynamite Deluxe, Eins Zwo und die Absoluten Beginner (Hamburg) entwickelten jeweils ganz eigene Ästhetiken zwischen Pathos und Humor, politischem Engagement und Pop-Experimenten. Deutschsprachiger Hip-Hop definierte sich nun vor allem über intelligente und gegen das Klischee gebürstete Raps. Man konnte mit der deutschen Sprache spielen, sie verbiegen, umdichten oder auch ganz neu erfinden. Hier punkten etwa Kinderzimmer Productions aus Ulm mit Songs wie Kickstart mein Hirn/ Boombox mein Herz, Blumentopf aus München, Amewu aus Berlin oder die Absoluten Beginner. Deren erste Single aus dem Jahre 1996 titelte augenzwinkernd: Die Kritik an den Platten kann die Platten der Kritik nicht ersetzen.

In Berlin blüht der Gangsta-Rap

Um die Jahrtausendwende blühte der Gangsta-Rap in Deutschland auf: Battle-Rapper wie Kool Savas, Bushido oder Azad übernahmen die Bühne – und immer mehr junge Wortschmiede wollten den Gangster markieren. Besonders das Label Aggro Berlin forcierte diese Entwicklung. Provokateure wie Sido, der stets mit silberner Totenkopf-Maske auftrat und in Hits wie Mein Block das harte Straßenleben des Märkischen Viertels in Berlin beschworen, oder Fler, der mit Schwarz-Rot-Gold und einer Mischung aus Bundes- und Reichsadler posierte, sorgten für Spekulationen über Verbindungen zwischen Rap und Nationalismus. Dabei war die skandalöse Inszenierung dieser Rapper von Anfang an Programm. Die Stilisierung Berliner „Problembezirke“ zu gefährlichen Ghettos zahlte sich kommerziell aus: Sido und Bushido verkauften ihre Alben hunderttausendfach. Ende 2009 allerdings löste ein neuer Trend den Gangster-Rap ab: Zwischen Hip-Hop, Reggae und Soul agierende Songwriter wie Patrice, Jan Delay oder Seeed und deren Frontmann Peter Fox verbanden auf charmante Weise deutsche Lyrics mit afroamerikanisch-jamaikanisch geprägter Musik.

Gesungene Liebesgeschichten und Sozialkritik

Den deutschsprachigen Songwritern den Weg bereitet hatte der erfolgreichste Protagonist der hiesigen Soulszene: Xavier Naidoo. 1994 hatte der Sänger eine erste Single mit Sabrina Setlur eingespielt, später trat er mit den Söhnen Mannheims und der Polit-R’n’B-Gruppe Brothers Keepers auf. Sein Solo-Debut Nicht von dieser Welt behandelte Themen wie Nächstenliebe, Anti-Rassismus und Christentum und verkaufte sich über eine Million Mal. Auch wenn Naidoos religiöses Pathos gespaltene Kritiken fand: Seine Hits wie Sie Sieht Mich Nicht führten deutschen Soul zu einer Eigenständigkeit jenseits des bloßen Abkupferns von US-Vorbildern (wie es in Casting-Shows à la Deutschland Sucht Den Superstar oft üblich ist). Das Gegenmodell zu Naidoos gospelndem Gesangsstil lieferte der Rapper der Absoluten Beginner Jan Delay. Auf seinen Solo-Alben „Searching For The Jan Soul Rebels“ (2001), „Mercedes Dance“ (2006)“ und „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ (2009) versuchte er sich über einen Background von Reggae- und Funk-Musik erfolgreich als Soulsänger, und beförderte mit näselnd-lakonischer Stimme Konsumkritik und Stilbewusstsein. Joy Denalane, Joy Denalane, | Foto: Daniel J. Glasl Im Gegensatz zum Hip-Hop, wo Rapperinnen wie Cora E, Sabrina Setlur oder MC Fiva immer die Ausnahme blieben, prägen Frauenstimmen den deutschen Soul, darunter Cassandra Steen, Nneka und Joy Denalane. 2002 legte Denalane, die als Duett-Partnerin von Freundeskreis-Sänger Max Herre angefangen hatte, ihr Debut-Album „Mamani“ vor. Dabei brachte sie ihre südafrikanischen Wurzeln lyrisch und musikalisch in Stücken wie „Im Ghetto von Soweto“ ein. Inhaltlich hält Denalane die Balance zwischen Liebesgeschichten und Sozialkritik – wie zuletzt auf ihrem Album „Maureen“ (2011). Es liegt mit an ihrer künstlerischen Leistung, dass schwarzer Pop und deutsche Sprache heute nicht mehr als Widerspruch wahrgenommen werden.