Insel der Freizeit – Wolfgang Müllers Buch über das West-Berlin der 1980er-Jahre

​Anders als Ost-Berlin, anders als Westdeutschland – in der Subkultur West-Berlins entstanden gesellschaftliche Freiräume, deren Geschichten dringend aufgeschrieben werden mussten. Der Autor, Künstler und Musiker Wolfgang Müller hat dies nun getan.

Das Buch liegt mittlerweile in dritter Auflage vor. Foto: © Philo Fine Arts Ein Mann fällt auf der Tanzfläche um und bleibt minutenlang liegen. Die anderen Anwesenden tanzen ungerührt weiter, manche mögen den Sturz für einen „besonders extravaganten Tanzstil“ gehalten haben. Ein anderer Mann ist in einer Telefonzelle eingesperrt, drückt und hämmert gegen die Scheibe. Niemand hilft ihm, denn es könnte ja „wieder so eine komische, unverständliche, völlig überflüssige Kunstperformance sein“. Eine Frau verschwindet auf einer anderen Tanzfläche durch ein sich plötzlich im Boden auftuendes Loch, kriecht nach kurzer Zeit wieder heraus und tanzt weiter, als ob nichts gewesen wäre.

Grenzüberschreitungen

Bei dem Umgefallenen handelt es sich um den Filmemacher Rainer Werner Fassbinder in der Diskothek „Dschungel“, bei dem in einer Berlin-Schöneberger Telefonzelle Festsitzenden um den Musiker Iggy Pop, bei der plötzlich in der Berlin-Kreuzberger Diskothek „SO36“ Verschwundenen um den Westberliner „Urpunk“ Jenny Schmidt, genannt „Ratten-Jenny“.

Es sind drei Szenen von hunderten aus dem West-Berlin der 1980er-Jahre, die der Berliner Autor, Künstler und Musiker Wolfgang Müller in seinem Buch Subkultur Westberlin 1979–1989. Freizeit als typisch für eine Stadt beschreibt, in der Grenzüberschreitungen möglich waren, „die andernorts völlig undenkbar“ gewesen wären.

Neuer Realismus

Müller wurde als Teil der Musik- und Performanceszene der Genialen Dilletanten und als Gründer der intermedial agierenden Künstlergruppe Die Tödliche Doris bekannt. Seitdem wirkt er durch eine Vielzahl von Kunstprojekten, Ausstellungen und Buchpublikationen. Als Student kam er 1979 von Wolfsburg nach West-Berlin, um an der dortigen Hochschule der Künste Visuelle Kommunikation und Experimentelle Filmgestaltung zu studieren. Bald fand er sich in einer subkulturellen Szenerie wieder, in der die Do-it-yourself-Ideen des Punk und Post-Punk junge Menschen „hinter diese Mauer, hinein nach Westberlin“ flüchten lassen, Menschen „die weder in den real existierenden Sozialismus passen noch in die damals noch soziale Marktwirtschaft“.

 

Zwischen improvisierten Bars und Off-Galerien, Punkclubs wie dem SO36 und dem Ex’n’Pop, besetzten Häusern, billigen Wohnungen mit Kohleheizung und Außenklo, Kleinverlagen und Musikfestivals bildete sich ein kultureller Mikrokosmos, der der Teilstadt in Westdeutschland das Image eines Exils „der Durchgeknallten, der Ausgeflippten, der Nichtsnutze, Tagediebe, Freaks und Verweigerer“ verschaffte. Für Müller selbst war West-Berlin vor allem eine Insel der Freizeit, auf der man sich keinesfalls, wie die Linksalterativen, „selbst verwirklichen“ oder „selbst erfahren“ wollte, sondern neue Vorstellungen von Realismus und Realität erzeugte.

Jahrzehnt der Unabhängigkeit

Die Tödliche Doris etwa, ein Projekt, am dem sich von 1980 bis 1987 eine Vielzahl von Akteuren beteiligte, lässt Müller im Buch als Person mit einem „ständig abwesenden Körper“ in Erscheinung treten. Doris tritt als Band auf, dreht Kurzfilme, veröffentlicht konzeptuelle Vinylschallplatten und wird auf die Documenta eingeladen. Im „Jahrzehnt der Unabhängigkeit“, so Müller, lautete die Frage, wie sich Zeit zu Raum umgestalten ließ – zu Orten, die sich so nur in diesem kurzen Zeitfenster der 1980er-Jahre realisieren ließen.

Dass Müller darauf hinweist, dass unter diesen Orten auch solche waren, in denen sich eine schwul-lesbisch-transsexuelle Subkultur mit der in West-Berlin beginnenden Punkkultur mischte – so wurde etwa aus der linksalternativen lesbischen Bar Blocksberg die Punkkneipe Risiko –, gehört zu den Verdiensten des so kurzweiligen wie umfangreichen Bandes. Mit 600 Seiten, stattlichen 460 Fußnoten, Register, Abbildungen und einer vom Autor gezeichneten Karte mit den beschriebenen Schauplätzen testet dieses unverzichtbare Berlin-Buch seine Leser auch darin, wie viel Freizeit von damals heute übrig geblieben ist.

Literatur:

Wolfgang Müller:
Subkultur Westberlin 1979–1989. Freizeit. Hamburg, Philo Fine Arts, 2013