Ein bisschen Dada – 30 Jahre Einstürzende Neubauten

Im November 1981 erschien „Kollaps“, das erste Album der Einstürzenden Neubauten. Es formulierte mit rabiatem Noise-Pop das Lebensgefühl einer Ära und wurde zum ersten Manifest eines Bandprojektes, das die internationale Kunstszene inspirierte.

West-Berlin in den späten 1970er-Jahren war ein zum Alltag gewordener Ausnahmezustand politischer Absurdität. Die Stadt war geteilt und inmitten des als feindselig empfundenen Ostblocks in ihrer Entfaltung gehindert. Dieser Status vermittelte den Bürgern das Gefühl latenter kollektiver Isolationshaft und schuf gleichzeitig Freiräume. Nach Berlin ging, wer sich dem Wehrdienst entziehen, wer sich in der Hausbesetzerszene subversiv fühlen wollte, aber auch wer Freigeist, Kunst, Offenheit in einem Staat suchte, der im Anschluss an den Terrorismus des Deutschen Herbstes zunehmend die Kontrolle über seine Bürger erlangen wollte.


Einstürzende Neubauten: Sehnsucht (1981), Quelle: www.neubauten.org

Dieses West-Berlin war die Stadt von David Bowie und Christiane F., von Spontis, Freaks und Sinnsuchern, die ihre Erfüllung in mal dezenter, mal massiverer Subversion suchten. Es war auch der Nährboden, auf dem Christian Emmerich, Jahrgang 1959, seine künstlerische Inszenierung unter dem an dem Dada-Künstler Johannes Theodor Baargeld orientierten Namen Blixa Bargeld starten konnte. „Bei mir gab es einen generellen Hang zur Grenzüberschreitung“, gab er 2006 in der von Max Dax und Robert Defcon zusammengetragenen Interviewbiografie Nur was nicht ist, ist möglich zu Protokoll und präzisierte: „Ich hatte eine schwer rebellische Natur gegenüber meinem Elternhaus, gegenüber dem Vorhandenen, gegenüber dem Althergebrachten und dem Bestehenden“. Auf lange Sicht sollte Musik, Konzept, Theater daraus werden.

„Kollaps“ und Theater

Vieles, was aus der Retrospektive zwangsläufig erscheint, war zunächst Zufall. Anfang 1980 wurde Blixa Bargeld gefragt, ob er am 1. April des Jahres in der Diskothek „Moon“ ein Konzert spielen wolle. Eine echte Band gab es nicht, als Namen ließ der Sänger einer Eingebung folgend Einstürzende Neubauten ins Programm schreiben. Es spielten Bargeld, die Keyboarderin Gudrun Gut, Beate Bartel am Bass und Andrew (N.U.) Unruh am Schlagzeug. In der Folgezeit wechselten die Besetzungen, Unruh musste aus Geldmangel sein Schlagzeug verkaufen und trommelte fortan auf Fundsachen.

Die Band war eines der vielen Provisorien der Berliner Independent-Ära, spielte Konzerte hinter Maschendrahtzaun, machte Lärm und erregte Aufsehen. „Horror-Sound mit Rasierapparat und E-Gitarre“ titelte Teenie-Zeitschrift Bravo, die die Einstürzenden Neubauten ratlos unter „Neue Deutsche Welle“ einordnete. Die Band selbst hatte sich bis 1981 soweit konsolidiert, dass mit Bargeld, Unruh, dem Gitarristen Alexander Hacke, Mark Chung am Bass und dem Schlagwerker FM Einheit die Kernbesetzung der Folgejahre feststand.

Was folgte, war das Album Kollaps, eine Orgie aus Lärm und Attitüde. Die Neubauten formulierten ihre Haltung im Widerstand zur Ästhetik des popmusikalischen Schönklangs, aber auch des rüden Rock ’n’ Rolls der Punk-Kollegen, stellenweise berauscht mehr an Texturen und apokalyptischen Gedankenspielen interessiert als an Komposition, Strukturen oder gar Kunst. Sie stilisierten ihre Konzerte zu Performances: Stahlträger wurden als akustische Quelle mit Schwingschleifern bearbeitet, kleine Molotow-Cocktails in Eisenwannen auf der Bühne zu Explosion gebracht, manchmal floss das Blut der Musiker.

Die Presse rieb sich an der martialischen Ästhetik, aber Bands wie Depeche Mode, in späteren Jahren Rammstein, viele Gothic-Combos und sogar Marilyn Manson ließen sich davon inspirieren. Industrial Art am Rande der Grenzerfahrung – das faszinierte auch progressive Regisseure, die die Einstürzenden Neubauten ans Theater holten. 1986 engagierte sie Peter Zadek für das Rockmusical Andi ans Hamburger Schauspielhaus, 1990 vertonten sie Heiner Müllers Hamletmaschine, vier Jahre später Faust: Mein Brustkorb: Mein Helm von Werner Schwab am Potsdamer Hans Otto Theater. Damit waren die Revoluzzer in der Gesellschaft angekommen und FM Einheit verließ die Band.

„Ende neu“ und Internet

Mitte der Neunzigerjahre waren die Neubauten aus der Mode gekommen. Die Techno-Generation feierte Lebenslust, nicht Weltuntergang. Die Band reagierte mit Alben wie Ende neu (1994), nützte Medien wie Video-Clips, um am Ball zu bleiben, sang auf Englisch und rekrutierte mit Gitarrist Jochen Arbeit und Drummer Rudolf Moser neue Mitglieder, die bis heute zum Team gehören. Nach einigen kargen Jahren schaffte sie mittels des noch jungen Internets den Anschluss an die mediale Gegenwart. Von 2002 an vermarkteten sich die Neubauten mit einem damals noch unüblichen Subscription-Geschäftsmodell. Fans finanzierten Alben vor, bekamen dafür als „Supporters“ oder im Rahmen des „Musterhaus-Klangbaukastens“ Aufnahmen in limitierter Auflage. Aus den Neubauten wurden Sammlerstücke, die Brücke zum Kultobjekt war geschlagen.

So sind die Einstürzenden Neubauten 2011 zum einen Kulturgeschichte, andererseits noch immer Impulsgeber. Lärm war gestern, existenzielle Bühnenshow auch. Dafür bietet Bargeld vorbildlich verschlüsselte Texte und die Band profunde klangliche Extravaganz. „Ich finde, die Neubauten haben sich geschickt jeder eindeutigen Vereinnahmung entzogen“, meint der Poptheoretiker Alfred Hilsberg in Nur was nicht ist, ist möglich. „Sie haben immer erfolgreich jenen schmalen Grat beschritten und haben erfolgreich darauf geachtet, dass sie eben nicht benutzt werden als Markenzeichen oder ideologische Inhaltsträger für Dritte“. Damit sind sie auch nach drei Jahrzehnten noch richtungsweisend.