Popmusik in Deutschland bis 1989

Popmusik aus Deutschland gilt international als zweitklassig. Doch aus den zaghaften Anfängen in den 1950er-Jahren hat sich kaum anderthalb Jahrzehnte später eine reiche, vielfältige Musikszene entwickelt, deren wichtigste Protagonisten weltweite Beachtung erlangten.

Kraftwerk, Kraftwerk, | © EMI Music Germany Durch die Barbarei des Nationalsozialismus und den Exodus oder Tod zahlreicher bedeutender Komponisten und Interpreten war nach 1945 die Verbindung zur reichen Populärkultur der Weimarer Republik weitgehend abgerissen. In der Nachkriegs-Bundesrepublik sah sich Popmusik als Teil einer Jugendkultur heftigen Anfeindungen seitens der konservativen Mehrheitsgesellschaft und ihrer Medien ausgesetzt. Mit amerikanischen Rock’n’Roll-Filmen und den über Soldatensender verbreiteten Platten von Bill Haley oder Elvis Presley sickerten seit Mitte der 1950er-Jahre nicht nur neue Musikstile, sondern auch neue Verhaltenscodices in die Alltagskultur ein. Ein Teil der Jugend lehnt sich offen gegen den autoritären Wertekonsens der Nachkriegsära auf und sehnt sich nach einem künstlerischen Gegenentwurf zum Erwachsenenschlager.

Die frühen Stars der deutschen Popmusik wie Peter Kraus, Ted Herold, Caterina Valente oder Conny Froboess konnten diese Sehnsucht nur bedingt bedienen: Einerseits waren sie stilistisch eng an die Rezeption amerikanischer Vorbilder gebunden, andererseits blieben die Grenzen zum Schlager fließend. Die Verwendung deutscher Texte verhinderte eine Wirkung über den deutschen Sprachraum hinaus. Das änderte sich in den 1960er-Jahren kaum, auch wenn sich etliche der nun entstehenden Beat-Bands durch die Verwendung von englischen Texten dem internationalen Vergleich stellten. Dabei schnitten Kapellen wie die Rattles aus Hamburg oder die Berliner Lords nicht gut ab, weswegen auch ihr Wirkungsradius begrenzt blieb.
 

Mama Düül und ihre Sauerkrautband – Krautrock wird geboren

Erst mit dem Aufkommen experimentellerer Spielarten der Rockmusik entstanden in der Bundesrepublik eigenständigere Ausdrucksformen. Die Münchner Kommunardenband Amon Düül und die sich abspaltenden Amon Düül II erweiterten ab 1968 die Formensprache um Klangcollagen und Kirchenchoräle, die Berliner Gruppen Agitation Free und Ash Ra Tempel experimentierten mit offenen Songformaten und elektronischen Klangerzeugern. Letzteres wurde zu einem entscheidenden Stilmittel einer heterogenen Musikströmung, die bald auch in Großbritannien wahrgenommen und unter dem Begriff Krautrock subsumiert wurde.

Neben Berlin, wo sich mit Tangerine Dream, Cluster und Klaus Schulze ein Zentrum der elektronischen Avantgarde etablierte, wurde vor allem das Rheinland zum Nukleus der progressiven deutschen Popmusik. In Köln befreite Can, ein Quintett um die Stockhausen-Schüler Holger Czukay und Irmin Schmidt, die Rockmusik von den Fesseln der klassischen Songstruktur und sorgte mit rhythmisierter Kollektivimprovisation international für Furore. Noch einflussreicher wurden Kraftwerk aus Düsseldorf, wohl die weltweit bekannteste deutsche Band überhaupt. In frühen Jahren dem formal befreiten Krautrock ähnlich, entwickelte die Gruppe unter den klassisch ausgebildeten Ralf Hütter und Florian Schneider-Esleben ein revolutionäres Konglomerat aus simplen Synthesizer-Melodien, mit Roboterstimmen gesungenen Texten und Sequenzer-Beats.


Unterfüttert durch ein strenges visuelles Konzept und das provokante Spiel mit ambivalenten Ikonen der deutschen Technologiegeschichte wie „Autobahn“ oder „Radioaktivität“, wurden Kraftwerk im Ausland zum Synonym der „teutonischen“ Band schlechthin – ein Image, das die Band mit Erfolg ausschlachtet: 1982 erreichte die englischsprachige Version ihrer Single Das Model die Spitze der britischen Charts. Weniger erfolgreich, aber ähnlich einflussreich war das aus den ehemaligen Kraftwerk-Musikern Michael Rother und Klaus Dinger bestehende Duo Neu!, dessen repetitiv groovende, mit primitiven Remix-Techniken bearbeitete Stücke wichtige Impulse für kommende Musikergenerationen gaben. Diese drei Bands, dazu Tangerine Dream und die niedersächsischen Experimentalrocker Faust, trugen wohl am meisten zum positiven Wandel der Wahrnehmung deutscher Popmusik im Ausland bei.

Neben den Leuchttürmen gab es eine Fülle mehr oder weniger origineller Bands, die den Krautrock-Mythos nähren: Eloy und Jane aus Hannover, Hoelderlin aus Wuppertal, Ihre Kinder aus Nürnberg, Kraan aus Ulm, Frumpy und Novalis aus Hamburg, Popol Vuh und Embryo aus München, King Pin Meh aus Mannheim, Wallenstein aus Mönchengladbach, Percewood’s Onagram aus Bremen, Grobschnitt aus Hagen oder die deutsch-schweizerisch-belgische Formation Brainticket waren die Schaumkrone einer Welle, die bis in die hinterste bundesrepublikanische Provinz für eine Verbreitung gängiger Krautrock-Klangvorstellungen sorgte. Die meisten dieser Bands sangen Englisch und arbeiteten sich wiederum, wie zehn Jahre zuvor die deutschen Beat-Combos, an internationalen Vorbildern ab, waren dabei aber bisweilen so exzentrisch, dass manche von ihnen selbst wieder zu Inspirationsquellen wurden.

Die Erben der Scherben – Udo, Rio und die Folgen

Parallel zum Krautrock entstand eine genuin deutsche Rockmusik, in der erstmals versucht wurde, die Alltagssprache der Jugendkultur für Liedtexte einzusetzen. Udo Lindenberg, zuvor Schlagzeuger bei der Jazzrock-Combo Passport, veröffentlichte seit 1972 mit zunehmendem Erfolg LPs, auf denen er authentischen Straßenslang mit politischen Themen und rauem Romantizismus koppelte. Einen ähnlichen Ansatz verfolgte das Musikerkollektiv Ton Steine Scherben unter seinem Sänger und Texter Rio Reiser in Berlin, das allerdings durch seine dezidiert linke Haltung weniger radiokompatibel war und somit nicht die Breitenwirkung von Lindenberg erzielte.

Lindenberg, die Scherben und der näher am Schlager operierende Peter Maffay erbrachten den Beweis, dass die deutsche Sprache popmusikfähig war – mit weitreichenden Auswirkungen. So breitete sich die klassenkämpferische Rhetorik des britischen Punks seit 1977 auch in der Bundesrepublik rasant aus. Doch zum ersten Mal bei der Adaption eines neuen Musikstils benutzte die Mehrzahl der Bands Deutsch als Ausdrucksmittel, was den Verdacht des Epigonentums zerstreute. Zunächst war wieder Düsseldorf ein Zentrum der Bewegung. Rund um die Künstlerkneipe Ratinger Hof etablierten sich einflussreiche Bands wie KFC, Male, ZK und Mittagspause. Aus letzteren gingen die Fehlfarben hervor, die zur wichtigsten deutschen Postpunk-Gruppe wurden und mit ihrer Single Ein Jahr (Es geht voran) den Soundtrack der No-Future-Generation einspielten. In West-Berlin entwickelte sich parallel eine Szene selbsternannter Genialer Dilletanten (sic!) mit Protagonisten wie Einstürzende Neubauten, Die Tödliche Doris, Gudrun Gut oder Frieder Butzmann, deren subversive Konzertperformances die Grenzen zur Bildenden Kunst oder zur visuellen Kommunikation bewusst überschritten.

Ende der 1970er-Jahre war Popmusik aus Deutschland – von Ausnahmen wie der international erfolgreichen Hannoveraner Heavy-Metal-Band Scorpions abgesehen –noch kein Massenphänomen. Anders als der populäre Discopop aus den Produzentenschmieden von Frank Farian (Boney M., Eruption) und Giorgio Moroder (Donna Summer, Amanda Lear) blieben die Verkaufserfolge der Krautrocker überschaubar.

Dies änderte sich Anfang der 1980er-Jahre durch das Phänomen der Neuen Deutsche Welle, mit der erstmals einheimische Popkünstler flächendeckend in der bis dahin von internationalem Mainstream und deutschem Schlager dominierten Verkaufshitparade reüssieren konnten. Bevor jedoch Bands und Künstler wie Trio, Nena, Hubert Kah, Fräulein Menke, Joachim Witt oder Markus durchstarteten, leisteten andere wichtige Vorarbeit: Der schwule Militarismus von D.A.F. (Deutsch-Amerikanische Freundschaft), der Dada-Pop von Der Plan, der Feministen-Punk von Nina Hagen, der Mauerstadt-Wave von Ideal und Neonbabies, die surrealen Wortspiele von Foyer Des Arts und anderes mehr waren Impulsgeber der NDW. Die Musikkonzerne führten das Ende selbst herbei: Durch massenhaft unter Vertrag genommene Epigonen war rasch eine Marktsättigung erreicht.

Ansonsten standen die 1980er-Jahre im Zeichen der Diversifizierung. Mit Marius Müller-Westernhagen aus Düsseldorf und Herbert Grönemeyer aus Bochum etablierten sich zwei regional geprägte Sänger als Lindenberg-Nachfolger und stiegen zu nationalen Rockstars im Stadionformat auf. In ihrem Fahrwasser erreichten Wolf Maahn, Klaus Lage, Ina Deter, Ulla Meinecke oder Heinz-Rudolf Kunze als Deutschrocker die Hitparaden. Auch mundartliche Rock-Spielarten feierten in den 1980ern beachtliche Erfolge: BAP und Black Fööss aus Köln, die Rodgau Monotones aus Hessen oder die Spider Murphy Gang aus München platzierten sich hoch in den deutschen Charts. Am internationalen Markt konnten sich englischsprachige Synthiepop-Bands aus Deutschland wie Alphaville oder Propaganda positionieren. Mit Abstand am erfolgreichsten war dabei – nach dem Fall des Eisernen Vorhangs auch in Osteuropa – der Retortenpop des Duos Modern Talking.

Popmusik in der DDR

Sandow 2007, Sandow 2007, | Foto: Peter Gruchot Ungleich schwerer als in der Bundesrepublik gestaltete sich die Verbreitung der Popkultur in der DDR. Zwar setzte ungefähr zeitgleich zu Westdeutschland eine begeisterte Rock’n’Roll- und Beat-Rezeption ein. Doch der Wechsel zwischen repressiven und phasenweise toleranteren kulturpolitischen Vorgaben seitens der SED-Nomenklatur behinderte die kontinuierliche Entwicklung einer autonomen Popmusik, die abgewürgt oder domestiziert wurde. Die Kontrollfunktion des Staates über die Veröffentlichungspolitik der monopolistischen Plattenfirma Amiga wirkte sich ebenso lähmend aus wie der zensierte Rundfunk und strikte Reglementierungen bezüglich der Durchführung von Konzerten und Tourneen.

Mit der Blüte der Rockmusik entstanden seit den späten 1960ern auch in der DDR etliche neue Bands. Die Vorgabe, Songtexte auf Deutsch zu verfassen und der Zensur zur Verfügung zu stellen, ließ viele Protagonisten in metaphorisch aufgeladene Parallelwelten oder Selbstzensur flüchten. Missachtung der staatlichen Vorgaben wurde sanktioniert – das Verbot der populären Leipziger Polit-Bluesrocker Klaus Renft Combo war wohl das spektakulärste Beispiel. So zeichneten sich die namhaftesten Vertreter des DDR-Rocks der 1970er und 1980er wie die Puhdys, City, Karat oder Silly mehr durch handwerkliches Können und persönliches Charisma als durch stilistischen Wagemut aus. In den 1980ern entstand – vor allem in Berlin und Leipzig, aber auch in Provinzstädten wie Cottbus – eine subversive Musikszene in der DDR. Mit privat vervielfältigten Kassetten umging man das Amiga-Monopol, Konzerte wurden in konspirativem Rahmen abgehalten. Wenige Protagonisten dieser Bewegung wie die Ostberliner Punkband Feeling B und die Cottbuser Avantgarde-Rocker Sandow konnten in den späten Tagen der DDR noch Platten auf Amiga herausbringen und stachen aus dem von Lizenzveröffentlichungen internationaler Künstler und DDR-Mainstream geprägten Repertoire heraus.