Pop in Deutschland nach 1989

Seit der Wiedervereinigung prosperiert die deutsche Popmusik und hat einen selbstverständlicheren Umgang mit der deutschen Sprache entwickelt. Möglich ist nun alles vom deutschen Rock über deutschen Rap bis zum deutschen Reggae.

Die Sterne, Donauinselfest 2009, Die Sterne, Donauinselfest 2009, | Foto: Claus Rebler Im Sommer 1990 wurde die Nationalmannschaft der Bundesrepublik Deutschland in Rom Fußball-Weltmeister. Danach teilte ihr Trainer Franz Beckenbauer der versammelten Weltpresse mit, dass die Deutschen auf Jahre unschlagbar bleiben würden. Der Grund: die Verstärkung durch die von nun an zur Verfügung stehenden Spieler aus der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, die nicht einmal drei Monate nach dem WM-Endspiel nicht mehr existieren sollte.

Der Popmusik waren solche Prophezeiungen erspart geblieben. Tatsächlich galt die staatlich streng kontrollierte Musik-Szene der DDR – im Gegensatz zum Sport, der sich tatsächlich auf dem von der Einheitspartei SED angestrebten Weltniveau bewegte – nicht einmal als zweitklassig. Doch es kam anders. Ironie der Geschichte: Während sich im Fußball das Beckenbauersche Diktum sehr schnell als Humbug entpuppen sollte, profitierte die deutsche Pop-, Rock- und Dancemusik vehement von der Wiedervereinigung – und das nicht nur kommerziell, sondern auch künstlerisch.

Größere Absatzmärkte nach der Wiedervereinigung

Die Wiedervereinigung Deutschlands erschloss nicht nur jenen westdeutschen Musikern, die in der DDR weder Konzerte spielen noch Platten hatten verkaufen dürfen, einen größeren Absatzmarkt. Das Talent, das in der DDR dazu verdammt gewesen war, noch im Untergrund zu werkeln, und der Nachwuchs, der vor dem Mauerfall noch gar nicht alt genug für die Bühne gewesen war, stellen heute einen erheblichen Teil der kommerziell erfolgreichsten deutschen Bands von Rammstein über Silbermond bis zu Tokio Hotel. Club WMF Berlin bei seiner Wiedereröffnung 2009, Club WMF Berlin bei seiner Wiedereröffnung 2009, | Foto: nudevinyl Auch einige der weltweit bekannten deutschen DJs wie Paul van Dyk oder Paul Kalkbrenner stammen aus dem Osten Deutschlands. Tatsächlich wäre auch dieser wohl prägendste Beitrag aus Deutschland zur weltweiten Popkultur niemals entstanden ohne den Mauerfall. Die Grenzen zwischen den beiden deutschen Staaten waren kaum geöffnet, da entdeckten und okkupierten Kreative bereits die Leerräume, die sich plötzlich auftaten. Die ersten Techno-Clubs entstanden auf den Brachen zwischen den beiden Berliner Stadthälften. Um und vor allem unter dem Potsdamer Platz, damals eine unbebaute Wüste, öffneten Clubs wie Tresor, WMF oder E-Werk, die schnell über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt wurden. Und dort wurde auch jene Spielart der elektronischen Tanzmusik entwickelt, die als „Berliner Brett“ in die Geschichte der Popmusik eingehen sollte. Berlin wurde nicht nur zur neuen deutschen, sondern auch zur Techno-Hauptstadt.

Deutschland einig Techno-Land

Das augenfälligste Symbol für diese Entwicklung: die Love Parade. Die erste Auflage fand zwar schon 1989 wenige Monate vor dem Mauerfall statt, aber nur mit rund 150 Teilnehmern. Erst das wiedervereinigte Berlin und die vibrierende Techno-Szene der Stadt beförderten die Parade zum Mega-Event, das bis 2003 Millionen Besucher aus aller Welt anlockte und den weiter wachsenden Ruf der Metropole als europäische Party-Hauptstadt begründete. Die unheimliche Karriere, die der typisch deutsche Techno bis zum Massenphänomen absolvierte, nahm 2010 leider ein tragisches Ende : In Duisburg, das die Parade ausrichtete, starben 21 Menschen aufgrund von Organisationsfehlern.

Aber nicht nur die Club-Szene profitierte von der Wiedervereinigung. Tokio Hotel, der wohl der kommerziell erfolgreichste Popexport des Landes im neuen Jahrtausend, stammen aus Magdeburg. Stünde die Mauer noch, hätte der androgyne Sänger Bill Kaulitz Mitte der Nuller-Jahre wohl kaum die Gelegenheit erhalten, Teenager von Kanada bis Japan zum Kreischen zu bringen.

Erfolgreich im Ausland

Bevor Tokio Hotel die Welt eroberten, hatten Rammstein bereits den Boden bereitet. Die Musiker, die schon zu DDR-Zeiten im Punk-Untergrund tätig waren, provozierten mit protofaschistischer Ästhetik und feierten in den 1990er-Jahren als Karikatur deutscher Klischees vor allem in den USA erstaunliche Erfolge. Rammstein waren die Speerspitze dessen, was in den deutschen Medien unter dem Sammelbegriff „Neue deutsche Härte“ überaus kontrovers diskutiert wurde. In der Folge distanzierten sich allerdings nahezu alle Bands explizit von den Vorwürfen, sie würden rechtsradikales Gedankengut propagieren. Tatsächlich rechtsradikale Bands konnten nur innerhalb der Neonazi-Szene bekannt werden und nie eine nennenswerte Wirkung im Mainstream entfalten.

Auch wenn der Nazi-Verdacht entkräftet werden konnte, markierte die „Neue Deutsche Härte“ doch einen Paradigmenwechsel in der Pop-Szene. Im neuen, größeren Deutschland war generell ein entspannterer Umgang mit dem eigenen kulturellen Erbe und der deutschen Sprache entstanden. Die typisch deutschen, geschichtlich bedingten Beklemmungen waren verschwunden, dafür aber Nationalismus-Diskussionen an der Tagesordnung. Tatsächlich hatte die große Mehrheit der deutschen Rockbands bis dahin Englisch getextet und gesungen, doch die sogenannte „Hamburger Schule“ änderte das: Anfang der 1990er-Jahre spielten Bands wie Blumfeld, Die Sterne oder Tocotronic von englischen und amerikanischen Indie-Bands beeinflussten Rock, kultivierten aber einen zwar ironischen, aber immer ernsthaften Umgang mit der deutschen Sprache. Diese Bands erreichten selbst nie ein Massenpublikum, aber auf ihre Pionierarbeit konnten sich später Bands wie Kettcar oder Tomte stützen, die deutschsprachigen Indie-Rock endgültig salonfähig machten. Im Zuge dieser Entwicklung stürmten auch Popbands wie Wir sind Helden, Silbermond, Mia oder Juli die Charts. Deren Erfolg wiederum führte dazu, dass Plattenfirmen keine englisch singenden deutschen Bands mehr verpflichteten oder ihnen sogar nahelegten, die Sprache zu wechseln.

Die neue Selbstverständlichkeit

Parallel zum deutsch gesungenen Rock und Pop war auch eine deutsche Hip-Hop-Szene entstanden. Es waren vor allem Jugendliche aus Einwanderfamilien, die den originalen Rap aus den USA zuerst adaptierten und ihn schnell mit lokalen Inhalten füllten. Mit den Fantastischen Vier erreichte der „deutsche Sprechgesang“, wie ihn die Band aus Stuttgart getauft hatte, Anfang der 1990er-Jahre überraschend schnell die Spitze der Hitlisten. Später entwickelte sich sogar deutscher Gangsta-Rap, der aus Berliner Hinterhöfen kommend die biedere Republik erschütterte und Stars wie Bushido und Sido erschuf.

Diese Stars werden im Ausland zwar kaum wahr genommen, aber der Erfolg von deutschsprachigem Rap und Rock führte in Deutschland selbst dazu, dass sich nun die deutsche Sprache mit jedwedem musikalischem Genre verknüpfen und damit Erfolg haben kann: Die Balkan-Rock-Beats von Rotfront finden ebenso ihr Publikum wie die skurrile bayerische Blasmusik von LaBrassBanda. Xavier Naidoo oder Joy Denalane feiern große Erfolge mit deutschem Soul, Jan Delay spielt deutschen Funk und Peter Fox deutschen Reggae. Deutsch ist vollkommen selbstverständlich geworden. Das ist das Fazit von nun zwei Jahrzehnten wiedervereinigter deutscher Popmusik: Deutsch kann doch tatsächlich Pop sein.