POP 2014 Nackte Angst und heile Welt

Krautrock ist 2014 erneut ein Exportschlager. Nun erkennt man seinen künstlerischen Wert auch in Deutschland. Hip-Hop wird sprachgewandter und beschäftigt sich nun intensiv mit den Gefahren am rechten Rand. Einige deutschsprachige Popkünstler flirten derweil offen mit rechtspopulistischen oder faschistoiden Denkweisen. Wenigstens muss man sich um den Indie-Nachwuchs keine Sorgen machen.
 

Foto: Antilopen Gang
 

Das Memphis der elektronischen Musik

Seit Oktober 2014, als im Suhrkamp-Verlag Rüdiger Eschs Interviewband Electri_City erschienen ist, wissen wir, was die deutsche Entsprechung zur amerikanischen Rock’n’Roll-Wiege Memphis/Tennessee ist: Düsseldorf am Rhein. Elektronische Musik aus Düsseldorf lautet denn auch der selbstbewusste Untertitel von Eschs Buch, das - mehr als nur Elektronik - die Geschichte des Krautrock mit der Musikszene der rheinischen Stadt verortet.
Dazu passt, dass Popmusik aus Deutschland im europäischen, angloamerikanischen und asiatischen Ausland stark nachgefragt ist. Krautrock ist ein Hipster-Genre. Und zu einem nicht unbedeutenden Teil liegt das genau an der Geschichte dieses Stils, seinem Hang zum Klangexperiment und seiner vielfach vergriffenen Werke, die allmählich wieder zugänglich gemacht werden: Die Popularität von Krautrock-Bands ist immens. Auch Kraftwerk haben im Krautrock ihre Wurzeln. Die Klangwelt des experimentellen Ingenieurs macht sich auch der Alt-Dandy und Werbeprofi Friedrich Liechtenstein mit seinem ironischen Album Bad Gastein zu eigen. Krautrock gilt im Ausland schon längst auch als Gütesiegel für innovative Rockmusik. Und wird auch auf den Stil von zeitgenössischen Bands (wie etwa den Sound der britischen Gruppe Metronomy, die 2014 durchstartete) angewandt.
 
Seltsamerweise erwacht Krautrock in seinem Ursprungsland gerade erst wieder aus dem Dornröschenschlaf. Eben dafür sorgte auch 2014 Rüdiger Eschs Oral-History. Aus Interview-Zitaten mit Düsseldorfer Musikern und Kulturschaffenden ließ Esch die Zeit von 1968 bis 1985 sehr plastisch wieder auferstehen und stellte Verbindungen zwischen Krautrock, Punk und New Wave her, die für viele junge Popfans von heute vielleicht gar nicht so deutlich ausgeprägt waren. Und als gelungenes Beispiel der „Bundle-Politik“ der Musikindustrie veröffentlichte Herbert Grönemeyer auf seiner eigenen Plattenfirma Grönland Records analog zum Buch eine vielbeachtete Zusammenstellung mit den Bands, die in Electri_City erwähnt werden.

Die Hip-Hop-Kinder von Punk

Nicht nur die Pop-Geschichte ist in Düsseldorf auf einmal wieder lebendig. Aktuell sorgt die junge Düsseldorfer Rap-Crew Antilopen Gang für großes Aufsehen. Ihr Debütalbum Aversion war ein Überraschungserfolg des deutschsprachigen Hip-Hop 2014. Überraschend auch, weil das Album beim Label JKP der Toten Hosen erschienen war. Textlich kommen bei der Antilopen Gang tatsächlich Punk-Renitenz (die Rapper sollen Kinder von altgedienten Punks sein) und die Reimfähigkeit des Hip-Hop in Einklang. „Auferstanden aus Ruinen/Und der Zukunft zugewandt/Unsere Fahne ist verbrannt und ein toter Mann/ist unser Führer – yeah - es wird nie mehr so wie früher“ heißt es in ihrem Song Trümmermänner. Linke Politik und die Atmosphäre der selbstverwalteten Jugendzentren klingen im Sound der Antilopen Gang deutlich an. Aber die Künstler sind bereits weit über das Sprachgefühl des sogenannten Zeckenraps hinaus: Ein anderes Lied ihres Albums, Beate Zschäpe hört U 2 hat den eingängigen Refrain „Und aus dem Jenseits lacht Jürgen Möllemann/Holger Apfel fällt nicht weit vom Stamm/Max Mustermann zündet ein Flüchtlingsheim an/Deutschland, Deutschland, du tüchtiges Land“. Auch im Zuge der bundesweiten Pegida-Proteste eine Stimme, die Gehör findet.
 


Fortgeschrittener in seiner Karriere ist der Offenbacher Gangsta-Rapper Haftbefehl (Aykut Anhan). Fortgeschrittener auch in seiner ganz eigenen „Babo“-Rap-Sprache, die den hessischen Slang der Migranten im Rhein-Main-Gebiet mit hessischem Dialekt verhackstückt. „In die Fress’ Rap/Jetzt gibt’s Heckmeck“ reimte er in dem Song Ich rolle mit mei’m Besten zusammen mit dem Kollegen Marteria. Der Track ist auf seinem vierten, im Herbst 2014 erschienenen Album Russisch Roulette enthalten. Im Video prahlen die beiden Rapper, während neben ihnen zwei schöne Frauen eine Luxuskarosse in einer Tiefgarage mit Vorschlaghammer und Metallsäge zu Klump hauen. Bis Jahresende wurden von Russisch Roulette mehr als 250.000 Einheiten verkauft, für Deutschrap eine beachtliche Stückzahl. „Haftis“ Manager Erfan Boulanchi stellte klar: „Seriosität ist nicht immer die Stärke unseres Genres, doch die Entschlossenheit ... für den Erfolg hat viele positiv überrascht.“ Auch die Süddeutsche Zeitung war von Haftbefehls Entschlossenheit angetan und konzedierte anlässlich von „Russisch Roulette“ und seinem brummig-düsteren Sound einen „gewaltigen Schritt nach vorn“.

Einpeitschen am Hockenheimring

Eher auf der Stelle tritt hingegen die Karriere des Schauspielers Ben Becker. Fast gespenstisch verzweifelt wirkten daher auch seine beiden Auftritte am 21. und 22. Juni 2014 als kraftmeiernd brüllender Einpeitscher beim Comeback der berüchtigten Deutschrocker Die Böhsen Onkelz am Hockenheimring. „Hier wird nicht ein Stein auf dem anderen bleiben“, schrie er etwa ins Mikrofon. Einige deutschsprachige Pop und Rock-Künstler flirten inzwischen ganz offen mit rechten und rechtsradikalen Bilderwelten und Politik-Inhalten, das ist spätestens seit den Chartserfolgen der Südtiroler Schlagerband Freiwild mainstreamfähig. 2014 trat aber auch der Mannheimer R&B-Sänger Xavier Naidoo als Redner bei den rechtsgerichteten Montagsdemos in Aktion.

Mannigfaltig sind auch die neurechten Bezüge des selbsternannten österreichischen „Volks-Rock’n’Rollers“ Andreas Gabalier, auch er landet hierzulande immer wieder an der Spitze der Charts. Gabalier hat eine eigene Sendung im deutschen Fernsehen. Auf dem Cover seines Albums Der Volksrock'n'Roller nimmt er eine Haltung an, die sich als Hakenkreuz interpretieren lässt. Während der Fußball WM tourte er durch große Openair-Arenen und trat am 4. Juli 2014 in Berlin vor 20.000 Zuschauern in der ausverkauften Waldbühne auf. Gabaliers Texte apellieren an die heile Welt der Heimatfilme, folgen einer altmodischen Geschlechterordnung, es klingt, als wäre die Vorstellungswelt von Trachtenmode-Werbeprospekten plötzlich Realität geworden. In Österreich steht Gabalier der rechtspopulistischen Partei FPÖ nahe, die ihn immer wieder vor Kritik verteidigt. So auch, als er eine alte, bis 1946 gebräuchliche Version der österreichischen Nationalhymne sang.

Sie sind jung, selbstbewusst und brauchen das Geld

Was interessante neue Bands aus Deutschland angeht, so müssen zwei Nachwuchs-Talente erwähnt werden, die 2014 für Aufsehen sorgten. Das junge Hamburger Mädchenduo Schnipo Schranke erregte mit einer eigenwilligen Mixtur zwischen HipHop-Behauptungsgestus, Chanson-Inszenierung und selbstbewussten Texten großes Aufsehen. Ihr Song Pisse entwickelte sich zu einem veritablen Indie-Hit. Ihr Debütalbum wird 2015 erscheinen, eine erste Tour im September 2014 bescherte den beiden Frauen viel Anerkennung und gute Presse.

Auch Jens Friebe ließ mit seinem Album Nackte Angst zieh dich an, wir gehen aus aufhorchen. Der Berliner Künstler setzte darin süffige Songarrangements mit Billig-Elektronik-Instrumentarium in Bezug, reimte lyrisch ansprechend und landete damit irgendwo zwischen Violent Femmes, Georg Kreisler und Punk.

Mit Fun veröffentlichte das junge Stuttgarter Noise-Punk-Trio Die Nerven ein anspruchsvolles zweites Album, das sich vom Hype um die Band überhaupt nicht anstecken ließ und nahtlos beim Krachsound weitermachte, mit dem Die Nerven bekannt wurden. Gleich zweimal tourten Die Nerven durch Deutschland. Auch altgediente Künstler von Andreas Dorau über Blumfeld, Mutter bis zu den Sternen wurden 2014 wieder aktiv, veröffentlichten neue Platten und/oder gingen auf Tour.

Popmusik mit deutschen Texten wird nach wie vor von den Künstlern in der Tradition der so genannten Hamburger Schule dominiert. Das liegt auch an der Infrastruktur der Hamburger Musikszene, ihrer relativ familiären Einbindung in gewachsene subkulturelle Strukturen der Hansestadt. Wie etwa dem Verein Rockcity e.V., der jungen Künstlern mit Rat und Tat zur Seite steht.

Streamen und streamen lassen

Wie aber kann diese lokal geerdete deutsche Musikszene wirtschaftlich überleben? Wenn man sich die Entwicklungen am globalen Markt ansieht, erscheint die Lage besorgniserregend, was den Umsatz im digitalen Bereich betrifft. Beispiel Spotify. Der schwedische Streaming-Dienst wird inzwischen von mehr als 40 Millionen Usern weltweit genutzt, etwa ein Viertel davon zahlt dafür regelmäßig. Inzwischen werden die Rufe von Künstlern lauter, die sich weigern, ihre Werke von Spotify streamen zu lassen. Für einen abgerufenen Song entrichtet Spotify lediglich 0,6 Cent pro Download. Geld verdienen nur noch Superstars, die hohe Gagen erzielen und durch Spotify ihre Zielgruppe im Netz erweitern. Empfindlich getroffen wird der Mittelbau, Künstler, die, um über die Runden zu kommen, fast noch mehr auf Tour sein müssen und beständig Konzerte spielen. Erfreulich dagegen die Nachricht, dass 2014 so viele Vinyl-Alben verkauft wurden wie lange nicht mehr. Die Geiz-ist-geil-Mentalität hat sich nicht flächendeckend durchsetzen können. Auch junge Pophörer haben inzwischen eine Wertschätzung für den Werkcharakter von Alben entwickelt. Das Merchandising beim Konzert ist zu einer Art Devotionalien-Handel geworden, bei dem sich ein Stück Erinnerung an das Ereignis mit nach Hause nehmen lässt, was keine Handy-App und kein gepostetes Foto leisten kann. Beziehungsweise noch nicht.