Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

She She Pop
„Höflich, aber bestimmt an die Schamgrenze“

Seit 25 Jahren tritt die Performancegruppe She She Pop mit ihrem experimentellen Ansatz auf.
Seit 25 Jahren tritt die Performancegruppe She She Pop mit ihrem experimentellen Ansatz auf. | Foto (Zuschnitt): © She She Pop

Das Theaterensemble She She Pop feiert 25-jähriges Bestehen. Ein Blick auf die Berliner Künstlergruppe, die vor allem zweierlei ausmacht: die Interaktion mit dem Publikum und das Behandeln von heiklen, oft schambesetzten Themen. 

Von Romy König

Für eine Sekunde schaut der Mann fassungslos. Da spricht der eigene Sohn auf offener Bühne über Höchstpersönliches, unterstellt dem Vater Ekel vor „körperlichen Details“, mahnt ihn, „da müssen wir ran, Papa, wenn ich dich irgendwann einmal pflegen soll“. Der sitzt daneben und muss es aushalten. Der Sohn ist zwar nur ein Schauspieler, ein Mitglied der Performancegruppe She She Pop. Der Vater jedoch ist sein leiblicher Vater. Wäre es nicht auf der Bühne, würden sie sich diese Dinge wohl kaum direkt ins Gesicht sagen.
 
Der Schreckmoment währt nur kurz, schnell wird wieder gelacht und ironisch geschmunzelt, und doch zeigt dieser kurze Augenblick, welche Beklemmung Theater auslösen kann. Es sind heikle Themen, die She She Pop seit 25 Jahren auf die Bühne bringen. Themen, die oft genug lieber verschwiegen werden. In ihrem Stück Testament ist das etwa die Frage, wie Eltern und ihre erwachsenen Kinder ihre „Verbindlichkeiten regeln“, wie Ensemblemitglied Sebastian Bark es einmal formulierte: Wer pflegt den Vater, wenn dieser bettlägerig wird? Verpflichtet Erbe auch zu Pflege? Und wie halten beide Parteien später die ungewohnte körperliche Nähe aus?

  • Wie regeln Eltern und Kinder ihre „Verbindlichkeiten“? Im Stück „Testament“ der Performancegruppe She She Pop diskutieren die Schauspieler mit ihren Vätern über Pflege im Alter. Foto (Zuschnitt): © She She Pop
    Wie regeln Eltern und Kinder ihre „Verbindlichkeiten“? Im Stück „Testament“ der Performancegruppe She She Pop diskutieren die Schauspieler mit ihren Vätern über Pflege im Alter.
  • Tabuthemen werden dabei auch schonmal Schwarz auf Weiß festgehalten, wie hier auf einer Tafel unter anderem der „Ekel vor Körperlichkeit“. Foto (Zuschnitt): © She She Pop
    Tabuthemen werden dabei auch schon mal Schwarz auf Weiß festgehalten, wie hier auf einer Tafel unter anderem der „Ekel vor Körperlichkeit“.
  • Über Eigentum spricht man unter Freunden selten, bei She She Pop aber sogar auf der Bühne: Das Stück „Oratorium“ behandelt Eigentums- und Besitzverhältnisse. Foto (Zuschnitt): © She She Pop
    Über Eigentum spricht man unter Freunden selten, bei She She Pop aber sogar auf der Bühne: Das Stück „Oratorium“ behandelt Eigentums- und Besitzverhältnisse.
  • Das Publikum wird dabei häufig miteinbezogen, hier in „Oratorium“ unter anderem durch Leinwandanweisungen. Foto (Zuschnitt): © She She Pop
    Das Publikum wird dabei häufig miteinbezogen, hier in „Oratorium“ unter anderem durch Leinwandanweisungen.
  • Im Stück „Schubladen“ stehen sich Frauen aus Ost- und Westdeutschland gegenüber. Foto (Zuschnitt): © She She Pop
    Im Stück „Schubladen“ stehen sich Frauen aus Ost- und Westdeutschland gegenüber.
  • Aus ihren Schubladen holen sie öffentliche, historische Texte ebenso wie private Erinnerungen und erzählen anhand dessen eine subjektive deutsch-deutsche Geschichte. Foto (Zuschnitt): © She She Pop
    Aus ihren Schubladen holen sie öffentliche, historische Texte ebenso wie private Erinnerungen und erzählen anhand dessen eine subjektive deutsch-deutsche Geschichte.

Das Theater als „Schutzraum“

Das Kollektiv She She Pop lotet die Grenzen der Kommunikation aus, das Theater dient ihnen dazu nach eigener Aussage als „Schutzraum“. Gegründet in den 1990er-Jahren von Studentinnen der Angewandten Theaterwissenschaften in Gießen, der Keimzelle des Postdramatischen Theaters. Heute ist die Gruppe in Berlin ansässig und hat ihre künstlerische Heimat am Theater Hebbel am Ufer (HAU) gefunden. Hier finden viele Uraufführungen statt, bevor sie deutschland-, teils auch europaweit auf Tour gehen, und hier feierte das Kollektiv im Herbst 2018 mit einer großen Theatergala sein Jubiläum. Mit Häusern wie den Münchner Kammerspielen, dem Schauspiel Stuttgart, Kampnagel Hamburg, dem Forum Freies Theater in Düsseldorf, dem Theatre de la Ville Paris und dem brut Wien entstanden in den letzten Jahren Ko-Produktionen. 
 
In den knapp 30 Stücken, die She She Pop in ihren ersten 25 Jahren geschrieben, dramaturgisch umgesetzt und inszeniert haben, verarbeiten sie ihre eigenen Biografien und reflektieren aktuelle gesellschaftliche Tendenzen. In einer ihrer ersten Produktionen, dem zur Jahrtausendwende entstandenen Live!, griffen sie den damals aufkeimenden Selbstinszenierungshype auf. Im Stück Schubladen stellen sie – 22 Jahre nach der Wiedervereinigung – Erfahrungen von ost- und westdeutschen Frauen gegenüber. 
 
Immer wieder beziehen sich die Künstler auch auf kanonische Texte: In Unendlicher Spaß werden Szenarien des gleichnamigen Romans von David Foster Wallace reflektiert, in She She P. ist die Marquise von O. die verschiedenen Themen des Kleist-Stücks – Schuld, Scham, Macht und Ohnmacht – durchgespielt. Und auch die mehrfach ausgezeichnete Produktion Testament arbeitet sich an einem Klassiker ab: Pate stand Shakespeares King Lear mit den Fragen nach Erbe, Liebe und Absprachen unter Generationen.

Begegnung mit Publikum als Markenzeichen

Sieben Mitglieder zählt das Kollektiv heute: Neben Sebastian Bark sind das Johanna Freiburg und Fanni Halmburger sowie – von Anfang an mit dabei – Berit Stumpf, Lisa Lucassen, Mieke Matzke und Ilia Papatheodorou. Hierarchien gibt es keine. So können sich die Künstler auf das konzentrieren, was ihre Arbeiten so besonders macht: das Experimentelle und das Spiel mit Gästen und Publikum. 
 
Mit seinen Zuschauern knüpft She She Pop den Bund einer Gemeinschaft. Mal sind sie nur Zeugen, häufiger jedoch Mitakteure. Die Ensemblemitglieder performen Gameshows oder Seifenopern mit ihrem Publikum, lassen Zuschauer in ihre Kostüme schlüpfen oder animieren sie, die Schauspieler zu attackieren. Die Grundidee der Künstler ist laut Ensemble-Mitbegründerin Lisa Lucassen, „sich selbst, die eigene akute Erfahrung als Beispiel einzusetzen – und die Begegnung mit dem Publikum als experimentellen Testfall einer öffentlichen Konfrontation zu gestalten“. Eine Art Doppelstrategie, die mittlerweile zum Markenzeichen der Gruppe geworden sei. 
 
Dabei stellen sie das Experiment in den Vordergrund. Im Rahmen der Saarbrücker Poetikdozentur für Dramatik, mit der She She Pop im Sommer 2018 ausgezeichnet wurde, erklärte Lucassen in einer Vorlesung: „Es wird ein Versuchsaufbau eingerichtet, in dem alle Anwesenden Entscheidungen treffen, die ernst und spielerisch zugleich sind, in dem Haltungen eingenommen und gewissermaßen anprobiert werden können.“ In einigen Stücken werde das Publikum dabei eben „höflich, aber bestimmt an seine Schamgrenzen geführt“. 
 
Auch in ihrem jüngsten Stück, Oratorium, das nach einigen Vorabschauen im Februar 2018 im HAU Premiere feierte, weist die Gruppe dem Publikum eine aktive Rolle zu. Themen sind die Macht des privaten Eigentums und die Verteilung von Gütern. Das Publikum wird mittels Leinwandanweisung in soziale Gruppen eingeteilt: „situierte Rentner“, „Mütter mit prekärer Altersabsicherung“, „junge Männer ohne festes Einkommen“. Sie alle erhalten einen auf sie zugeschnittenen Text. In einem eröffnenden, vielstimmigen Publikumsmonolog beginnen sie zu sprechen. „Privates Eigentum ist ein Thema, das Gesellschaften spaltet und Freunde und Freundinnen trennt“, erklärt Lucassen. „Die meisten Leute reden nicht gerne darüber, was sie haben oder nicht haben.“

 

Top