Musiktheater für Kinder Mit den Ohren sehen und mit den Augen hören

Das Zweite Symposium zum zeitgenössischen Musiktheater für Kinder am Oldenburgischen Staatstheater (22. bis 24. November 2012); © Andreas J. Etter
Das Zweite Symposium zum zeitgenössischen Musiktheater für Kinder am Oldenburgischen Staatstheater (22. bis 24. November 2012) | Foto (Ausschnitt): © Andreas J. Etter

Im November 2012 versammelte das Zweite Symposium zum zeitgenössischen Musiktheater für Kinder am Oldenburgischen Staatstheater rund hundert Fachleute aus der Oper und dem Kinder- und Jugendtheater, die bereit sind, tradiertes Spartendenken aufzubrechen und gemeinsam darüber nachzudenken, was eine gelungene zeitgenössische Musiktheaterproduktion für das junge Publikum ausmacht.

Die Teilnehmer des Symposiums befassten sich mit der Frage: „Was zeichnet eine gelungene zeitgenössische Musiktheaterproduktion aus?“ Dazu standen beispielhaft fünf sehr verschiedene Aufführungen aus Deutschland und den Niederlanden auf dem Programm. In Fachvorträgen, Arbeitsgruppen und Publikumsgesprächen fand eine kritische Auseinandersetzung mit den Produktionen statt. Organisiert und konzipiert wurde das Symposium in Zusammenarbeit mit dem Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland und der Internationalen Vereinigung des Theaters für Kinder und Jugendliche (ASSITEJ).

Insbesondere beschäftigte die Teilnehmenden aus Deutschland und dem europäischen Ausland die Frage, wie Musik, Text und Szene sich zueinander verhalten, wie sie erzählen und welche Wechselwirkungen sich aus den jeweils eigenen Ausdrucksqualitäten ergeben. Schließlich unterscheidet sich das Musiktheater vom Sprechtheater dadurch, dass das „Publikum Musik hört“, so Matthias Rebstock, Professor für Szenische Musik an der Universität Hildesheim, in einer Diskussion. Dabei spiele der Musiker als Akteur, der nicht nur sichtbar auf der Bühne Musik herstelle, sondern frei und ohne Notenpult zum Mitspieler würde, eine wesentliche Rolle.

Vielfalt statt Formenkanon

Melanie Unseld, Professorin für Kulturgeschichte der Musik an der Universität Oldenburg, forderte vom zeitgenössischen Musiktheater, sich der narrativen Engführung von Musik ebenso zu entziehen, wie der Trennung zwischen U- und E-Musik. Stattdessen soll es sich jener Variationsbreite öffnen, die sich in der Vielfalt der Musik der Gegenwart, in der Transkulturalität der Gesellschaft und im Wandel der Geschlechterrollen zeigt.

Neue Musiktheaterwerke entstehen im Aufeinandertreffen von Kinder- und Jugendtheatermachern und Opernschaffenden heute vielfach in experimentellen Prozessen. Autoren und Komponisten stehen hier vor besonderen Herausforderungen, denn sie liefern nicht mehr allein das fertige Stück. Sie sind beteiligt an einem gemeinsamen Produktionsprozess mit den Ensembles, in dem möglichst lange alles offengehalten werden soll. Dadurch sind die Produktionsprozesse aufwendig, gliedern sich in verschiedene Arbeitsphasen und müssen mit Dispositionsgeschick in den laufenden Theaterbetrieb eingepasst werden.

Zeitgenössische Musiktheaterproduktion für Kinder ist praktische Forschung

Anselm Dalfert, Musiktheaterdramaturg am Nationaltheater Mannheim, beschrieb einen solchen Produktionsprozess an der Jungen Oper als angewandte Forschung, da es keine Regeln gebe. Die in der Praxis gewonnenen Erkenntnisse fließen wieder in die praktische Erarbeitung einer Uraufführung ein. Das setzt jedoch voraus, das die beteiligten Partner, die vom Kindertheater oder vom Musiktheater kommen, voneinander wissen müssen, was der jeweils andere kann und ein grundsätzliches Verständnis für Komposition miteinander teilen.

Wie verschiedenartig zeitgenössisches Musiktheater für Kinder sein kann, zeigten die fünf eingeladenen Uraufführungen: Das gastgebende Oldenburgische Staatstheater spielte zur Eröffnung die Bühnenproduktion Sturmkind von Hannes Dufek und Finnigan Kruckemeyer. Ente, Tod und Tulpe nach Wolfgang Erlbruchs Kinderbuch mit einer Komposition von Leo Dick, vom Theater Pfütze aus Nürnberg, kam ganz ohne Gesang aus, arbeitete aber mit gestischer Musik und genauer Bewegungssprache. Der unsichtbare Vater von Juliane Klein und Amelie Fried, eine mobile Produktion der Jungen Oper Stuttgart, beteiligte das gesamte Publikum am Bühnenvorgang. Die Mannheimer Junge Oper zeigte Eisberg nach Sizilien von Kurt Schwertsik nach Friedrich Karl Wächters Kindertheaterstück. Und Goud von Leonard Evers und Flora Verbrugge, eine Aufführung des Jeugdtheater Sonnevanck aus Enschede überzeugte mit einem Musiker und einer Sänger-Darstellerin, die die alte Geschichte vom Fischer und seiner Frau aus der Perspektive des Kindes erzählte.

Neuland betreten

Auf dem Symposium wurde deutlich, dass weder die Experten des Kinder- und Jugendtheaters noch die der Oper derzeit über gesicherte Erkenntnisse, gar einen Kanon der Formen verfügen, der definieren könnte, was zeitgenössisches Musiktheater für Kinder ist. Bei der Suche nach einer derartigen Definition müssen sich die Fachleute offen darüber verständigen, wie sie dieses Experimentierfeld gemeinsam gestalten wollen.

Die Diskussionen, auch darüber, wie die Ausbildung von Musikern und Sängern sich verändern muss, werden weitergeführt, zum Beispiel in der Arbeitsgruppe Musiktheater für ein junges Publikum der ASSITEJ, oder auf zukünftigen Fachtagungen, vor allem aber dort, wo die neuen Werke entstehen: in den Produktionsteams, in den Theaterhäusern, und mit den Verbänden, die die räumlichen, zeitlichen, personellen und budgetären Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass experimentelle Arbeitsformen ein selbstverständlicher Bestandteil der Werkschöpfung werden.