„Augenblick mal!“-Festival Bedeutsam, herausragend, impulsgebend

Das Kuratorium von Augenblick mal 2013 von links nach rechts. Andrea Zagorski (Kuratorin), Heike Albrecht (Kuratorin), Helmut Wenderoth (Kurator), Dr. Manfred Jahnke (Kurator), Dr. Gerd Taube (Künstlerischer Leiter Augenblick mal! 2013), Annett Israel (Koordinatorin Kuratorium und Mitarbeiterin KJTZ in Berlin), Alexandra Luise Gesch (Kuratorin), Bernd Mand (Kurator); Foto: Jörg Sobeck
Das Kuratorium von Augenblick mal 2013 von links nach rechts. Andrea Zagorski (Kuratorin), Heike Albrecht (Kuratorin), Helmut Wenderoth (Kurator), Dr. Manfred Jahnke (Kurator), Dr. Gerd Taube (Künstlerischer Leiter Augenblick mal! 2013), Annett Israel (Koordinatorin Kuratorium und Mitarbeiterin KJTZ in Berlin), Alexandra Luise Gesch (Kuratorin), Bernd Mand (Kurator) | Foto (Ausschnitt): Jörg Sobeck

Die zwölfte Ausgabe des Festivals „Augenblick mal!“, der Biennale für deutschsprachiges Kinder- und Jugendtheater, die vom 23. bis 28. April 2013 stattfand, wirkte überaus erwachsen und am Puls der Zeit.

Das Theatertreffen macht es vor: 50 Jahre und kein bisschen müde. „Augenblick mal!“, die Biennale für deutschsprachiges Kinder- und Jugendtheater, hat zwar erst 22 Jahre auf dem Buckel, doch die zwölfte Ausgabe des Festivals vom 23. bis 28. April 2013 wirkte überaus erwachsen und am Puls der Zeit. Hellwach und bestens gelaunt, war „Augenblick mal!“ 2013 wieder Hotspot der Szene und Plattform für fachlichen Diskurs.

Verantwortlich für die hohe Qualität des Festivals zeichnete Gerd Taube, langjähriger Künstlerischer Leiter von „Augenblick mal!“. Er stellte in seinem Grußwort die zentrale Grundfrage: „Wie denken wir die Zukunft unserer jungen Zuschauer und wie werden wir in Zukunft für sie produzieren?“

Zehn Inszenierungen wurden von sechs Kuratorinnen und Kuratoren ausgewählt. Bernd Mand, Andrea Zagorski, Heike Albrecht, Manfred Jahnke, Alexandra Gesch und Helmut Wenderoth sichteten über 200 Inszenierungen. Die Auswahl sollte „bedeutsam, herausragend und impulsgebend“ sein – so die Kriterien, die im Vorfeld vereinbart worden waren. Das genaue Hinsehen hatte sich gelohnt: Die diesjährige Auswahl bestach durch eine radikal zeitgenössische Art, Theater für ein junges Publikum zu denken und zu produzieren.

Am Puls der Zeit

Die Inszenierung LIQUIDs (Fundus Theater / Forschungstheater, Hamburg) steht beispielgebend für ein Theater, das die Faszination für wissenschaftliches Forschen weckt, ganz auf eine Geschichte verzichtet und stattdessen als Lecture Performance daherkommt. Die Performer sind hierbei Forscher, Gastgeber und Zauberer zugleich, während die Kinder aufgefordert sind, zu tasten, zu schmecken und Fragen zu stellen.

Die Inszenierung Der Junge mit dem Koffer beruht hingegen auf einer klassischen Stückvorlage, die die Geschichte eines jungen Flüchtlings erzählt. Es geht um die Konfrontation mit anderen Kulturen und Lebensweisen, die sich in der Art der Koproduktion widerspiegelt: Das Schnawwl, das Theater für junges Publikum am Nationaltheater Mannheim, hat sich im Rahmen des Fonds der Bundeskulturstiftung Wanderlust über einen Zeitraum von drei Jahren mit dem indischen Ranga Shankara Theater aus Bangalore zusammengetan.

Komplexe Welt

An beiden Inszenierungen lässt sich ablesen, welches Welt- und Menschenbild derzeit bei den Machern des Kinder- und Jugendtheaters vorherrscht: Es ist das Bild einer komplexen Welt, in der weder ewige Wahrheiten noch Sicherheiten propagiert werden. Eine Welt, in der nahezu unendliches Wissen im Internet bereitgestellt wird. In der es tausend Möglichkeiten gibt, zu kommunizieren und zusammenzuarbeiten. Eine Welt, die wie ein Dschungel wirkt. Es gilt, diesen Dschungel mit der größtmöglichen Lust zu erforschen und zu entdecken. Die ausgewählten Inszenierungen machen deutlich, dass lauthals zu lachen – wie bei Alice im Wunderland vom Jungen Schauspielhaus Hamburg – dabei ebenso unerlässlich ist, wie eine eigene (politische) Haltung zu entwickeln, wie in Weißbrotmusik vom Theater Stahl Berlin.

Die Frage nach einer Politisierung des Kinder- und Jugendtheaters wurde im Internationalen Programm Facing Reality nochmals aufgegriffen und vertieft: Die Gastspiele aus Irland, Kroatien und Ungarn thematisierten auf ganz unterschiedliche Weise soziale Missstände. Ob es um den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in irischen katholischen Einrichtungen ging, um die von starren Konventionen geprägte Landgesellschaft Transsylaviens oder den Mord an einem jungen Mann im Zentrum Zagrebs – immer stand die Frage nach der Verantwortung des Staates und des Einzelnen im Zentrum des Geschehens.

Neue Impulse

Ein Festival gelingt nicht nur, wenn die ausgewählten Inszenierungen zum Streiten und gemeinsamen Nachdenken anregen. Ein Festival ist erst dann gelungen, wenn das Rahmenprogramm es schafft, die Eindrücke des Publikums zu bündeln und in unterschiedlichen Formaten zu verarbeiten. „Augenblick mal!“ 2013 bot dafür zahlreiche Gelegenheiten für jede Zielgruppe an: Inszenierungsgespräche für deutschsprachiges Fachpublikum, Publikumsgespräche für Zuschauerinnen und Zuschauer, Foren für Studenten, Treffen für internationale Gäste. Das Theater an der Parkaue und das Grips Theater erwiesen sich dabei als perfekte Gastgeber.

Die Messlatte hängt hoch für „Augenblick mal!“ 2015 – sowohl im Hinblick auf die Zusammensetzung des Kuratoriums als auch den Erfindungsreichtum der Organisatoren. Möge die Wachheit erhalten bleiben!