Tschick Eine Romanadaptation wird zum Bühnenkult

„Tschick“ am Hans-Otto-Theater Potsdam, Regie: Sascha Hawemann, v.l.n.r.: Eddie Irle (Tschick), Florian Schmidtke (Maik), Juliane Götz (Isa); © HL Böhme
„Tschick“ am Hans-Otto-Theater Potsdam, Regie: Sascha Hawemann, v.l.n.r.: Eddie Irle (Tschick), Florian Schmidtke (Maik), Juliane Götz (Isa) | Foto (Ausschnitt): © HL Böhme

Wolfgang Herrndorfs Jugendbuch wurde innerhalb eines Jahres nach seiner Veröffentlichung und Bearbeitung zum meistgespielten Jugendstück deutschsprachiger Bühnen.

In Anspielung auf den großen Freiheitsroman des Beatniks Jack Kerouac On the Road von 1957 meinte der Sänger und Dichter Adam Greene einmal: „Ich werde das On the Road für meine Generation schreiben. Es wird Bleib zuhause heißen.“ – „Bleib zuhause“, das ist das angemessene Credo in einer Zeit, da Wirklichkeit bevorzugt via Smartphone, Fernseher oder Internet aufs heimische Sofa drängt. Kein Wunder also, dass nicht wirklich zu erwarten stand, dass unsere Epoche noch einmal eine gültige Erzählung vom großen Ausbruch kriegen würde – vom Leben unterwegs, von den Lockungen abseits des Mainstreams, also vom Schlage eines On the Road. Bis Wolfgang Herrndorfs Tschick herauskam.

Jugendklassiker und Kultstück

Die Geschichte zweier Jugendlicher, die sich in den Sommerferien einen Lada klauen, um in die Walachai zu fahren, de facto dann aber irgendwo in Brandenburg und Sachsen herumirren und allerlei schrulligen Einheimischen begegnen, sorgte schon 2010 beim Erscheinen für Furore. „Auch in fünfzig Jahren wird dies noch ein Roman sein, den wir lesen wollen. Aber besser, man fängt gleich damit an“, jubelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Es hagelte Preise, unter anderem den Deutschen Jugendliteraturpreis 2010, und die Aufnahme in den Kanon der Schulliteratur. Dort reiht sich das Werk nun zu ähnlichen Antiestablishment-Klassikern wie Goethes Werther, J.D. Salingers Fänger im Roggen oder Hermann Hesses Unterm Rad, Bücher, die Herrndorf in seinem Blog Arbeit und Struktur im Kontext von Tschick thematisiert. Die Prognose, dass dieses Werk auch in fünfzig Jahren noch gelesen werden wird, dürfte sich locker bewahrheiten.

Nahezu parallel zu dem Bucherfolg setzte des Bühnenphänomen Tschick ein. 2011 brachte das Staatsschauspiel Dresden den Roman in der bisher einzigen vom Rowohlt Verlag autorisierten Bühnenfassung des Dresdner Chefdramaturgen Robert Koall heraus. Der Plan zur Bühnenumsetzung sei noch vor dem Siegeszug des Romans gefasst worden, betonte Koall in einem Interview. Er war mit Herrndorf befreundet, hatte das Manuskript bereits vor der Drucklegung gelesen. Zur Uraufführung kam Tschick auf der kleinen Studiobühne mit knapp einhundert Plätzen. Bald darauf ist die Inszenierung von Jan Gehler auf die Hauptbühne im Kleinen Haus mit rund vierhundert Plätzen verlegt worden; im Februar 2014 wurde die 100. Aufführung gefeiert. Auch andernorts füllt Tschick die Häuser. 50 Bühnen in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben Koalls Romanadaption bis zum März 2014 gespielt. Weitere neun Inszenierungen sind bereits vereinbart. Was ist also dran, an diesem Bühnenrenner?
Staatsschauspiel Dresden: „Tschick“ nach dem Roman von Wolfgang Herrndorf (Youtube)

Eine große Reise

Tschick ist beileibe kein Roman, der sich für eine Theaterumsetzung aufdrängt. Während die derzeit oft gespielten Realisten wie Thomas Mann, Fjodor Dostojewski oder Lew Tolstoi ihre Epik vom Dialog her konzipierten und reichlich szenisches Futter für klassische Formen der Dramatisierung bieten, lebt Tschick ganz von der Tonspur des Erzählers, ist also durch und durch narrativ.

Und dieser Erzähler ist ein Wunderwerk an juvenilem Halbwissen: Wenn die Jungs etwa am Beginn ihres Roadtrips im geklauten Lada eine Musikkassette entdecken, klingt das so: „Sie hieß The Solid Gold Collection von Richard Clayderman, und es war eigentlich keine Musik, eher so Klaviergeklimper, Mozart.“ So wird hier permanent mit doppelbödigem Witz gespielt. Auf der Oberfläche ist das Werk perfekt jugendkompatibel und von authentisch anmutendem Jugendsprech durchzogen. „Stilistisch fragwürdige Pennälerprosa mit Allerweltseinfällen“, so charakterisierte es Herrndorf in seinem Blog. Aber unter der Oberfläche transportiert es seine Pointen für einen maximal informierten Leser, der versteht, wieso es ziemlich unverschämt, aber auch nicht völlig falsch ist, den Unterhaltungspianisten Clayderman mit Mozart in einen Topf zu werfen.

In seinem Pointen-Spiel ist das Buch von Popkultur und Medienwissen durchdrungen. Die Helden, Maik Klingenberg und Andrej Tschichatschow alias Tschick, sind zuhause in der Welt des Fernsehens und der Computerspiele wie Grand Theft Auto und ihre unfallreiche Tour durch die Provinz liest sich durchaus wie eine Verlängerung solcher Spieleerfahrungen, wie der Literaturwissenschaftler Moritz Baßler unlängst nachwies. Ob die „Walachei“, in die sie aufbrechen wollen, ein realer Ort ist, oder nur eine Redewendung wie „Jottwehdeh“ oder „Dingenskirchen“, klären die Jungs über Wikipedia. Herrndorfs Tschick weiß an jeder Stelle genau um den Medienhorizont ebenso wie um seine literarischen Vorlagen wie Salingers Fänger im Roggen oder um das Genre der Roadmovies, denen die Romanhandlung nachempfunden ist. In diesem Sinne löst sich das Diktum von Adam Greene hier durchaus ein: Tschick ist ein On the Road für die Generation „Bleib zuhause“.

Adaption für die Bühne

Koall hat überaus folgerichtig eine Bühnenbearbeitung geschaffen, die stark auf die Erzählerrede vertraut und zugleich treu die Handlungsstationen des Romans abschreitet. Er platziert das Werk damit in der neueren Tradition eines betont epischen Theaters, wie es etwa Armin Petras pflegt. Maik führt als Erzähler frontal vor dem Publikum durch die Handlung. Punktuell wird seine Rede von dialogischen Spielszenen unterstützt: vom Besuch bei einer Öko-Familie oder dem Zusammentreffen mit der verlotterten, aber erotisch anziehenden Isa.

Die Gefahr, in diesen schnell gezeichneten Szenen in chargenhafte Karikaturen zu verfallen, ist nicht gering. Das gilt insbesondere, wenn man wie Sascha Hawemann in Potsdam die Spieler mit Hilfe von Perücken und Verkleidungsspielchen regelmäßig zwischen den Hauptfiguren Maik, Tschick und Isa und dem übrigen Personal des Romans wechseln lässt. Dem Appeal tut solch eine Karikierung bei einem comedy-gestählten Jugendpublikum gleichwohl keinen Abbruch, sie schrumpft lediglich die bewusst „coole“ Haltung der Vorlage.

Zwei größere Veränderungen nimmt Koalls Bühnenfassung gegenüber dem Roman vor: Anders als im Buch wird der Protagonist Maik im Finale nicht vor die Wahl zwischen seinem Schwarm, der „superporno“ aussehenden Klassenkameradin Tatjana, und der Reisebekanntschaft Isa gestellt. Die Rückkehr zu Tatjana fehlt, alles weist in Richtung Isa, der jungen Wilden von der Müllkippe. Ein Umstand, den Koall selbst bedauert, der aber dramaturgischen Überlegungen verpflichtet sei: „Ab dem Moment, an dem der Roadtrip vorbei ist, geht die Energie der Handlung auf ein Ende hin“, sagt er. Da mussten Szenen aus dem Schlussteil des Buches wegfallen.

Und Koall macht Tschick erstmals selbst zum Erzähler für die finale Gerichtsverhandlung, auf der der Autodiebstahl, die Unfallfahrten und allgemein die „Verwahrlosung“ der Jungen verhandelt werden (Tschick, das Einwandererkind, stammt aus ärmeren Verhältnissen; Maik gilt als wohlstandsverwahrlost). So bekommt der Titelheld, der im Romanfinale auf beunruhigende Weise abwesend ist, bei ihm noch einmal eine prominente Rolle. Und das Finale schaut mehr nach Happy End aus. Es rückt so stärker ins jugendliterarisch Genrehafte.