25 Jahre Kinder- und Jugendtheaterzentrum Unser Thinktank

Das Logo des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland
Das Logo des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland | © Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland

1989 wurde eine Institution gegründet, die weltweit einmalig ist: das Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland mit Sitz in Frankfurt am Main. Theatermacher, Kulturpolitiker und Wissenschaftler nennen es liebe- und respektvoll „unser Zentrum“.

Rechtsträger des Zentrums war und ist die ASSITEJ Bundesrepublik Deutschland (Association Internationale du Théâtre de l’Enfance et la Jeunesse), die Interessenvertretung des professionellen Theaters für Kinder und Jugendliche. Der ehrenamtliche Vorstand der ASSITEJ als kulturpolitischer Verband hatte es im Auftrag des Bundesjugendministeriums eingerichtet und sich mit dem Zentrum sein wichtigstes Instrument geschaffen.

„Das Zentrum dient der Entwicklung des Kinder- und Jugendtheaters und seiner Einbeziehung in alle Bereiche der Jugendhilfe. Dabei berücksichtigt es, dass das Kinder- und Jugendtheater nicht nur Mittel, sondern auch Gegenstand der Erziehungs- und Bildungsarbeit ist“, heißt es in der vom Bundesjugendministerium bei der Gründung des Zentrums erlassenen Ordnung. Damit war von Anfang an festgeschrieben, sich dem Theater für Kinder und Jugendliche und dem Theater mit Kindern und Jugendlichen zu widmen. Arbeitsbereiche sind der internationale und nationale Austausch, die Aus- und Weiterbildung, Information und Dokumentation sowie die Autorenförderung.

Gründungsjahre

Die Gründung des Zentrums ist fest an die Person Wolfgang Schneider gebunden, dem ersten Leiter des Zentrums. Die Eröffnung fand am 1. Dezember 1989 im Rahmen des ersten Frankfurter Autorenforums statt, das bis heute eine der wichtigen Veranstaltungen des Zentrums ist und auch 2014 den Geburtstagsrahmen bildet. Wolfgang Schneider stellte sich kämpferisch, zielorientiert und mit diplomatischem Geschick den besonderen Aufgaben als Zentrumsleiter in den ersten Jahren. Es galt nicht nur eine Institution zu etablieren und ein Team zusammenzustellen, Veranstaltungen, Formate und Publikationsreihen zu entwickeln, sondern auch, sich dem rasant durch die deutsche Wiedervereinigung veränderten Umfeld gerecht zu werden und gesamtdeutsche Strategien zu entwickeln.

Wolfgang Schneider, Christel Hoffmann und Henning Fangauf, heute dienstältester Mitarbeiter im Zentrum, waren wichtige Partner im Zusammenschluss der ASSITEJ Sektionen der DDR und der Bundesrepublik im Jahr 1991. Aus dieser Historie heraus ist das Zentrum bis heute neben seinem Sitz in Frankfurt am Main auch in Berlin ansässig. Im neunten Jahr seines Bestehens konnte Jürgen Flügge als erster Vorsitzender der ASSITEJ dem Zentrum bestätigen, dass das Kinder- und Jugendtheater in ihm „endlich eine geistige Heimat“ gefunden habe. Es sei zu einem „Aktivposten für das Kindertheater der Welt“ geworden.

Im April 1991 konnte Wolfgang Schneider zum ersten Deutschen Kinder- und Jugendtheatertreffen nach Berlin einladen. Anfangs als deutsch-deutscher Austausch geplant und durch die Wiedervereinigung zur gesamtdeutschen Veranstaltung gewachsen, konnte die damalige Bundesjugendministerin Angela Merkel das bis heute größte Projekt des Zentrums aus der Taufe heben. Nationaler und internationaler Austausch, künstlerische und theaterpädagogische Weiter-, Aus- und Fortbildung verbinden sich seitdem auf dieser Biennale. Als zweite traditionsreiche Veranstaltung etablierte das Zentrum im Gründungsjahr das Frankfurter Autorenforum.

Neuer Leiter

Im August 1997 übernahm Gerd Taube die Leitung des Zentrums und die künstlerische Leitung der nationalen Biennale „Augenblick mal!“, wie das Theatertreffen der Kinder- und Jugendtheater in Berlin seitdem heißt. Im Herzen der Arbeit des Zentrums steht als erstes Ziel die Weiterentwicklung des Kinder- und Jugendtheaters als Kunst. Daneben ist die Teilhabe aller Kinder und Jugendlichen an der Darstellenden Kunst das zweite wichtige Ziel. Die acht festen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Zentrums sind unter diesem Leitbild zum Thinktank der Kinder- und Jugendtheater-Welt geworden. Hand in Hand arbeitet es mit der und für die ASSITEJ, deren Geschäftsführerin auch die Verwaltungsleiterin des Zentrums ist und räumlich im Zentrum Frankfurt arbeitet. Mit einem Gesamtetat von rund einer Million Euro ausgestattet, vertritt das Zentrum heute eigenständige Linien, begleitet die praktische Arbeit der Mitglieder kritisch und vernetzt Akteure und Institutionen auf allen Ebenen national und international.

Exemplarisch stehen dafür neben der Autorenförderung drei große Strategien des Zentrums, das hier Hand in Hand mit der ASSITEJ wirkt. Diese Strategien haben die deutsche Theaterlandschaft verändert: Die großen Theater der DDR konnten in ihrem Bestand gerettet werden, indem sie zu Kinder- und Jugendkulturzentren erweitert wurden (1990–1996). Mit dem Projekt-Vorstoß „Theater von Anfang an“ hat das Zentrum maßgeblich dazu beigetragen, dass deutschlandweit heute darstellende Kunst für Kleinkinder entwickelt wird (2005–2008). Im Oktober 2014 lud das Zentrum zur Fachtagung des sechsten Deutschen Kinder-Theater-Fests in Stuttgart ein (seit 2004).

Bei diesen wie allen Projekten geht es dem Zentrum immer um die Steuerung der ästhetischen, kulturellen und sozialen Diskussionen anhand von Kunsterlebnissen. Nie tritt das Zentrum allein auf: Vorbildhaft und ganz seinem Netzwerk-Auftrag entsprechend ist es immer ein Ausrichter von vielen. Es vereint Partner aus der Praxis, der Wissenschaft, dem In- und Ausland und natürlich Geldgeber. Dabei ist es offen für Impulse der ASSITEJ-Mitglieder und sucht den direkten Austausch.

Auch die eigene Position wird stetig überprüft. Die Umbenennung des „Augenblick mal!“-Untertitels in „Das Festival des Theaters für junges Publikum” 2013 zeigt einen jungen Entwicklungsschritt des Zentrums. Im Blick hat es nicht mehr ausschließlich die Mitgliedstheater der ASSITEJ, sondern das ganze wachsende Angebot für das junge Publikum. Für alle Akteure gilt es zukünftig, Impulse zu setzen, Trends anzustoßen, wissenschaftliche Diskussionen und künstlerischen Prozesse für und mit dem jungen Publikum aktiv zu begleiten, auszuwerten und zu dokumentieren.

Entsprechend haben sich die Aufgaben des Zentrums verändert: Die Aus- und Weiterbildung ist der Nachwuchsförderung gewichen, die kulturelle Bildung hat mit „Wege ins Theater“ gerade ein großes Projekt in Arbeit. Die Autorenförderung ist auf dem Weg zum nächsten Format. Neue Aufgaben sieht Gerd Taube durch die gesellschaftliche und künstlerische Entwicklung immer wieder auf die Theaterspezialisten für und mit jungen Menschen zukommen. Dafür möchte er in der Struktur des Zentrums noch flexibler werden. Damit auch weiterhin zwischen Konstanz und Flensburg von „unserem Zentrum“ gesprochen wird.