Tanzstücke für Kinder und Jugendliche Tanz im Kopf

„Unendliche Nacht“ (2016) von Alessandra Corti, Staatstheater Mainz
„Unendliche Nacht“ (2016) von Alessandra Corti, Staatstheater Mainz | © Andreas Etter

Tanzstücke für Kinder und Jugendliche sind in Deutschland immer noch selten. Doch es werden mehr. Zum Glück, denn es gibt sehr sehenswerte zeitgenössische Choreografien, vor allem jene, die anders funktionieren als vertanzte Geschichten und die sich die Freiheit nehmen, Themen auf ganz unterschiedliche Weise in Bewegung zu bringen.

Zwei zottelige Wesen schreiten langsam aufeinander zu. Dramatische Musik. Eines ist klein, das andere groß wie ein Mensch. Es nimmt das kleine in die pelzigen Arme, wie nach einer beschwerlichen Reise. Ein rührender Moment. Das-die-der Große geleitet das Kleine nun zu einem Kühlschrank, öffnet die Tür; Licht strömt heraus wie ein Glücksversprechen. Das Kleine wird hineingeschoben. Tür zu. Es ist weg. Oder es ist woanders: im ewigen Eis vielleicht, dem Paradies der Eisbären. Oder das Versprechen war falsch, um das Kleine loszuwerden, so wie hinterlistige Hexen in Märchen handeln. Kann sein. Man darf sich allerlei dazu denken, darf sich wundern, lachen, erschrecken. Dieses Bühnenstück der Choreografin Antje Pfundtner ist nach vielen Seiten offen.
 
nimmer (2014) handelt von Verschwinden und Erscheinen. Tatsächlich wird da auch ein Märchen erzählt, aber nicht verkörpert: Man hört von sprechenden Tieren, die eine Steinsuppe“ kochen; man sieht wie Antje Pfundtner ihren Kopf unter ihrem Körper verbirgt, später in einer Alien-Maske, wie sie tanzt, eckige, zackige und runde, schwingende Reste aus früheren Choreografien, anscheinend sinnfrei und vergänglich wie Suppengemüse. Dieses durchdachte, wunderliche, philosophische, mit skurillem Humor gewürzte, liebevoll inszenierte Tanzstück ist für Kinder.
 

  • „nimmer“ (2014) von Antje Pfundtner © Anja Beutler
    „nimmer“ (2014) von Antje Pfundtner
  • „||:Ein Bein hier und ein Bein dort:|| “ (2014) von Anna Konjetzky © Anna Konjetzky
    „||:Ein Bein hier und ein Bein dort:|| “ (2014) von Anna Konjetzky
  • „Unendliche Nacht“ (2016) von Alessandra Corti, Staatstheater Mainz © Andreas Etter
    „Unendliche Nacht“ (2016) von Alessandra Corti, Staatstheater Mainz
  • „nimmer“ (2014) von Antje Pfundtner © Anja Beutler
    „nimmer“ (2014) von Antje Pfundtner
  • „Unendliche Nacht“ (2016) von Alessandra Corti, Staatstheater Mainz © Andreas Etter
    „Unendliche Nacht“ (2016) von Alessandra Corti, Staatstheater Mainz

Neuland erobern

Daran ist einiges besonders, anderes ist typisch. Nie zuvor hat die in Hamburg lebende Choreografin ein Stück für junges Publikum gemacht. Von den zahlreichen Choreografen in Deutschland wagen sich nur wenige an diese spezielle Herausforderung. Vielleicht weil sie fürchten, es würde ihrer Reputation schaden, wenn sie sich an jüngere Zuschauer wenden. Solche Vorurteile gibt es leider, obwohl allen klar sei müsste, dass Kinder und Jugendliche die beste Kunst verdienen, und nicht schlecht gemachte oder harmlose Unterhaltung. Im Theaterbereich ist man da relativ weit; die Szene des Kinder- und Jugendtheaters in Deutschland hat sich einen eigenen guten Ruf erarbeitet. Inzwischen halten dort post-dramatische Inszenierungs- oder Performance-Formen Einzug. Doch der Tanz ist immer noch Außenseiter, wenn er sich herkömmlichen Dramatisierungsmustern entzieht, also wenn er sich jenseits der niedlich kostümierten, weihnachtlichen Nussknacker-Ballette bewegt oder mehr sein will als flotte Szeneneinlage.

Theater als Brücke zum Tanz

Diejenigen Tanzstücke, die noch nah am Theater sind, scheinen zunächst leichter akzeptiert zu werden. Man könnte sie fast „physical theatre“ nennen. Etwa das, was der Choreograf Leandro Kees der performing group aus Köln in Chalk About (2012), TRASHedy (2012) und Das unsichtbare Haus 2015 macht: Die zwei bis drei Tänzer sprechen viel, sie erklären, erzählen, fantasieren, fragen, zeigen, zeichnen. Sie spielen keine Rollen, sie sagen „ich“. Gemeinsam mit ihnen hat Kees diese Stücke auch entwickelt. Ob sie stehen, gehen, kriechen wie eine Amöbe und wie ein Krokodil, krabbeln wie ein Kleinkind, zwei Finger zur Pistole formen, mit Plastikbechern werfen oder beim Reden gestikulieren – alles ist als Bewegung und Pose durchchoreografiert in einem schnellen Takt. So umkreisen sie je ein Thema: „wer bin ich“, die Müllkatastrophe, der eigene Körper in Beziehung zu Evolution und Weltgeschichte.
 

Auf präzises Timing und Schnelligkeit, auf Slapstick-Momente und Überraschungseffekte setzt auch die Tänzerin Alessandra Corti in Unendliche Nacht, das sie Anfang 2016 für Tänzerkollegen am Staatstheater Mainz choreografierte. Ein Junge verirrt sich in ein verlassenes Herrenhaus. Plötzlich verschieben sich Fenster und Möbel, die ehemaligen Bewohner hängen schief an Tischen, drängeln, fallen die Treppe hinunter, kullern aus Schränken. In den tänzerischen Phasen wirbeln, taumeln, rollen und hibbeln sie. Damit charakterisieren sie das Surreale oder Geisterhafte in der Geschichte einer fantasierten Nacht.

Tanz der Fantasie

Um Imagination geht es auch in ||:Ein Bein hier und ein Bein dort:|| (2014) der Münchner Choreografin Anna Konjetzky. Doch Gebäude, Treppen, Brücken bestehen hier aus Körpern. Die fünf Tänzer bauen sich aneinander und aufeinander und tragen so das eine Kind, das mit ihnen auf der Bühne agiert. Sie bedrängen und stützen es. Diese Welt ist ständig in Bewegung: aufbauen, zerfallen. Die Tänzer werden dann zum Spielzeug des Jungen, der nun selber wie mit Zauberkräften Dinge gestaltet und zerstört. Videos auf einer Leinwand zeigen gezeichnete Häuschen und fotografierte Kriegsruinen. In der Vorbereitungszeit hatte Anna Konjetzky mit Flüchtlingskindern in München gesprochen, sie wollte aber nicht deren konkrete erlebte Geschichten darstellen. Mit dem ihr eigenen Stil der Tanz-Formationen hat sie dieses Stück choreografiert, dessen fließende Bilder und geflüsterte Fragen wie „Warum machen die das?“ zum Interpretieren und Nachfühlen einladen: Neugier, Freude, Wut, Angst, Einsamkeit, Hoffnung.

Festhalten, loslassen

Auch die Kölner Choreografin Barbara Fuchs hantiert häufig mit Körpern und Körperteilen wie mit Objekten. Sie hat sogar schon mehrere Stücke für kleine Kinder gemacht, sogar für Säuglinge. Ohne Sprache, nur mit ein bisschen Musik oder Geräuschen. Zwei Tänzerinnen klettern aufeinander, verhaken und verbiegen sich zu einem Wesen mit zwei Köpfen und vielen Beinen wie in Kopffüßler (2010). Sie balancieren ein Ei auf dem Fuß, flitschen Löffel und matschen mit Butter und Mehl wie in MAMPF! (2012). Nein, pädagogische Lehrwerke zum guten Benehmen sind sie nicht, sondern Kunst, Tanz. Der darf auch verrückt sein, seine eigene Logik entwickeln, sich weit vom Alltag entfernen. Also tanzt Antje Pfundtner mit einer halben Schaufensterpuppe, mit einem Gerippe, mit einem wallenden Tuch, mit ihren Erinnerungen, um dann ein Kind in einen Kühlschrank zu stopfen. Diese Freiheit irritiert manche Erwachsene. Kinder scheinen damit weniger Probleme zu haben. Auf diesem Kontinent der Kunst für junges Publikum ist so viel noch zu entdecken!