Theater im Klassenzimmer Das Genre der mobilen Dramatik

„Schuhe shoppen“ von Tim Crouch (Deutsche Erstaufführung 2012)
„Schuhe shoppen“ von Tim Crouch (Deutsche Erstaufführung 2012) | © Christian Kleiner

Es klingt naheliegend, den emotional aufgeladenen Raum des Klassenzimmers als Theaterraum zu nutzen und doch ist das Kunsterlebnis in diesem allseits bekannten Alltagsraum eine besondere Herausforderung für Autoren und Theaterschaffende.

„Lebensschicksale werden innerhalb dieser Wände entschieden, hier passieren Tragödien und Komödien, hier spielen sich Geschichten von Liebe und Hass, Freude und Enttäuschung ab.“ Mit diesem Statement empfiehlt der Norweger Carl Morten Amundsen (geb. 1961) das Klassenzimmer als Tatort der Dramatik und der szenischen Handlung. Das dramatische Genre des Klassenzimmerstücks eroberte in den 1980er-Jahren die deutschsprachigen Schulen. Allen voran betrat Ad de Bonts Mirad, ein Junge aus Bosnien seit 1993 in 53 Inszenierungen die deutschsprachigen Klassenzimmer. Eine bedeutende Rolle im Theaterbetrieb spielt diese Textform jedoch erst seit der Jahrtausendwende. 2002 lud das Theater der jungen Generation in Dresden zum ersten Festival Theater im Klassenzimmer ein. Es folgten Festivals 2005 und 2007.

Theater, nur halt im Klassenzimmer?

Ein Klassenzimmerstück ist wie der Name schon sagt ein Theaterstück, welches für die Aufführung in Schulen bestimmt ist. Formal zeichnen sich Klassenzimmerstücke durch eine vergleichsweise häufige direkte Ansprache an das Publikum und eine kleine Besetzung aus (oft ein oder zwei Schauspieler). Inhaltlich dominiert eine deutlich pädagogische Zielrichtung, vor allem für Jugendliche. Es ist eine beliebt gewordene Textform für das Themenstück. Zurzeit füllen Themen wie Medienkonsum, Sozialmedia-Mobbing und Migrationsgeschichten die Spielpläne und damit die Klassenzimmer. Eine ästhetische Situation ergibt sich beim Klassenzimmerstück dadurch, dass das Theater zum Publikum und nicht das Publikum ins Theater kommt. Immer wird der jeweils wechselnde Klassenraum mit seiner Einrichtung zum Mitspieler und zum großen Unbekannten für die Schauspieler.

„Spatz Fritz“ von Rudolf Herfurtner (Uraufführung 1999, als Gruppenraumstück 2013) „Spatz Fritz“ von Rudolf Herfurtner (Uraufführung 1999, als Gruppenraumstück 2013) | © Christian Kleiner
Häufig wählen Autoren das Klassenzimmer selbst als Spielort, wie zum Beispiel in dem Erfolgsstück Klamms Krieg von Kai Hensel. Klamms Krieg wurde 2000 in Dresden uraufgeführt und war in der Spielzeit 2004/05 mit 34 Inszenierungen noch vor Goethes Faust das meistgespielte Schauspiel in Deutschland. Die Figur Klamm ist ein Lehrer, das Publikum wird als sein Deutschleistungskurs in passiven Rollen miteinbezogen. Das Stück thematisiert das Verhältnis von Lehrern und Schülern und setzt damit den realen Ort mit dem Spielort gleich.

Jörg Menke-Peitzmeyer ist der erfahrenste Autor von Klassenzimmerstücken. Sein Stück Steht auf, wenn ihr Schalker seid (2005) über das Innenleben eines weiblichen Fußballfans erlebte schon über 20 Inszenierungen und Übersetzungen in fünf Sprachen. Mit Ich bin ein guter Vater hat er 2008 einen Klassenzimmer-Plot der zweiten Generation geschaffen: Ein Vater kommt in die Schule und will seinem Sohn die Sporttasche bringen, dieser ist aber gar nicht in der Klasse. Der Monolog des vom schlechten Gewissen aufgeriebenen Vaters, der zwischen Kariere und Vaterrolle zerrissen wird, entwickelt sich mit dem Publikum als vermeindliche Mitschüler des Sohnes. Ein gesellschaftlich relevantes Thema verlagert Menke-Peitzmeyer durch seine Grundsituation zwingend in das Klassenzimmer.
Theaterereignisse basierend auf Klassenzimmerstücken dieser Art spielen mit der Grenze zwischen Kunst und Alltag. Die Frage nach dem Wahrheitsgehalt der Figur und der Geschichte ist Teil der Spannung. Die Geschichte läuft entsprechend am Grad von unsichtbarem Theater entlang.

Darstellende Kunst offensiv im Klassenzimmer

Ein anderer Stück- und Regieansatz bricht immer öfter in deutsche Klassenzimmer offensiv mit der darstellenden Kunst in den Alltag der Schüler ein. In Schuhe Shoppen von Tim Crouch (Deutsche Erstaufführung 2012) kommt das Theater mit einem Märchen aus der modernen Warenwelt in das Klassenzimmer und verwandelt dieses im Laufe der Vorstellung mit einer Schuhinstallation in einen Kunstraum. Diese Geschichte spielt überall nur nicht im Klassenzimmer. Auch Finegan Kruckemeyer lässt seinen Der Junge mit dem längsten Schatten, eine Mobbinggeschichte (Deutsche Erstaufführung 2013), zwar im Umfeld der Schule, aber nicht im Klassenzimmer spielen. Auch hier sind deutliche Theatermittel zur Interpretation des Textes in einem Alltagsraum gefordert.

Auf Basis der Erfahrungen mit Klassenzimmerstücken für Jugendliche erobern einige Theater für junges Publikum auch die Klassenzimmer von Grundschulen und sogar die Gruppenräume von Kindergärten. Dem aufsuchenden Kunsterlebnis für kleine Zuschauer haben sich erst wenige Autoren verschrieben. Richtungsweisend hat Thilo Reffert mit Nina und Paul, einem Klassenzimmerstück ab der 4. Klasse den Mülheimer KinderStückePreis 2013 gewonnen. Andere Theater inszenieren ursprünglich als Bühnenstücke für diese Altersgruppe geschriebene Werke speziell für den Klassen- oder Gruppenraum. So geschehen mit Spatz Fritz von Rudolf Herfurtner (Uraufführung 1999, als Gruppenraumstück 2013) und Pompinien von Ingeborg von Zadow (Uraufführung 1995, als Klassenzimmerstück 2014).

Theaterereignisse basierend auf Klassenzimmerstücken dieser Art spielen – wie Inszenierungen im öffentlichen Raum – mit der Grenze zwischen Kunst und Alltag. Alle Vorstellungen beruhend auf dem Genre der mobilen Dramatik profitieren von einem entspannten Publikum in seinem vertrauten Umfeld. Die Aufnahmefähigkeit und die Bereitschaft, sich auf Verrückendes einzulassen, sind hier besonders hoch.


Zum Weiterlesen:
Wolfgang Schneider, Felicitas Loewe (Hrsg.): Theater im Klassenzimmer. Wenn die Schule zur Bühne wird. Baltmannsweiler 2006