Theater für die Allerkleinsten Vielfältig und komplex

„StimmSalaBimm“ am Schnawwl / Junges Nationaltheater Mannheim
„StimmSalaBimm“ am Schnawwl / Junges Nationaltheater Mannheim | © Christian Kleiner

Seit knapp 10 Jahren erobern sich deutsche Theatermacher für junges Publikum eine neue Kompetenz und eine neue Publikumsgruppe. Seit dieser Zeit entwickelten Theater Kunst für Kinder in der vornarrativen Phase, also für Kinder unter vier Jahren. Bis hin zu Babys und ihren Bezugspersonen bieten sie Vorstellungen der Darstellenden Kunst an.

Bestimmte die Diskussion um die Legitimierung des Theaters für die Jüngsten anfangs die Debatte ist sie inzwischen längst einer differenzierten ästhetischen Auseinandersetzung gewichen.

Grundlage dieser Entwicklung ist die Einsicht, dass das Recht auf eine Teilhabe an Kunst für Menschen jeden Alters gilt, Kinder unter drei Jahren aber bis dato von Theatererlebnissen ausgeschlossen waren. Dies beruhte auf der Erfahrung, dass sehr junges Publikum die Regeln des bürgerlichen Repräsentationstheaters noch nicht verstehen kann.

Die Entwicklung anderer Theaterformen für die Allerkleinsten begann im September 2005 mit einem Symposium in Hamm. Im Anschluss startete das Projekt des Deutschen Kinder- und Jugendtheaterzentrums Theater von Anfang an! mit vier Theatern (Theater Junge Generation Dresden, Schnawwl am Jungen Nationaltheater Mannheim, Helios Theater Hamm und Theater SiebenSchuh Berlin), um in einem zweijährigen Forschungsprojekt Theaterformen für das ganz junge Publikum zu entwickeln. Zum Abschluss des Projekts fand im November 2008 das erste Festival des Theaters für die Allerkleinsten im Theater Junge Generation Dresden statt. Nicht nur am Projekt beteiligte Theater trafen sich hier, fünf andere Theater waren in der Zeit auch überzeugende Wege der Kunstentwicklung gegangen und zeigten ihre Arbeiten.
 

  • „Freche Fläche“, Schnawwl / Junges Nationaltheater Mannheim, mobil mit Kindergartenkindern © Anne Richter
    „Freche Fläche“, Schnawwl / Junges Nationaltheater Mannheim, mobil mit Kindergartenkindern
  • „Sssst!“, Schaubühne Berlin © florschütz & döhnert
    „Sssst!“, Schaubühne Berlin


Die Theaterkunst für die Allerkleinsten in Deutschland ist heute so vielfältig und komplex wie andere Kunstformen auch. Auffällig oft entstehen die Inszenierungen als Ensembleproduktion mit hoher Autorenschaft der Spieler und in großer Nähe zum jungen Publikum. Im Probenprozess besuchen die Künstler entweder regelmäßig die Zielgruppe oder umgedreht. Einzelne Theater proben aber auch in Krippen-Räumen, so dass die Lebenswelt des Publikums unmittelbar in die Arbeit einfließt.

Klare Regeln

Die künstlerische Forschungsarbeit der letzten 10 Jahre kristallisierte Axiome für erfolgreiche Inszenierungen heraus: Kleine Räume befördern die Begegnung von erwachsenen Künstlern, meist wird für unter 50 Zuschauer gespielt. Die theatrale Kommunikation ist direkt und fragil. Spielfläche und Zuschauerraum sind wenig oder gar nicht getrennt, die Grenzen werden im Laufe des Spiels oft aufgehoben oder verändert. Die künstlichen Welten sind als Kunsträume sichtbar. Die Spieler stellen keine Figur oder Rolle dar, sie erschaffen aber Figuren, die Themen vorgeben und Regeln für das Theaterspiel aufstellen. Die Wahrnehmung und direkte, flexible, selten verbale Kommunikation mit dem jungen Publikum ist unbedingter Bestandteil dieses Theaters. Lineare Erzählungen fehlen, dramaturgische Elemente wie Spannung, Wendepunkte und Lösung finden sich aber sehr wohl. Die Dramaturgie, also die Gesamtheit der Struktur einer Inszenierung, für die Allerkleinsten unterliegt der besonderen Kategorie Zeit. In jeder Vorstellung finden die Spieler einen gemeinsamen Atem mit dem Publikum, erst in diesem Einklang kann die Aufführung entstehen. Die Dominanz der Bühne gegenüber dem Publikum ist hier undenkbar. Für ungeübte Veranstalter kann es schwierig sein, aber die Vorstellungsdauer im Theater für die Allerkleinsten kann bis zu 40% variieren.

Rawums und Ssst!


Thematisch wird den jungen Zuschauern nichts vorenthalten, was ihr Leben ausmacht: Das Theater Junge Generation Dresden spielt beispielsweise seit 2008 Funkeldunkel Lichtgedicht, eine Auseinandersetzung mit Licht, Schatten und Dunkelheit. Als kommende Premiere für Zuschauer ab 2 Jahren ist Boing! von der Choreografin Barbara Fuchs angekündigt, ein Tanzstück über das Stoßen, Fallen und Wiederaufrichten. Auch das Theater o.N. zeigt mit fliegen&fallen eine Tanzproduktion für sehr junge Zuschauer.
Das erfahrene und erfolgreiche Duo florschütz&dönnert spielt Rawums! über die Schwerkraft, Ssst! über das Verschwinden, und auch zu einem poetischen Zirkus landen sie die Jüngsten ein.

Das Helios Theater Hamm hat sich vor allem der Materialerkundung verschrieben. Ihre Stücke tragen ihre Themen im Titel: Holzklopfen, Spuren (in Sand und Schnipseln zu Abschied und Ankunft), Am Faden entlang (Wolle, Geflechte, Systeme), Ha zwei oohh (Wasser, Lebenskraft).

Für den hohen Anteil an musikalischen Inszenierungen sei hier das Grips Theater genannt. In Adams Welt (koproduziert mit dem Festival Szene Bunte Wähne (Österreich) wird Musik als Mittel der Weltaneignung von vier Spielern mit dem Publikum erfahren.

Der Schnawwl am Nationaltheater Mannheim hat Freche Fläche zwischen Bildender und Darstellender Kunst im Repertoire. Die Junge Oper am selben Haus hat der Enddeckung der Stimme ihr erstes Musiktheater für Kinder ab 2 Jahren gewidmet: StimmSalabim für zwei Sängerinnen. Das Baby Tanz Fest von 2009 für Babys ab acht Wochen ist als gemeinsame Festlichkeit noch immer Bestandteil des Repertoires.

Da das Theater für die Allerkleinsten in großer Nähe zum Publikum entsteht überrascht es nicht dass es oft auch in Kinderkrippen gespielt wird. Von StimmSalabim und der Kunstperformance Freche Fläche gibt es besondere Fassungen für die Alltagsräume der Rhein-Neckar-Region. Die Aufnahmefähigkeit und die Bereitschaft der Kinder, sich auf Verrückendes einzulassen, sind hier besonders hoch.

2013 und 2015 lud das Theater o.N. in Berlin zum FRATZ Festival und Symposium ein. Damit hat das Theater für die Allerkleinsten ein eigenes Festival zum nationalen und internationalen Austausch bekommen.


Lektüretipp:
Gabi dan Droste (Hg.): „Theater von Anfang an!“, 2009 transcript Verlag, Bielefeld