Mülheimer Theatertage 2013 Vernetzte Stücke

Katja Brunner „Von den Beinen zu kurz”, Schauspiel Hannover, ausgezeichnet mit dem Mülheimer Dramatikerpreis 2013; © Katrin Ribbe
Katja Brunner „Von den Beinen zu kurz”, Schauspiel Hannover, ausgezeichnet mit dem Mülheimer Dramatikerpreis 2013 | Foto (Ausschnitt): © Katrin Ribbe

Festivals haben eine Eigendynamik. Das gilt auch für die Mülheimer Theatertage, die in den letzten Jahren ein immer feineres Netz der Kooperation gesponnen haben. Die Dynamik der aktuellen Stückeproduktion dagegen ist wiederum eine ganz eigene. Eingeladen und ausgezeichnet werden Theatertexte, die den Qualitätskriterien des Auswahlgremiums und einer am Ende öffentlich diskutierenden Jury entsprechen.

Der zurückliegende Jahrgang der in deutschsprachigen Theatern uraufgeführten Stücke war nicht so voluminös wie in den Jahren zuvor, dafür aber mit bemerkenswerten Arbeiten ausgestattet. Wählt das Mülheimer Auswahlgremium ansonsten in der Regel aus 130 bis 150 uraufgeführten Stücken aus, waren es 2013 „nur” 100. Die aber hatten es in sich. Es gab eine Reihe sprachlich brillanter Debütantinnen und die Stücke gruppierten sich um ein gesellschaftspolitisches Thema, das derzeit die Schlagzeilen dominiert.

Sexueller Missbrauch

Im Strafgesetzbuch firmiert es unter „sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen”. In vielen Stücken des Jahrgangs 2012/2013 beschäftigten Autorinnen und Autoren sich mit diesem Thema und begnügten sich nicht mehr – wie in den zurückliegenden Jahren – mit Andeutungen. Sie widmeten sich ihm so konzentriert, als wollten sie sagen: Wenn du dich mit so einem Sujet beschäftigst, solltest du gewillt sein, es bis in die letzte Falte auszuleuchten. Gelegentlich geschah das, wie im Fall von Katja Brunners Von den Beinen zu kurz, in einer so erbarmungslosen Nahaufnahme, dass alle gängigen Erklärmodelle außer Kraft gesetzt wurden. Brunner war achtzehn, als sie den Text geschrieben hat. Sie lässt eine Lolita sprechen, die das tradierte Opferschema negiert und der es um Verführen, Begehren und Besitzen geht. Da sind nicht mehr Opfer und Täter, sondern nur noch das Skandalon einer inzestuösen Begierde. Vor allem aber ist das sprachlich so überzeugend, dass Von den Beinen zu kurz in der Inszenierung des Schauspiel Hannover nicht nur zu den acht eingeladenen Stücken zählte. Am Ende des Festivals bedachte die Jury Katja Brunner auch mit dem Mülheimer Dramatikerpreis.

Sekundärdrama

Die junge Autorin wurde flankiert von zwei Schwergewichten der dramatischen Kunst. Elfriede Jelinek hat mit FaustIn and out ein sogenanntes Sekundärdrama geschrieben, das ihr zufolge wie ein räudiger Köter „kläffend neben einem Klassiker herläuft“. Der Text kann nur inszeniert werden, wenn das entsprechende Theater auch den Klassiker im Spielplan führt – in diesem Fall also Goethes Faust. Nach Mülheim eingeladen wurde die Uraufführung des Züricher Schauspielhauses, die den Faust und die FaustIn so klug verzahnt, dass zwei zeitlich weit auseinander liegende Missbrauchsfälle sich noch deutlicher spiegeln, als sie das im Jelinek-Text sowieso tun: der Fall des minderjährigen Gretchen, das Mephisto dem Faust zuführt; und der Fall des Österreichers Josef Fritzl, der seine Tochter mehr als zwanzig Jahre im Keller einsperrte und mit ihr sieben Kinder zeugte.

Jelinek ist die Klassikerin der Textfläche, Franz Xaver Kroetz war schon in den 1970er-Jahren der Klassiker des sozialkritischen Dialektstücks. Lange war es still um ihn, vor zehn Jahren hat er dann aber doch wieder für das Theater geschrieben. Nicht lange, nachdem bekannt geworden war, dass in einer Saarbrücker Gaststätte ein Junge mit dem Namen Pascal lange missbraucht und wohl auch ermordet worden war, legte Kroetz Du hast gewackelt. Requiem für ein liebes Kind vor. Das Stück lag Jahre in der Schublade, bevor das Münchner Staatsschauspiel es zur Uraufführung gebracht und einen neuen Kroetz-Ton hörbar gemacht hat. Ein chorisch anmutendes Sprechen von Männern, die sich als gute Onkels ausgeben und die Schändung des Knabenkörpers als Akt der Fürsorge verkaufen.

Nachspielpreis

Jelineks FaustIn and out wurde sehr schnell nachgespielt, dem Stück von Franz Xaver Kroetz wünscht man, dass es nachgespielt wird und spätestens dann zu jener Kategorie von Theaterstücken zählt, denen das sich immer mehr vernetzende Mülheimer Festival seit letztem Jahr ganz besonders widmet: den nachgespielten Stücken. Seit 2012 kooperieren die Theatertage mit dem vom Heidelberger Theater ausgerichteten Stückemarkt. Dazu gehört, dass das Theater Heidelberg aus dem aktuellen Inszenierungspool der deutschsprachigen Theater drei Nachspiel-Inszenierungen auswählt und zum Stückemarkt einlädt, um einer der Inszenierungen einen Nachspielpreis zu verleihen.

Die ausgezeichnete Inszenierung wird im Folgejahr nach Mülheim eingeladen. Der Preisträger 2012 war die Saarbrücker Inszenierung von Rebekka Kricheldorfs Villa Dolorosa. 2013 ist es Die Trilogie der Träumer, in der das Konzert Theater Bern drei Stücke aus den Anfangsjahren Philipp Löhles an einem Abend zeigt. Außerdem gibt es bereits seit einigen Jahren in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut ein „internationales Rückspiel“. Die Mülheimer Theatertage laden Inszenierungen der zurückliegenden Stückauswahl ein, die in der weiten Welt nachgespielt wurden. Seit neuestem werden diese internationalen Nachinszenierungen auch während des Heidelberger Stückemarktes gezeigt. Dieses Jahr reiste Luis Uretas chilenische Inszenierung von Philipp Löhles Das Ding nach Deutschland.

Die Auswahl des Mülheimer Theaterfestivals Stücke 2013:

Katja Brunner „Von den Beinen zu kurz“, Schauspiel Hannover

Elfriede Jelinek „FaustIn and out“, Schauspielhaus Zürich

Franz Xaver Kroetz „Du hast gewackelt. Requiem für ein liebes Kind“, Residenztheater München

Azar Mortazavi „Ich wünsch mir eins“, Theater Osnabrück

Moritz Rinke „Wir lieben und wissen nichts“, Konzert Theater Bern

Marianna Salzmann „Muttersprache Mameloschn“, Deutsches Theater Berlin

Nis-Momme Stockmann „Tod und Wiederauferstehung der Welt meiner Eltern in mir“, Schauspiel Hannover

Felicia Zeller „X-Freunde“, Schauspiel Frankfurt