Mülheimer Theatertage 2014 Autoren bleiben im Zentrum

Die Kritik an Nachwuchsautoren hat neuerdings Konjunktur – nicht so bei den Mülheimer Theatertagen. Im diesjährigen Wettbewerb um den Dramatiker- und den Kinderstückepreis setzen sich die Debütanten durch.

Preisverleihung der Mülheimer Theatertage 2014 an Helgard Haug & Daniel Wetzel / Rimini Protokoll, Wolfram Höll und Milena Baisch mit Dagmar Mühlenfeld, Oberbürgermeisterin der Stadt Mülheim an der Ruhr Preisverleihung der Mülheimer Theatertage 2014 an Helgard Haug & Daniel Wetzel / Rimini Protokoll, Wolfram Höll und Milena Baisch mit Dagmar Mühlenfeld, Oberbürgermeisterin der Stadt Mülheim an der Ruhr | Foto: Michael Kneffel Es war keine gute Saison für Theaterautoren. Der Stückemarkt des Berliner Theatertreffens, eine der größten Plattformen für Autorenförderung, hat den Wettbewerb komplett eingestellt und dafür drei Künstler je einen nachwachsenden Theatermacher auswählen lassen, „der sich durch außergewöhnliche Theatersprachen und zukunftsweisende Formen der Stückentwicklung auszeichnet”. Auch bei den Autorentheatertagen des Deutschen Theaters Berlin konnten Dramatiker diesmal keinen Text einsenden – das Festival „hält inne” und ließ den Juror Till Briegleb fünf Stücke aus den vergangenen 19 Festivalausgaben auswählen. Während das Theatertreffen klassische Autorenförderung für überflüssig hält, liegt den Autorentheatertagen daran, das Betriebskarussell zu entschleunigen – doch auch Briegleb sparte nicht mit Kritik an der deutschen Gegenwartsdramatik: Er diagnostizierte einen „Burnout-Zustand”, der Markt habe statt zu „größerer Vielfalt, Dichte und Originalität“ zu einem „erhöhten Verdünnungsgrad“ geführt.

Die Mülheimer Theatertage, nach wie vor wichtigster Wettbewerb für deutschsprachige Dramatik, sind neben dem Heidelberger Stückemarkt somit das einzige Festival in Deutschland, das nicht in die modische Autorenkritik einstimmt. Es präsentiert auch im 39. Jahr die besten neuen Stücke einer Saison in ihrer Uraufführungs-Inszenierung.

Neue Festivalleiterin und neuer Moderator

Trotzdem hat sich in Mülheim jetzt einiges verändert. Bedingt durch die Erkrankung von Udo Balzer, 22 Jahre lang Leiter des Festivals, hat dessen langjährige Dramaturgin Stephanie Steinberg kurzfristig die Leitung übernommen. Als neuer Moderator führte Tilman Raabke, Chefdramaturg in Oberhausen, durch die Publikumsdiskussionen.

Sieben Stücke waren eingeladen, die sich, so die Kritikerin Christine Wahl, die Sprecherin des Auswahlgremiums, alle mit dem „großen Ganzen“ beschäftigen, „dem gesellschaftlichen Status quo“. Die gesellschaftskritischen Komödien Du (Normen) von Philipp Löhle und Alltag & Ekstase von Rebekka Kricheldorf landeten beim Publikumsranking auf den Plätzen drei und zwei – die fünfköpfige Preisjury dagegen (Stephan Müller, Sebastian Rudolph, Christian Rakow, Eva-Maria Voigtländer, Christine Wahl), die in öffentlicher Debatte über den mit 15.000 Euro dotierten Dramatikerpreis entschied, kegelte diese Stücke mit fünf zu null Stimmen aus der Konkurrenz.

Publikum contra Juryvotum

Auch der Gewinner des Publikumspreises wurde von der Jury rasch verabschiedet: Qualitätskontrolle von Rimini Protokoll schildert die Lebensgeschichte der querschnittsgelähmten Maria-Cristina Hallwachs, die den Text selbst auf der Bühne spricht. Der Juror Sebastian Rudolph: „Das ist der großartigste Abend, den ich je gesehen habe” – doch der Text sei für ihn „kein Stück“. Obwohl Rimini Protokoll schon einmal, 2007, in Mülheim gesiegt hatte, sind die Debatten darüber, wann ein Dokumentarstück als künstlerisch eigenständiges Werk gilt, also noch in vollem Gang.
 
Helgard Haug & Daniel Wetzel / Rimini Protokoll über ihr Stück „Qualitätskontrolle“ (Youtube) 

Theorieaffiner waren dagegen die Stücke von René Pollesch, der schon zum sechsten Mal eingeladen war, und Ferdinand Schmalz, dem Mülheim-Debütanten. Schmalz assoziiert in seinem sprachmächtigen Volksstück am beispiel der butter ebenso viele Diskurs-Vorbilder wie Pollesch in Gasoline Bill. Vor allem Pollesch begeisterte die Jury: Für zwei Juroren war er der absolute Favorit.

Die Debütanten setzen sich durch

Durchsetzen konnte sich zuletzt aber der junge Wolfram Höll mit seinem Bühnengedicht Und dann. Wie auch Laura de Wecks Archiv des Unvollständigen kreist Hölls Text rätselvoll um eine Leerstelle – hier ist es die Abwesenheit der Mutter. Ein Kind erinnert sich an das Leben im Plattenbau kurz nach der Wende. In dieser Kinderperspektive, so die Jury, mache Höll „große formale und inhaltliche Möglichkeiten auf, dieses vermeintlich abgeschlossene und schon bestens in Spreewaldgurken verpackte Thema DDR noch mal zu öffnen“. Damit hat wieder, wie bereits 2013, ein Mülheim-Debütant mit seinem Erstling gewonnen.

Dass das Publikum Texte und Aufführungen offensichtlich so ganz anders rezipiert als die Experten, sich bei Kricheldorf und Löhle wiederfindet und sich vom großen Einzelschicksal bei Rimini Protokoll bewegen lässt, kann natürlich nicht einfach als verbindliches Qualitätskriterium verstanden werden – doch manchem theorieverliebten Juror müsste das zu denken geben.

Mülheimer Kinderstückepreis

Auch die fünf Texte, die für den Kinderstückepreis nominiert waren, eint ihr gesellschaftskritischer Ansatz. Als „realistische Problemstücke“ bezeichnete sie Thomas Irmer, Sprecher des Auswahlgremiums. Auch hier hatte die Jury mehrere Favoriten: Thilo Refferts Freundschaftsgeschichte Mein Jahr in Trallalabad überzeugte ebenso sehr wie Milena Baischs Die Prinzessin und der Pjär, ein Stück um Leistungsdruck und Schulversager. Und auch hier konnte die Theater-Debütantin Baisch sich schließlich gegen den erfahreneren Reffert, den Vorjahresgewinner, durchsetzen. Zum fünften Mal wurde damit der mit 10.000 Euro dotierte Kinderstückepreis vergeben, und Irmer zeigte sich mit der Entwicklung zufrieden: „Uns fiel es im Vergleich zu den ersten Jahren schwerer, aus der Shortlist von acht Stücken die besten fünf herauszusuchen. Das ist ein gutes Zeichen.“