Stücke der Saison 2013/14 Die Frage nach der Autorenschaft

Wolfram Hölls „Und dann“, Schauspiel Leipzig
Wolfram Hölls „Und dann“, Schauspiel Leipzig | © Rolf Arnold

Es waren vor allem sprachlich und formal experimentierende Texte, die in der Theater-Saison 2013/2014 für Überraschungen sorgten. Vorgestellt wurden sie während der Mülheimer Theatertage. Der Stückemarkt des Berliner Theatertreffens und die Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin gingen neue Wege der Stückfindung.

Werden Theaterwissenschaftler und Journalisten in naher Zukunft auf diesen Jahrgang der Stücktexte zurückblicken, dürften sie 2014 als ein Jahr des Innehaltens und der Vergewisserung bewerten. Vielleicht kommen sie auch zu dem Schluss, der klassische Stücktext habe sich im Umfeld des in den Spielplänen immer dominanteren Projekt-, Dokumentar- und Performance-Theaters am Ende doch ganz gut behauptet – obwohl bei einigen Regisseuren und Festivalmachern die Lust auf Text zwischenzeitlich etwas nachgelassen hatte.

Das Berliner Theatertreffen etwa schaffte 2014 den Stückemarkt, das Entdeckerforum des Festivals, in seiner bisherigen Form ab: Ausgehend von der Annahme, es gebe in den deutschsprachigen Stadt- und Staatstheatern eine hypertrophe Autorenförderung, sah man sich einem erweiterten Autoren- und Textbegriff verpflichtet. In den Fokus der Auswahl geriet ganz Europa. Die Auswahl dreier nicht unbedingt textbasierter Theaterarbeiten besorgten die britische Regisseurin Katie Mitchell, das Theaterkollektiv Signa und der britische Theaterautor Simon Stephens.

Neue Stücke

Das war genauso eine Zäsur wie die Entscheidung am Deutschen Theater Berlin, wo Alleinjuror Till Briegleb für die Autorentheatertage 2014 nicht aus neu eingesandten Stücken auswählte. Er sichtete zurückliegende Jahrgänge und stellte die aus seiner Sicht besten Texte noch einmal vor. Weiterhin ausschließlich dem neuen Stück verpflichtet waren dagegen der Heidelberger Stückemarkt und die Mülheimer Stücke, das wichtigste Festival für deutschsprachige Autoren.

Die vom Mülheimer Gremium vorgelegte Auswahl zeigte, wie vielschichtig die Begriffe „Autor“ und „Text“ sind, auch wenn ein Festival sich „nur“ dem Autorentheater verpflichtet. Im Gegensatz zum Jahrgang 2013, der vor allem durch beeindruckende Debuts der Autorinnen Katja Brunner, Azar Mortazawi und Marianna Salzmann geprägt war, gab es 2014 einen hohen Anteil sprachlich und formal experimentierender Texte. Sah man genauer hin, ging es in vielen Fällen nicht darum, ob ein klassischer Autor für einen Text verantwortlich zeichnete. In den Vordergrund rückte der Entstehungsprozess der Texte.

Unter den sieben Nominierungen für den Mülheimer Dramatikerpreis war das von Rimini Protokoll in Koproduktion mit dem Staatsschauspiel Stuttgart erarbeitete Stück Qualitätskontrolle – der Abend erhielt den Publikumspreis der Mülheimer Stücke. Im Fall der dokumentarischen Lebenserforschung, die Helgard Haug und Daniel Wetzel zusammen mit der seit ihrem 18. Lebensjahr vom Hals abwärts gelähmten Maria-Cristina Hallwachs realisierten, sollte man von einer kollektiven Arbeit sprechen. Der zugrunde liegende Text umspielt den Alltag der Frau und reflektiert die verhängnisvolle Frage, was denn nun „lebenswertes Leben“ sei. Wer da sprachschöpferisch und wer zuspitzend, redigierend und korrigierend tätig war, ließe sich nur beantworten, hätten Haug/Wetzel in einem Arbeitsprotokoll Buch geführt.

Endlostexte

Etwas einfacher scheint die Antwort auf die Frage der Autorenschaft im Fall von René Polleschs an den Münchner Kammerspielen uraufgeführtem Gasoline Bill zu sein – aber nur scheinbar. Da ist zwar einer der sich endlos weiter schreibenden Texte Polleschs, in denen die komischen Leiden des Schauspielers am Repräsentationstheater genauso Platz finden wie sozialphilosophische Reflexionen des slowenischen Philosophen und Kulturkritikers Slavoj Žižek. Pollesch generiert seinen Text aber auch zusammen mit den Schauspielern und unterminiert so schon seit einigen Jahren den klassischen Autorenbegriff.

Ähnliches lässt sich von Laura de Wecks Archiv des Unvollständigen sagen, einer Koproduktion des Staatstheaters Oldenburg und der Ruhrfestspiele Recklinghausen. In diesem puzzleartigen Sprechmusikabend geht es um Lerstellen in Geschichten und in der Sprache. Laura de Weck verzichtet auf einen klassischen Plot und hat während der Probenarbeit des Regisseurs Thom Luz an einem Text weitergearbeitet, der die Hoffnung ad absurdum führt, es gebe so etwas wie eine vollständige Erzählung.

In naher Verwandtschaft zu diesem Text steht Wolfram Hölls Und dann, eine DDR-Kindheitserkundung, von Claudia Bauer am Schauspiel Leipzig in einen lyrisch-chorischen Theaterabend verwandelt. Es stellt sich die Frage, ob der Text überhaupt für die Bühne geschrieben wurde und warum er, dort angekommen, eine derart poetische Kraft entfaltet.

Klassischer Fiesling

Wolfram Höll erhielt den Mülheimer Dramatikerpreis. Der Debütant des Jahrgangs, Ferdinand Schmalz, legte mit seinem ebenfalls am Schauspiel Leipzig uraufgeführten Am Beispiel der Butter ein metaphernreiches Volksstück in der Nachfolge eines Werner Schwab vor. Die Provinzfarce beschreibt die enthemmt marktwirtschaftliche Verfasstheit Mitteleuropas am Beispiel einer Molkerei. Zusammen mit Philipp Löhles Du (Normen) und Rebekka Kricheldorfs Alltag & Ekstase stand dieser Text für die Sparte „klassisches Dialogstück“.

Löhle führt mit seinem Protagonisten Normen einen Fiesling ein, den nur die kapitalistische Geld- und Machtanhäufung interessiert. Uraufgeführt wurde der Text am Nationaltheater Mannheim. Kricheldorfs neuestes Stück reiste vom Deutschen Theater Berlin nach Mülheim und wartet mit einer Familie auf, die ihr Glück darin sucht, selbst den glücklichsten Moment analytisch zugrunde zu richten. So etwas soll es übrigens auch in der etwas größeren Theaterfamilie geben.