Stücke der Saison 2012/2013 Ein guter Jahrgang

Moritz Rinke „Wir lieben und wir wissen nichts”; Uraufführung am Schauspiel Frankfurt
Moritz Rinke „Wir lieben und wir wissen nichts”; Uraufführung am Schauspiel Frankfurt | Foto (Ausschnitt): © Birgit Hupfeld

Die Spielzeit 2012/2013 überraschte mit einer Vielzahl hervorragender Stücke und war auch sonst reich an Überraschungen.

Man könnte lange nach Gründen suchen, warum der Stücke-Jahrgang der zurückliegenden Spielzeit ein so guter war, würde am Ende aber wohl nur beim Genossen Zufall landen. All die Autoren, die sich entgegen des Trends zum No-Trend mit den sich endemisch häufenden Fällen des sexuellen Missbrauchs Schutzbefohlener befassten, haben sich sicherlich nicht abgesprochen. Und auch die jungen Autorinnen, die sich da plötzlich vehement zu Wort meldeten, wussten nichts voneinander. Ganz zu schweigen von den drei „Heimkehrern”, die nach einer unterschiedlich langen Bühnenabstinenz wieder Stücke vorlegten: Dea Loher, Moritz Rinke und Franz Xaver Kroetz. Sie wussten nichts voneinander, trugen mit ihren aktuellen Theatertexten aber dazu bei, dass die Saison 2012/13 eine der besten seit langem war.

Dea Loher zum Beispiel gehört zu den Größen des dramatischen Gewerbes, tauchte plötzlich ab und schrieb einen Roman. Nachdem das vollbracht war und sie mit Bugatti taucht auf den gewaltsamen Tod eines junges Mannes verhandelt hatte, wandte sie sich flugs wieder der Dramatik zu und legte mit Am Schwarzen See ein klassisches Vierpersonenstück vor. Zwei Elternpaare treffen sich nach Jahren wieder und versuchen, den gemeinsamen Selbstmord ihrer Kinder zu thematisieren. Die Uraufführung am Berliner Deutschen Theater besorgte Lohers langjähriger Regie-Partner Andreas Kriegenburg.

Klassische Vierpersonenstücke

In einem Punkt trafen sich die Prosa- und Theaterautorin Loher. Beiden geht es um die Frage, wie die, die weiter leben, mit dem Tod eines geliebten Menschen umgehen. Diesem mit seiner unerbittlichen Genauigkeit bestechenden Text steht Moritz Rinkes Wir lieben und wir wissen nichts gegenüber – ebenfalls ein klassisches Vierpersonenstück, aber ganz anders getönt. Rinke, der dem Theater wesentlich länger als Loher abhanden gekommen war und der ebenfalls einen Roman geschrieben hat, meldete sich mit einer Komödie über die Abgründe heutiger Paarbeziehungen zurück. Das Theater dankte ihm auf seine Weise. Sein neuestes Stück wurde nach der Uraufführung am Schauspiel Frankfurt in kurzen Abständen in Aachen, Bielefeld und Bern nachgespielt.

Einem anderen haben die Theater sich nicht so geöffnet. Um Franz Xaxer Kroetz, den Klassiker des sozialkritischen Dialektstücks, ist es in den letzten Jahren immer stiller geworden, obwohl er 2004 mit Du hast gewackelt. Requiem für ein liebes Kind sehr schnell auf den grausamen Missbrauchsfall eines kleinen Jungen in einer Saarbrücker Kneipe reagiert hat. Das Stück lag lange in den Schubladen der Theater und wurde nun ausgerechnet in der Spielzeit, in der eine ganze Reihe von Autorinnen und Autoren sich dem Thema Missbrauch widmeten, am Münchner Residenztheater von Anne Lenk zur Uraufführung gebracht.

Kroetz war schon in den 1970er-Jahren an einem Punkt angelangt, zu dem Philipp Löhle sich in den letzten Jahren hin bewegt hat. Löhle ist inzwischen ein etablierter Autor, dessen sarkastische Theatertexte auch außerhalb Europas nachgespielt werden. Sein neuestes Stück Nullen und Einsen ist sein bislang amitioniertestes: ein Flirt mit der angewandten Stochastik, in dessen Verlauf Biografien sich heillos verwirren und neun Figuren sich in immer neuen Zufallskonstellationen wiederfinden. Uraufgeführt wurde er am Mainzer Staatsschauspiel von Jan Philipp Gloger.

Theaterautorinnen

Gloger ist Löhles bevorzugter Regisseur, das Kasseler Staatsttheater Rebekka Kricheldorfs bevorzugte Bühne. Dort kam dann auch einmal mehr ihr neuestes Stück zur Uraufführung: Testosteron, eine schwarze Parabel paralleler Welten über einen, der auszog, das Fürchten zu lernen. Shirin Khodadian inszenierte den Text und spielte mit Versatzstücken der Telenovela. Auch Rebekka Kricheldorf zählt inzwischen zu den etablierten Theaterautorinnen und dürfte es begrüßen, dass sich die Zahl der Kolleginnen seit ihrem Durchbruch vor zehn Jahren stetig erhöht hat. In der Spielzeit 2012/13 kamen mit Katja Brunner, Azar Mortazavi und Marianna Salzmann drei weitere dazu, deren Schreibtemperamente unterschiedlicher nicht sein könnten.

Katja Brunner gehört zu den Autorinnen und Autoren, die das verminte Gebiet des Missbrauchs Minderjähriger betraten. In Von den Beinen zu kurz fantasiert sie sich in die Psyche einer vom Vater missbrauchten Lolita und hat etwas erreicht, was vor ihr kaum jemandem gelang: Auf Anhieb gewann ihr Stück in der Inszenierung von Heike Marianne Götze am Schauspiel Hannover den begehrten Mülheimer Dramatikerpreis. Wirkt Katja Brunner wie eine sich ungeschützt ihrem Sujet hingebende Autorin, hat man im Fall von Marianna Salzmann den Eindruck, da schreibe eine ziemlich schnell und erprobe alle möglichen Stückgenres und Stile. Sie war die meistbeschäftigte Autorin der Saison. Mit Beg your pardon, Muttermale Fenster Blau, Kasimir und Karoline (nach Horvath), Muttersprache Mameloschn, Fahrräder könnten eine Rolle spielen und Schwimmen lernen kamen sechs ihrer Theatertexte gegen Ende der vorletzten und in der letzten Spielzeit zur Uraufführung. Am ausgereiftesten ist Muttersprache Mameloschn. Brit Bartkowiak hat die rasante Typenkomödie aus einem jüdischen Frauenhaushalt am Deutschen Theater Berlin inszeniert.

Reichhaltig

Bliebe noch Azar Mortazavi, eine eher stille Autorin, die in Ich wünsch mir eins einer jungen Deutschen mit arabischen Wurzeln die Sehnsucht nach einem Kind mit auf den Weg gibt. Uraufgeführt hat das Stück Annette Pullen am Theater Osnabrück. Mit Azar Mortazavis Elegie der Einsamkeit einer jungen Frau in einem ihr fremden Land rundet sich das Bild einer Spielzeit ab, die mit weiteren Stücken wie Martin Heckmanns poetischem Liebestraktat Einer und Eine (uraufgeführt am Nationaltheater Mannheim), Felicia Zellers Workaholic-Drama X-Freunde (uraufgeführt am Schauspiel Frankfurt), John von Düffels Fußballlegende Alle sechzehn Jahre im Sommer und Nina Büttners Siegerstück des Else Lasker Schüler Preises Schafinsel (uraufgeführt am Pfalztheater Kaiserslautern) die reichhaltigste der letzten Jahre war.