Mülheimer Theatertage 2015 Spielmaterial Wirklichkeit

Stücke Eröffnung
Stücke Eröffnung | © Michael Kneffel

Zum Mülheimer Theaterfestival Stücke wurden 2015 Theatertexte und Uraufführungen eingeladen, die wie dokumentarische Fiktionen oder wie literarische Dokumente funktionieren. Mit den Sollbruchstellen der weltpolitischen Lage beschäftigen sie sich alle.

Die Auswahl der seit 2005 zu den Mülheimer Stücken eingeladenen Theatertexte dokumentiert, wie sich der Begriff der Autorenschaft gewandelt hat. 2015 nun kann man an der Auswahl der sieben Uraufführungen ablesen, dass bei einem Großteil der Theatertexte die Grenze zwischen Dokumentation und Fiktion durchlässig geworden ist. Es stellt sich die Frage: Hat hier ein dem Dokumentartheater verpflichteter Autor oder eine der literarischen Fiktion näher stehende Autorin geschrieben? Dass es diese Tendenz zur Entgrenzung des Textbegriffs gibt, hat damit zu tun, dass derzeit kaum „klassische“ Theaterstücke über die großen Themen Liebe, Tod, Familie und den ewigen Geschlechterkampf geschrieben werden. Autorinnen und Autoren wenden sich zunehmend der krisen- und kriegshaltigen Welt zu.

Recherchegruppe Gorki

Dabei beschäftigen sich die Autoren verstärkt mit gesellschaftspolitischen Themen und schreiben Theatertexte, die als Fiktion angelegt sind, aber auch dokumentarische Elemente enthalten. Oder sie sind das Ergebnis einer dokumentarischen Recherche und funktionieren wie im Fall von Yael Ronens Common Ground, als seien sie ein fiktionale Erzählung. Die israelische Theatermacherin arbeitet mit Schauspielerinnen und Schauspielern des Berliner Maxim Gorki Theaters und verknüpft den jugoslawischen Bürgerkrieg von 1991 von 1995 mit den familiären Biografien der beteiligten Ensemblemitglieder. Sie stammen unter anderem aus Städten wie Belgrad, Zagreb oder Novi Sad. Und sie gehören Familien an, deren Familiengeschichte auf unterschiedliche Art und Weise vom Balkankrieg geprägt ist.

Die Recherchegruppe Gorki reiste nach Bosnien und erarbeitete aus den Rechercheergebnissen eine dokumentarische Bühnenfiktion, der es zu Beginn darum geht, was in den entsprechenden Jahren sonst noch in der Welt geschah. Zunehmend entwickelt sich der Abend aber in Richtung einer Erzählung, die ein autobiografischer Roman sein könnte. Auf der Bühne stehen Schauspieler, die von ihrer Familiengeschichte und deren Einbettung in den Jugoslawienkrieg erzählen. Dass Common Ground weitaus mehr als eine Aneinanderreihung von Rechercheergebnissen ist, liegt daran, dass sich die Versatzstücke der Familienschicksale zu einer Gesamterzählung fügen. Sie sind erzählerisches Spielmaterial.

Europäische Nabelschau

Common Ground zeigt, wie dokumentarisches Theater den Spielraum in Richtung eines literarischen Erzählens erweitern kann. In Kontrast dazu steht Wolfram Lotz’ Die lächerliche Finsternis, uraufgeführt von Dušan David Pařízek am Wiener Akademietheater. Lotz hat den Europäer im Visier, der sich für den Nabel des Universums hält und auf den Rest der Welt mit einer Haltung postkolonialer Ignoranz herab sieht. Die Vorlagen dieser speziellen europäischen Nabelschau sind Joseph Conrads Kolonialismusklassiker Heart of Darkness und Francis Ford Coppolas Conrad-Überschreibung, der Vietnamklassiker Apokalypse Now. Von ihnen hat Wolfram Lotz die Erzählstruktur. Die Anspielungen auf aktuelle Vorgänge stammen aus der Zeitung und dem Internet.

Gleich am Anfang erfahren wir, wie das in Somalia mit der Piraterie so ist. Hintergrund ist ein Strafprozess am Hamburger Landgericht gegen zehn somalische Piraten im Jahr 2012. Sie hatten den deutschen Frachter Taipan überfallen, wurden der Piraterie angeklagt und bekamen einen Freiflug zum Gerichtsstandort Hamburg „spendiert“. Auf der Bühne des Wiener Akademietheaters erklärt nun einer der Piraten, das Meer vor der Küste Somalias sei von internationalen Fangflotten leer gefischt worden, also habe er an der Universität in Mogadischu den Studiengang Piraterie belegt, sei aber gleich beim ersten Beutezug verhaftet worden.

Etwas später reisen wir mit einem gewissen Oliver Pellner und Stefan Dorsch den Hindukusch hinauf und lernen, dass das auf keinen Fall ein Gebirge, sondern ein Fluss ist. Der Hauptfeldwebel und der Unteroffizier suchen einen Kollegen, der im Zuge des Afghanistan-Einsatzes durchdrehte und andere Bundesswehrsoldaten getötet hat. Vorlage für diesen Erzählstrang sind die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Gera und der Tod eines 21-jährigen Hauptgefreiten, der von einem Kameraden beim Hantieren mit Schusswaffen fahrlässig getötet worden sein soll. Wir könnten durchaus in einer Dokumentation gelandet sein, ahnen aber, dass Wolfram Lotz ein Verwirrspiel mit weltpolitisch brisanten Themen treibt und mit uns ins finstere Herz der westlichen Hybris reist.

Literarisches Manifest

Ganz anders geht Elfriede Jelinek vor, wenn sie dem Theater eine Wutrede anvertraut und die verantwortungslose Haltung der europäischen Politik angesichts des massenhaften Sterbens afrikanischer Flüchtlinge im Mittelmeer anprangert. Die Schutzbefohlenen ist ein literarisches Manifest, aus der Ferne winken Vorbilder wie Georg Büchners Hessischer Landbote. Jelinek thematisiert aber auch die Scham der mitteleuropäischen Intellektuellen, selbst in der warmen Schreibstube zu sitzen, sich aber dennoch dem hoffnungslosen Fluchtversuch der Flüchtlinge zu widmen. Jedes Theater, das den Text auf die Bühne bringt, muss sich mit dieser selbstreflexiven Schambremse auseinandersetzen. Nicolas Stemann hat das mit der Uraufführung, einer Koproduktion des Mannheimer Theaters der Welt und Hamburger Thalia Theaters, bislang am konsequentesten getan. Er stellte den permanent mit sich hadernden Thalia-Schauspielern ein lebendiges Dokument deutscher Asylpolitik an die Seite: Hamburger Lampedusa-Flüchtlinge.

Das sind die markantesten Beispiele der diesjährigen Mülheimer Auswahl. In der Reihe dokufiktionaler Theatertexte findet sich zudem Felicia Zellers Wunsch und Wunder, von Marcus Lobbes am Saarländischen Staatstheater Saarbrücken uraufgeführt. Zeller verwendet Rechercheergebnisse zum Thema „Künstliche Befruchtung“ als Rohmaterial einer Inseminations-Farce. Und dann wäre da noch Dirk Lauckes Furcht und Ekel. Das Privatleben glücklicher Leute in Jan Gehlers Uraufführung am Schauspiel Stuttgart. Laucke hat sehr genau in die fremdenfeindliche Stimmunglage Pegida-Deutschlands hinein gehört und auch einen jener Theatertexte geschrieben, deren Genrezugehörigkeit so unsicher ist, wie die Welt, von denen sie erzählen.