Soziale Themen im Tanz Brisantes auf der Bühne

Um Freiheit und Unterdrückung geht es in „Burka Bondage“ von Helena Waldmann; © Sebastian Bolesch
Um Freiheit und Unterdrückung geht es in „Burka Bondage“ von Helena Waldmann | Foto (Ausschnitt): © Sebastian Bolesch

Wenn Choreografen sich mit Demenz, Extremismus oder Behinderung auseinandersetzen, fordern sie auch eine Haltung des Publikums ein.

Sie läuft gekrümmt, den Blick zum Boden. Im nächsten Augenblick vollführt sie Ballettsprünge, mit einer Leichtigkeit, die fröhlich stimmt. Dem stolzen Blick folgt ein ausdrucksloser, die präzise Erinnerung weicht einer ahnungslosen Leere. Es sind Momentaufnahmen eines Lebens, das aus der Bahn geworfen wurde. Ein Leben zwischen stummem Schrei und Kinderlachen, Schamlosigkeit und Unbeholfenheit. Brit Rodemund tanzt Demenz. Die ehemalige Primaballerina setzt ein System der ständigen Wiederholung, der codierten Schrittfolgen und exakten Bewegungen dem Vergessen aus. Demenz – das ist ein Angstthema unserer älter werdenden Gesellschaft. Tanzregisseurin Helena Waldmann wollte dieses Schreckgespenst in ihrer Choreografie Revolver besorgen von 2010 „entschreckgespenstern“, wie sie in einem Interview erzählt. Gesellschaftsgeister der Gegenwart, soziale Themen, mit denen Choreografen auch Unangenehmes anstoßen, abfragen und in Bewegung übertragen – das ist inzwischen häufig zu sehen in der Tanz- und Performanceszene.

Reflektoren der Gesellschaft

Für den Berliner Choreografen Christoph Winkler besteht eben darin sein Auftrag als subventionierter Künstler: ein Reflektor sein, etwas über die Gesellschaft mitteilen. Gesellschaftliche Relevanz über den Tanz hinaus ist zentrales Kriterium für die Themen, die er behandelt. Das Urheberrecht zum Beispiel. Mit Dance! Copy! Right? hat Winkler 2012 ein Stück entworfen, das sich mit grundsätzlichen Fragen des geistigen Eigentums beschäftigt. Es zählt zu seiner Trilogie Dance & Politics – auch da verweist schon der Titel auf einen erweiterten Tanz-Horizont.

Eine andere Winkler-Trilogie befragt „böse“ Charaktere im Tanz. InBaader – Choreografie einer Radikalisierung entwickelt der Choreograf eine Charakterstudie mit den Mitteln der Bewegung. Historisch komplettiert wird die Inszenierung durch Quellentexte und Dokumentationen über den RAF-Terroristen. RechtsRadikal, Winklers erfolgreiches Stück mit dem Blick auf rechtsradikale Frauen, entworfen, bevor Beate Zschäpe und das Terrortrio NSU bekannt wurden, bringt ebenso Brisantes auf die Bühne wie Helena Waldmanns BurkaBondage. Islamische Verschleierung und japanische Fesselkunst sind hier Bilder gesellschaftlicher Zustände. Zwei weibliche Körper treten als Gebundene und Geworfene auf, als Gewürgte und Geküsste. In gewaltiger Atmosphäre zwischen Unterdrückung und erotischer Leidenschaft, zwischen Abstoßung und Anziehung lotet die Choreografin Macht- und Ohnmachtsbeziehungen aus. Das Stück ist ein permanentes Zerren zwischen dem Drang nach Freiheit und nach Unterdrückung.

Existenzielle Fragen stellen

Nicht ohne Grund wird Helena Waldmann von der Kritik als Anthropologin unter den Tanzregisseuren bezeichnet. Beherzt wühlt sie sich durch menschliche Ängste und Realitäten. Bequem ist es da selten im Theatersessel. Überhaupt fordert ein Tanztheater, das soziale Themen gelungen darstellt, eine Haltung des Zuschauers ein.

Der französische Choreograf Jérôme Bel arbeitete für Disabled Theater mit der Schweizer Compagnie Theater Hora zusammen. Professionelle Schauspieler mit geistigen Handicaps verunsichern die vermeintlich gesicherte Position des Publikums als Konsumenten. Bels dokumentarisches Konzepttheater rüttelt an der Rezeption: Wie reagiert man, wenn sich Darsteller mit Down-Syndrom dem Publikum vorstellen, wenn sie selbst choreografierte Soli tanzen, wenn sie ihre Behinderung benennen? Heftiger Beifall, lautes Lachen, zurückhaltendes Weinen. Vor allem aber entsteht ein Gefühl des Unwohlseins. Die Konfrontation kratzt an der (Selbst-)Wahrnehmung.

Bei dem Choreografen Samir Akika – mittlerweile Chefchoreograf am Theater Bremen – ist Tanz eine Lebensangelegenheit. Wer bin ich? Wo gehöre ich hin? Was ist mir wichtig? Solchen existenziellen Fragen gehen seine Tänzer auf der Bühne nach. Die Realität, für die Akika sich ästhetisch vor allem interessiert, ist die der jugendlichen Subkulturen. In Headspin Critical Mess, das er am Essener Schauspiel inszenierte, trifft diese Subkultur auf Hochkultur, trifft freie Szene auf Stadttheater, Operngesang auf Beatbox, Breakdance auf klassische Klaviermusik.

Mit der Darstellung aktueller sozialer Themen bleiben die Choreografen nicht an der bloßen Oberfläche. Tanz, der immer auch berührend sein kann und soll, wird hier zum Plädoyer, er bedeutet Partizipation und Intervention. Choreograf Christoph Winkler erklärt die Ursache auf ganz einfache Weise: „Ich nehme ja auch am Leben teil.“