Akte der Hingabe Der Kuss als Element von Performance und Choreografie

„Romantic afternoon“ von Verena Billinger und Sebastian Schulz
„Romantic afternoon“ von Verena Billinger und Sebastian Schulz | Foto (Ausschnitt): © Billinger/Schulz

Der Kuss ist in aller Munde. Weit davon entfernt, romantische oder erotische Geste zu sein, etabliert er sich auf der Bühne als Handlung, die den Körper noch radikaler zur Debatte stellt als Sprache oder Gesang.

Küssen gehört, neben Nahrungsaufnahme und Artikulation, zu jenen Körpertechniken, die an den Mund geknüpft sind und in der sich das Subjekt weiten kann. Doch während bei Artikulation und Ernährung die Souveränität zumeist unangetastet bleibt, liefert sich der Mensch im Kuss aus. Küssen heißt nicht nur, zugunsten des Lustgewinns in den anderen vorzudringen, sondern sich ebenso zum Objekt, zur Gabe zu machen.

Selbstaufgabe im Kuss

Diese Hingabe zeitigt unterschiedliche Stadien: Ihren Ausgangspunkt findet sie stets in den Lippen, die durch Elastizität und Kontraktion eine Sogwirkung entfalten und dafür sorgen, dass das Gegenüber haften bleibt. Das anschließende Spiel von Zunge und Zähnen ist eine universale Sprache, die ohne Worte bleiben muss. Dies nährt den Verdacht, dass ein fleischfressender Drang ihr Fundament bildet und Liquidation ihr ursprünglicher Zweck ist. Denn nicht nur der Austausch von Geruch und Geschmack, auch das Einspeicheln, Knabbern und Beißen gehören zur Liebkosung. So wird der Körper im Kuss als etwas erfahren, das durchbrochen, aufgeweicht und ausgesogen werden kann. Zuletzt raubt der Kuss den Atem. Die Okkupation der Atemwege durch fremde Lippen und Zunge verlangt Atempausen oder die Synchronisation mit dem Gegenüber. Hierbei muss der Organismus mit jenem Quantum Sauerstoff vorlieb nehmen, das der andere übrig lässt.

Als globalisiertes Phänomen am Ende?

Der Kuss ist keine universale anthropologische Praxis, sondern eine symbolischer Akt. Zahlreiche Zeugnisse in Schrift, Bild und Skulptur belegen zwar die starke Verbreitung dieser Geste, ihren globalen Siegeszug hat sie erst durch das Kino angetreten. Dank Hollywood ist der Kuss omnipräsent und zum Synonym für das Happy End geworden. Der französische Philosoph Christian Lacroix moniert denn auch, dass im Film die Kunst des Kusses an ihr Ende gelangt sei – ein Irrtum. In Tanz und Performance wird der Kuss derzeit verstärkt eingesetzt und fernab der Klischees in seiner Ambivalenz, als Gabe und als Waffe, als Verlockung und Enttäuschung, ausgespielt.

Geküsst werden, ein Affront

2001 drapierte sich die Künstlerin Nezaket Ekici im Abendkleid und mit verbundenen Augen auf einer Chaiselonge in einem Belgrader Museum. Die titelgebende Anweisung Catch a turkish kiss forderte die Reflexion ein, welche Gewalt und welcher Zwang hierfür notwendig sind. Blind gegenüber den Attacken und darum bemüht, Haltung zu bewahren, führte Ekici vor Augen, dass die Hingabe im Kuss einer gewissen Etikette unterliegt und sich weniger durch brachiale Kraft, sondern bestenfalls durch List einfordern lässt.

2011 funktionierten russische Aktivistinnen die intime Gabe zur Waffe um. Sie überwältigten die Milizionärinnen der Moskauer U-Bahn mit spontanen Küssen, derer sich die Opfer kaum erwehren konnten. Durch diesen Übergriff auf „Staatskörper“ trat das Individuum einen Moment hinter der Uniform hervor, wurde die Hingabe an den Staat und dessen Autorität bloßgestellt. Auch diese Performance richtete sich explizit an Beobachter, die Kussattacke funktionierte nur aufgrund ihrer medialen Spiegelung auf Youtube und der Bloßstellung der Geküssten.


Kussoffensive in der Moskauer U-Bahn (Youtube.com)

Folgenreiche, leere Küsse

Unter diesen Vorzeichen ist es nur konsequent, wenn der Kuss nicht mehr – wie in der Operette – umspielt, sondern zur zentralen Handlung wird. In Romantic afternoon von Verena Billinger und Sebastian Schulz besteht die Choreografie einzig aus Küssen, in die alle auf der Bühne gleichermaßen involviert sind. Doch der Kuss droht, sobald die Ausstellung sein einziger Zweck wird, in die Pose abzugleiten. Er ist infolge kein Akt der Entgrenzung mehr, sondern eine leere Formel des Begehrens, die gegenüber allem zur Anwendung kommt, was einen Mund hat.

In diesem Leerlauf steckt der Kern des Küssens. Der psychoanalytischen Theorie nach zielt das Begehren auf die ganzheitliche Schließung des Subjekts und bleibt doch zum Umweg über den anderen verdammt. Die tatsächliche Schließung ist einzig im Tod zu erreichen. Diese Prämisse greift das Duo Gradinger/Schubot auf, deren Exerzitien zur Selbstauflösung ebenfalls im Kuss münden. Fernab von Romantik oder Erotik wird er zum Ausdruck der Enttäuschung und Desillusionierung. Von den Bemühungen um Synchronisation geschwächt, trudeln die Tänzer Mund an Mund umeinander, zwei singuläre Körper, in Rotation gebunden.

In einem weiteren Stück dieses Zyklus namens Les petits morts – I hope you die soon ist aus der versuchten Selbstüberwindung ein dritter Körper hervorgegangen, der in seiner Massivität und Trägheit die Autonomie der beiden ursprünglichen Körper torpediert – ein gleichsam realistischer wie gewitzter Kommentar, mit dem das Spiel um Begehren und Hingabe erneut anhebt. Gleiches könnte man von This is concrete von Jefta van Dinther und Thiago Granato sagen.