Bühnenelemente Der Tanz der Dinge

Eva Meyer-Keller „Pulling Strings“
Eva Meyer-Keller „Pulling Strings“ | Foto (Ausschnitt): © Eva Meyer-Keller

Auf den Bühnen der Gegenwart tanzen nicht nur Tänzer, auch Dinge werden in Bewegung gesetzt. Damit gerät die Grenze zwischen Subjekt und Objekt ins Changieren.

An langen Seilen, die über Umlenkrollen an der Decke laufen, werden drei Scheinwerfer über den Boden gezogen. Sie torkeln etwas, ihre gelben Lichtkegel irren wie Suchscheinwerfer über Boden und Wände, bevor sie sich in die Luft erheben und dort einen kurzen, schwebenden Tanz vollführen, dessen Rhythmus das Klackern des Apparats bildet.

In der Choreografie Pulling Strings porträtiert Eva Meyer-Keller Theaterräume, indem sie an ihnen vorgefundene Dinge in Relationen setzt und in Bewegung bringt. Im Performancebereich lässt sich in den letzten Jahren ein verstärktes Interesse an einem Theater der Dinge beobachten, wie bei Philipp Quesne, dessen Abende ihren besonderen Zauber dem Bedeutungswandel der Dinge verdanken – wenn aus riesigen Gummiluftkissen beispielsweise ein Freizeitpark wird. In der Choreografie, die man ja schlicht als Organisation von Bewegungen in Zeit und Raum definieren kann, ist es entsprechend der Tanz der Dinge, der interessant wird. Beide Tendenzen sind natürlich nicht neu, pflegen Künstler doch seit Anbeginn der Moderne ein besonderes Interesse an der Materialität. Auf den Bühnen der Gegenwart wird diese in besonderer Weise fortgetrieben.

Objekte als Subjekte, Tänzer als Arbeiter

Während Lebewesen – und mit ihnen natürlich der Tänzerkörper – sich notwendigerweise permanent auf ihre Umwelt beziehen und aktive, weltlich und zeitlich bedingte Existenzen sind, sind die Dinge passiv. Sie ruhen in sich selbst, sie sind welt- und zeitlos. Werden sie von Subjekten benutzt, so verwandeln sie sich in Objekte oder Gegenstände. Gerade im Theater können unbelebte Dinge durch ihre Verwendung einen Ausdruck erhalten und zu Akteuren werden. Sie werden in einen changierenden Zustand zwischen Subjekt und Objekt versetzt.

Dies hat umgekehrt Konsequenzen für die Subjekte auf der Bühne, für die Rolle und Haltung der Performer oder Tänzer. Sie führen sich nicht selbst auf, ihre Konzentration und ihre Körperspannung richtet sich auf die Dinge, mit denen sie hantieren, die sie sich einrichten und manipulieren – darauf verweist auch Eva Meyer-Kellers TitelPulling Strings. Der Tänzer ist ein Bühnenarbeiter, dessen körperliche Präsenz eine Notwendigkeit ist und keine Kür, seine Performance ist eine Ausführung, keine Aufführung.

Ausgetüftelte Bühnenmaschinerien

So wuseln die Performer in Pulling Strings minutenlang herum, tragen Dinge umher, ziehen Schnüre, drücken Knöpfe. Der Sinn ihres Treibens erschließt sich dem Zuschauer nicht unmittelbar, er erfährt ihn erst, wenn sich die ausgetüftelte Maschinerie in Bewegung setzt. Dann fahren beispielsweise, wie bei PACT Zollverein in Essen, die Traversen mit Scheinwerfern gen Decke, während sich am Boden klackernd Seilspulen entrollen, an deren anderem Ende kleine, schwarze Steine hängen. Eva Meyer-Keller interessiert sich spielerisch für Kräfteverhältnisse und Ding-Relationen, sie bringt in ihren Raumporträts die Mechaniken und Mittel der Orte zur Wahrnehmung und setzt sie in Bewegung. Auch in ihren früheren Arbeiten widmete sich die Performance-Künstlerin, die Bildende Kunst ebenso wie Tanz studiert hat, den Dingen. In ihrer vielgereisten Performance Death is Certain (2002) erprobte sie mit Kirschen unterschiedlichste Todesarten.

Im Metallkonfetti-Regen

In Mette Ingvartsens The Artificial Nature Project sind es weniger Dinge, die zum Akteur werden, als vielmehr eine Materieanhäufung. Der Bühnenboden ist bedeckt mit Metallkonfetti. Sieben Tänzer in einer Arbeitsmontur, die auch Gesicht und Kopf verhüllt, setzen das Konfetti in Bewegung, sodass es immer neue Formen bildet, die an Schneestürme oder Wasserfontänen, an stiebende Funken und wogende Wellen erinnern. Schon 2009 hatte die dänische Choreografin, die in Brüssel am P.A.R.T.S. (Performing Arts Research & Training Studio) studierte, mit Evaporated Landscapes eine Choreografie aus Licht, Nebel, Schaum und Klang geschaffen. Aus den eigentlichen Spezialeffekten des Theaters wurden seine Protagonisten, einzige Performerin war die Choreografin selbst, die die Technik bediente.

Mensch und Welt

Auch beim Artificial Nature Projectbleibt der Mensch der erste Beweger, die Tänzer übertragen ihre Kraft auf das Material, das aber auch eine Eigendynamik entfaltet. Aus dem industriellen Abfallprodukt werden flüchtige künstliche Landschaftsbilder, die Erinnerungen an natürliche Phänomene wachrufen. Wie die natürlichen Phänomene selbst sind auch die künstlich geschaffenen ambivalent, einerseits zauberhaft und idyllisch, andererseits aber auch bedrohlich. Die Tänzer sind Arbeiter, während eine amorphe Masse der Protagonist ist. Doch diese Differenz oszilliert stets: Jene, die mit ihrer Körperkraft die Materie in Bewegung setzen, verschwinden fast hinter ihr und werden doch von ihr bedroht – schließlich schützt die Kleidung die Performer tatsächlich vor den Metallspänen.

Arbeiten wie diese, die sich mit Objekten auf der Bühne auseinandersetzen, diskutieren zudem auch das Verhältnis vom Menschen und seiner Umwelt, seinem Lebensraum, der von Menschenhand geschaffen oder gestaltet ist, sich seiner vollständigen Kontrolle jedoch immer auch entzieht. Er bietet einen Spiel-Raum, der auch bedrohlich umschlagen kann. Die Tücke liegt im Objekt. Und das wird im zeitgenössischen Tanz auch selbst zum Tänzer, zum Träger der Bewegung.