Kulturerbe Tanz Geschichte wird gemacht

Screenshot der Homepage des Tanzfonds Erbe
Screenshot der Homepage des Tanzfonds Erbe | © Tanzfonds Erbe

Seit einigen Jahren wächst das Interesse am „Kulturerbe Tanz“. In einem Zusammenspiel aus Förderpolitik, Kunstpraxis und Neuen Medien wird die Geschichte zum Gegenstand des Tanzes.

„Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern“, so ging ein beliebtes Bonmot im nachrichtenversessenen Berlin der Weimarer Republik. Nur das Aktuelle war von Belang, nur über das Allerneueste mochte man debattieren. Es war zugleich die Aufbruchszeit des Modernen Tanzes, der sich ebenfalls darin gefiel, nur im steten Neuschöpfen nach vorn zu schauen. Die Traditionen der Tanzkunst, ob nun klassisches Ballett oder die frivolen Formen des Varieté, galten wenig. An dieser Einstellung hat sich über die Jahrzehnte überraschend wenig geändert. So dass auch im Bereich des Zeitgenössischen Tanzes die Herkunft weniger wichtig war als die Zukunft. Neue Stücke schaffen, originelle Arbeiten vorlegen, mit Konventionen brechen und den eigenen Stil durchsetzen, das sind bis heute Grundlagen von Tanz und Choreografie.

Aus alt mach neu

Doch ist das nur eine Seite der Medaille. Denn natürlich fragt sich jeder Künstler im Laufe seiner Ausbildung und seiner professionellen Laufbahn, woher er eigentlich seine Ausdrucks- und Gestaltungsmittel bezieht. Welche Grundlagen hat er und auf was reagiert er. Das können soziale Themen sein, kunstimmanente oder wissenschaftliche. Zunehmend geht es aber auch um Geschichte. Das Erbe des Tanzes, also die Gesamtheit seiner historischen Entwicklung, seiner Werke, Figuren und Diskurse, hat sich in den letzten Jahren ins Bewusstsein der Kunstwelt gebracht.

Sowohl auf institutioneller Ebene wie auch im Schaffen einer wachsenden Zahl von Choreografen tritt die Frage nach dem Vergangenen der Kunstform immer weiter in den Mittelpunkt. Waren anfangs vor allem Performance Art, Postmodern Dance und Judson Dance Theater Gegenstand der – meist kritischen – Auseinandersetzung, verbreitert sich das Feld nun in zwei Richtungen. Einerseits sind Choreografen selbst an der Pflege ihres eigenen Repertoires interessiert, das sich, wie etwa im Fall von Pina Bausch oder William Forsythe, über nun schon fast vier Jahrzehnte erstreckt. Andererseits tritt auch die Tanzkultur der Vorkriegszeit wieder aus dem Dickicht der Heiligenlegenden hervor. Man erkennt, dass neben Rudolf Laban, Mary Wigman, Gret Palucca oder Harald Kreutzberg auch viele andere Persönlichkeiten Wesentliches zur Entwicklung beigetragen haben. Und schließlich ist die Geschichte des Tanzes in Osteuropa noch sehr lückenhaft erschlossen, wobei hier auch ganz „neue“ Elemente wie Folklore oder Sozialistischer Realismus in den Blick treten.

Die Wende zum Erbe

Viele Institutionen sind an diesem „Historic Turn“ beteiligt, in Europa wie in den USA. Ganz aktuell ist es aber die Kulturstiftung des Bundes (KSB). Mit ihrem 2011 aufgelegten Programm „Tanzfonds Erbe“ bündelte sie die Initiativen und Interessen und stellte insgesamt rund 2,5 Millionen Euro zur Verfügung, um künstlerische Projekte zu fördern, die sich explizit mit dem Erbe des Tanzes in Deutschland befassen. Der ersten Vergaberunde im März 2012, bei der zehn Vorhaben zur Förderung ausgewählt wurden, folgte Anfang 2013 die zweite, erheblich besser dotierte Tranche. 22 Projekte werden gefördert. Darunter sind Filmvorhaben, Internetplattformen, Nachbarschaftsaktionen, aber vor allem natürlich Wiederaufnahmen beziehungsweise Rekonstruktionen im zeitgenössischen Kontext.

Künstlerarchive

Künstler, die es sich personell und institutionell leisten können, sind vermehrt dazu übergegangen, ihre eigenen Archive zu gestalten – oftmals auch mit Unterstützung der KSB. Sie hoffen, auf diese Weise die Dokumentation und Präsentation ihres Œuvre besser und selbstbestimmter gestalten zu können, als das nach klassischen Regeln des Archiv- und Bibliothekswesens möglich scheint. William Forsythes Motion Bank ist nur eines dieser netzbasierten, elektronischen Modelle. Es versucht, choreografische Wirklichkeiten anhand von komplexen Scores und aufwendiger Aufzeichnungstechnik aufzubewahren. Die Pina-Bausch-Stiftung arbeitet ebenfalls an einem spezifischen System zur Erfassung, Kommentierung und Erschließung nicht nur der vielen Live-Aufzeichnungen von Aufführungen des Wuppertaler Tanztheaters in aller Welt, sondern auch der dazugehörigen Materialen wie Proben-Videos, Erinnerungen von Tänzern mit ihrem leibhaften Erfahrungswissen.

Neue Medien, neue Perspektiven?

Bei all diesen Anstrengungen, aufgrund von technischen und rechtlichen Schranken kaum für eine breitere Öffentlichkeit sichtbar, wird die klassische Historiografie auf den Prüfstand gestellt. Die Auswahl der Quellen folgt subjektiven Kriterien und gerät zu einer Verlängerung der künstlerischen Arbeit ins Archiv hinein. Nicht mehr der Blick von außen auf einen Gegenstand zählt, sondern die bestmögliche Übertragung der Künstlerintention in andere Medien als die der Aufführung. Ob dabei die Modewörter von „neuen Wissensordnungen“, „netzbasierter Vermittlungskultur“ oder „körperlicher Erlebnisgeschichte“ tatsächlich zu den generierten Inhalten passen, bleibt abzuwarten. Einstweilen aber gilt: „Nichts ist so jung wie die elektronische Fassung der Aufführung von gestern.“