Tanzausbildung Tänzer von morgen

Das Bundesjugendballett
Das Bundesjugendballett | Foto (Ausschnitt): © Marcus Renner

Maßgeschneidert und dennoch vielseitig soll die Tanzausbildung heute sein. Der Weg in die Professionalität ist eng verknüpft mit einem neuen Selbstverständnis für den Tänzerberuf.

Es zählt die Individualität. „Ich heiße Winnie, bin 21 Jahre alt, und ich tanze“. In Jeans und leuchtend gelbem Top steht die Brasilianerin Winnie Dias auf einem Podest mitten auf dem Hamburger Rathausmarkt umringt von einer Gruppe Schüler, die sie – mehr Popstar als Ballerina – nach zuvor einstudierter Choreografie zum Tanzen animiert. Arme recken sich begeistert in die Höhe, mit strahlendem Gesicht folgen die Kinder massenhaft den anmutigen Bewegungen der Tänzerin, hüpfen auf der Stelle, rotieren im Kreis, Antonio Vivaldis Jahreszeiten-Musik heizt über Lautsprecher den Rhythmus an.

Ein neues Selbstverständnis

Das groß angelegte Schulprojekt ist nur eines von vielen Aktivitäten, in die das Bundesjugendballett seit der Gründung im September 2011 nicht nur in Hamburg involviert war. Die Bandbreite reicht von der Gala-Veranstaltung über Clubabende bis hin zu Workshops in Strafanstalten. Aufstrebende Choreografentalente wie der Kanadier Robert Binet oder die Ungarin Natalia Horecna erhalten hier viel beachtete Chancen, ausnahmsweise kreiert John Neumeier auch schon mal persönlich für die von ihm ins Leben gerufene international besetzte Jugendkompanie. Meist aber entwickeln die acht Nachwuchstänzer ihre eigenen Stücke, umarmen dabei gleichsam die Hochkultur wie die Kultur der Straße, vereinen Kunst und gesellschaftliches Engagement. Dem Beruf des Tänzers geben sie ein neues Selbstverständnis. Nicht zuletzt dafür wurde dem Bundesjugendballett am 2. März 2013 im Essener Aalto Theater der Deutsche Tanzpreis Zukunft verliehen.

Zukunft Tanzausbildung – mit wem messen wir uns?

Winnie Dias hat an der Tanzakademie Mannheim studiert, vier ihrer Kollegen an der Ballettschule des Hamburg Ballett. Ein Bindeglied zwischen Schule und Kompanie, wie sie vergleichsweise die Junior Company München zwischen der Ballett-Akademie der Heinz-Bosl-Stiftung und dem Bayerischen Staatsballett darstellt, will das von Berlin finanzierte Bundesjugendballett nicht sein. Die Frage nach den Zielen von Ausbildung für den Beruf erregt dennoch allerorts die Tanzgemüter. Und zwar so sehr, dass die staatlichen Tanzausbildungsinstitutionen 2007 die Ausbildungskonferenz Tanz, kurz AK|T, gründeten. 2008 gelang es der ersten Biennale Tanzausbildung im Rahmen von Tanzplan Deutschland, erstmalig die Ballett-Akademien aus München, Hamburg, Stuttgart mit den modern und zeitgenössisch ausgerichteten Hochschulen, die Palucca Hochschule in Dresden, die Folkwang Universität der Künste in Essen, die Hochschulen für Musik und Theater Frankfurt, Mannheim, Köln, das Hochschulübergreifende Zentrum Tanz Berlin (HüZT), in einen aktiven Dialog und die Studenten in einen Trainingssaal zu bringen. 2014 findet in Dresden bereits die vierte Biennale statt.

Das Tanzstudium in Deutschland ruft nach Wandel, will man, wie es die kürzlich verstorbene stellvertretende Leiterin der Münchner Akademie, Konstanze Vernon, anstrebte, „das Niveau so anheben, dass wir mit Russland und den USA mithalten können“. Maßgeschneidert und gleichzeitig vielseitig soll ausgebildet werden. Es stellt sich die Frage, ob eine starke klassische Technik nach wie vor ausreicht für Tänzer, die am Ende alles können und jeden Stil bedienen sollen? Bereits Ende der 1990er-Jahre hatte Dieter Heitkamp mit Antritt seiner Professur in Frankfurt begonnen, die Studien- und Trainingsinhalte bei den Wurzeln zu packen. Eine Synthese aus Klassik (inklusive Spitzentanz) und zeitgenössischer Tanz- und Körperarbeit ist das Ergebnis, ganz im Sinn des radikalen Balletterneuerers William Forsythe, der als Honorarprofessor prägend wirkt.

Erfinde dich!

Kreise zieht in Frankfurt darüber hinaus das von Tanzplan Deutschland initiierte Tanzlabor_21, das seit 2005 in Kooperation von Hochschule, Universität und dem Künstlerhaus Mousonturm zur Entwicklung einer dynamischen, experimentier- und diskursfreudigen Tanzszene beiträgt. In Berlin hatte man ebenfalls im Zuge von Tanzplan Deutschland zwei neue Studiengänge als Pilotprojekte eingerichtet, die sich mittlerweile fernab von einem Konkurrenzanspruch wie er Vernon vorschwebte, etabliert haben. Physisches Lernen im Kontext von Kunsttheorie und Gesellschaftskritik, so lassen sich die weitgehend selbstbestimmten Studiengänge umschreiben. Ein Masterabschluss in Solotanz steht am Ende des einen: Individualität zählt. Denn im Tanz gilt wie in jedem anderen Beruf: Erfinde dich selbst.

Tanzgeschichte wird kulturelle Praxis

Der Weg in die Professionalität beginnt nicht erst mit dem Abschluss. Bereits während der Ausbildung präsentiert man sich einem Publikum: als selbstbestimmter Künstler und nicht als Schüler. Ein neues Geschichtsbewusstsein ist erwacht, ein Interesse an den Idolen von damals, betrachtet vor dem Hintergrund von Kunst und Gesellschaft heute. Sture Repertoirepflege ist nicht länger Gegenstand des Unterrichts sondern individuelle Recherche, nicht selten im Licht der eigenen (Tanz-)Biografie.

Der denkende Tänzer, wie ihn der einflussreiche Reformpädagoge Rudolf von Laban einst postulierte, gilt mehr denn je. Und so verschränkt die Berliner HüZT-Absolventin Jasmin Íhrac in ihrem Solo Trois Voies eigene Schritte mit dem Vokabular der Choreografin Trisha Brown und der gestikulierenden Rede des Philosophen Slavoj Žižek: Eine Begegnung auf Augenhöhe.