VA Wölfl Neuer Tanz und „kurze Stücke“

Bei VA Wölfl dreht sich alles um das Publikum. Dessen Reaktion auf das Geschehen wird zum aktiven Bestandteil der Performance. Ob in Paris oder Düsseldorf-Benrath, „CHOR(E)OGRAFIE / JOURNALISMUS: ‚kurze stücke‘“ macht aus dem Zuschauer einen reflektierenden Betrachter.

CHOR(E)OGRAFIE / JOURNALISMUS: „kurze Stücke“ von VA Wölfl CHOR(E)OGRAFIE / JOURNALISMUS: „kurze Stücke“ von VA Wölfl | Foto: © VA Wölfl

VA Wölfl choreografiert. Man darf das einmal so in den Raum stellen, als Aussage oder einfach als Behauptung, kurz und trocken, wie ein Schuss aus dem Revolver. Aber sind die Bilder in seinen Stücken nicht eher lebende Skulpturen oder Grafiken? Zum Beispiel Waffen: Die sind hier nicht zum Schießen da, sondern als Antipode des Spitzenschuhs, statt des Fußes den Arm verlängernd.

Obwohl er schon früh vom Bauhaus inspirierte Darstellungen klassischer Tänzer schuf, war Wölfls Weg keineswegs vorgezeichnet. Er studierte Kunst, wollte ursprünglich Maler werden, ging an die Folkwangschule Essen und studierte dort Fotografie. Bis heute beschränkt sich sein Schaffen nicht auf die Bühne. Wölfl malt, fotografiert oder konzipiert Installationen. Er füllt leere Räume mit Formen und Zeichen, die den Betrachter direkt nach seiner Art der Wahrnehmung befragen. Anders herum ist ein echter Wölfl für die Bühne ein Kunstwerk, das einen bewussten Bezug zur Zeit herstellt, ähnlich jenem, den man als Besucher einer Ausstellung entwickelt.

Jeder entscheidet selbst die Dauer des Stücks

Es gibt in diesem spektakulären Theater der Operationen keine vierte Wand. Die konsequenteste Form wäre letztendlich ein Aufheben der temporalen Linearität. Kurze Stücke kommt dem Modell einer Tanz-Installation in verschiedenen Räumen schon recht nahe. Die Reihenfolge der Szenen ist variabel. Die Kompanie ändert sie nicht nur in Bezug auf eventuelle räumliche Zwänge der jeweiligen Spielstätte. „Im Pariser Théâtre de la Ville wechselten wir den Ablauf täglich“, erklärt der so gemütlich wie verschmitzt wirkende Wölfl in seiner Wirkungsstätte nahe dem Benrather Schloss. Dort feierten die Darsteller bereits im Foyer mit dem Publikum, als im Saal ein letztes Grüppchen weiter ausharrte, auf einen x-ten Wiederbeginn wartend. Neuer Tanz, das bedeutet: Jede und jeder entscheidet selbst, wie lange für sie oder ihn die kurzen Stücke dauern. Im Mai 2013 gab es im Rahmen des Festivals tanznrw13 zwei Fassungen. „Die Version Paris dauert circa anderthalb Stunden. Die Version Benrather-Linie dauert circa drei Stunden“, erläuterte der Programmzettel. Nun dauerte aber gerade die im Théâtre de la Ville im Januar 2013 gezeigte Fassung in etwa drei Stunden, zumindest für jene Zuschauer, die gewillt waren, bis zum Ende an Wölfls Spiel mit ihnen teilzunehmen. Oder dauerte kurze Stücke hier gar ein Jahr und drei Stunden? Das Théâtre de la Ville setzte irrtümlich das Jahr 2012 auf seine Plakate.

Ausharren lohnt sich

Wölfl verwirrt. Es begann schon auf der Straße. In Stretch-Limousinen umkurvten die Tänzer den Theatervorplatz mit seinem Springbrunnen, als wäre es ein Schlossgarten. „Wo sonst kann man das heute noch so schön machen“, freute er sich. In silbernen Glitterkostümen entstiegen sie den Karossen, durchschritten das Foyer und führten das Publikum in den Saal. Auf der linken Bühnenseite eine Reihe E-Gitarren. Links zwei Ballmaschinen, ihre gelben Tenniskugeln ziellos durch den Raum feuernd und dabei Zufallstreffer produzierend, was die Saiten aufheulen ließ. Diese beiden „Stücke“ waren für sich in der Tat recht kurz. Es folgten deutlich längere Bilder, teilweise kaum äußerliche Aktion enthaltend, im Wechsel mit plötzlichen, verbalen Ausbrüchen direkter Narration. Mal gedehnt und mal gestaucht, entwickelt die Zeit einen Akkordeon-Effekt, genau wie gegen Ende das Publikum selbst. Das Licht geht aus, die Bühne leert sich. Doch dann erscheint niemand zum Applaus und das ratlose Publikum verlässt nach und nach den Saal, obwohl es spürt, dass hier noch etwas Besonderes geschehen dürfte. Wer am längsten ausharrt, sieht auch das nächste kurze Stück von Beginn an. Viele kehren nun zurück. Doch Viele sitzen da schon in der Metro.

Dieses Spiel wiederholt sich mehrfach, und Neuer Tanz behält sich vor, es beliebig lange fortzusetzen. Dass es ihm gelang, in Paris eine wahre Choreografie des Publikums für hunderte von Personen zu schaffen, erfüllte Wölfl mit stolzem Schmunzeln. In Benrath kennen sie seine Tricks bereits und reagierten eher gelassen. Doch ob überrascht oder routiniert, der Zuschauer ist aufgefordert, sich mit dem Bild der leeren Bühne, auf der allein die am Boden verteilten Gewehre auf ihren Drehtellern noch Bewegung schaffen, auseinanderzusetzen. Dies ist, subjektiv empfunden, das längste kurze Stück. Man mag auf seine ganze Erfahrung zurückgreifen, um den Fortgang der Dinge zu antizipieren, Taktikfuchs Wölfl ist immer einen Schritt voraus. Bleibe ich? Gehe ich? Je mehr die Frage zwickt, umso mehr wird jeder Zuschauer für sich zum Akteur. Beim Abwägen der Gründe entsteht eine Offenbarung der anderen Art. Man wird zum Journalisten, der für sich selbst von dem Gesehenen berichtet, live aus dem Saal, oder aus dem Foyer. Heißt es deshalb: CHOR(E)OGRAFIE/JOURNALISMUS: kurze stücke?